Garten: Schau!



Tango argentino auf der Gartenschau in unserer Kreisstadt Pfaffenhofen:

Während sich die Arbeitswoche dem Ende zuneigt, wird im Bürgerpark unter freiem Himmel das Tanzbein geschwungen: Mit der Veranstaltungsreihe ‚Die Gartenschau tanzt‘ können alle Tanzbegeisterten, ob Anfänger oder Profi, bei Mitmach-Tanzrunden die Seele baumeln lassen, über das Parkett wirbeln und die Sonne genießen.“
„Lassen Sie sich am feurigen Tango-Tanzabend von den heißen Rhythmen des temperamentvollen Tanzes und seiner musikalischen Begleitung anstecken.“

Sehr lustig – insbesondere bei der Nennung des Namens der DJane und Tangolehrerin, welche bekanntlich eine „Hundertprozentige“ ist. Mithin wohl pure EdO-Langeweile zu erwarten sowie eine solide satirische Fallhöhe („über das Parkett wirbeln“) garantiert! Und stimmt, ja, der Veranstalter hatte mich schon vor einem Jahr angesprochen: Ob ich da mittun könne? Inzwischen hat man ihn wohl darüber aufgeklärt, dass ich im Tango der schweren ideologischen Abweichung überführt bin…

Daher, wie in unserer geliebten Ilm-Metropole so üblich, Rekrutierung der Kulturschaffenden lieber aus fernen Bezirken, in dem Fall Landshut und Fürstenfeldbruck: „Das Trio Brise Parisienne (Regina Mück, Werner Sinner und Andreas Kink) ist dem Tango treu ergeben. Beeindruckend ist die musikalische Vielfalt. Neben Stücken von Piazzolla, Pugliese, Troilo usw. gibt es auch jiddische Liebeslieder, französische Musettewalzer, italienische Canzone zu hören. Und immer hört es sich nach Tango an.“

„Brise Parisienne“ (damals noch als Duo) kenne ich seit meiner Tango-Frühzeit: wunderbare Musik mit zartem, romantischem Klang – meilenweit entfernt von dem, was sonst auf hiesigen Milongas dudelt. „Musikalische Vielfalt“? Und das dürfen die tatsächlich spielen – bei den Veranstaltern? Bereits dies ein zwingender Grund, unbedingt hinzugehen!

Doch zuvor die unvermeidliche „Schnupperstunde“ für Neulinge: ein bisschen von einem Bein aufs andere treten und im Kreis laufen, …und in der nächsten Stunde zeigen wir Ihnen dann, was wirklich Tango ist! Parkett zunächst überfüllt, bei Einführung der engen Umarmung dann deutlich gelichtet… Tja, die Emotionalität des Gemeinen Holledauers!

Ich frage mich immer: Was sollen diese Tango-Discount-Häppchen zu Beginn? Werbeversprechen: Tango ist ganz leicht, man muss nur gehen! Wieso nicht lieber eine Vorführung der verschiedenen Musikvarianten und Tanzstile dazu, inklusive allgemeiner Informationen? Und dem Hinweis, dass man viel lernen muss, bis es nach Tango ausschaut! Kommentar eines Zusehers: Na gut, das könne er sich nachts um zwei in einer engen Kneipe vorstellen, aber sonst… zu langweilig!

Immerhin erfuhren die Teilnehmer der Einführungsstunde bereits das Wichtigste im Tango: Dass man als Anfänger von allen Seiten beglotzt wird!

Dann die Milonga: Dank reichhaltigen Aufkommens von Szene-Mitgliedern reger Betrieb auf der Tanzfläche, wir hatten viel Spaß. Was mich am meisten wunderte: Reihenweise Verstöße der DJane gegen das „EdO-Reinheitsgebot“: Schon im Unterricht die Verwendung „artfremder Musik“ – und nun stellenweise sogar (wenn ich mich nicht verhört habe) Fulvio Salamanca, ja gar Sexteto Milonguero. Und Brise Parisienne durften all das spielen, womit sie auf den umliegenden Milongas ein Haberfeldtreiben ausgelöst hätten!

Ich gestehe mein Vergnügen, dass gestern Abend etliche Tänzer/innen wohl erstmals in ihrem schon längerem Tangoleben zu Piazzollas „Balada para un loco“ tanzen mussten – welch eine Freude!

Was ich mich bei solchen öffentlichen Tango-Demonstrationen immer wieder frage: Welches Bild unseres Tanzes bleibt da bei Laien hängen?

Ich sprach mit einer Gruppe von Interessenten, welche eigentlich hatten Standard-Tango tanzen wollen – in Unkenntnis der Tatsache, dass unsere Szene den Modebegriff „Tango“ längst gekapert hat. Ob denn nun den ganzen Abend ausschließlich argentinischer Tango gespielt würde? Meine Antwort: Ja, das sei zu erwarten, da in dieser Population der „europäische Tanzschul-Tango“ eher, nun ja, abfällig beurteilt würde.

Das hätten sie schon bemerkt, so eine Tänzerin. Als sie vorhin mit ihren Standard-Schritten auf dem Parkett gewesen seien, hätten sie fürchterliche Blicke getroffen! Mein Rat: „Schauen Sie halt fürchterlich zurück! Das ist in der Tangoszene ein bisschen wie bei anderen Sekten: Man muss nicht alles glauben, was die so für wahr halten…“

Und ansonsten? Lustig wieder einmal die nach Geschlechtern getrennten Blicke der Laien aufs eng umschlungene Treiben: Auf den männlichen Gesichtern stand zu lesen: „Bin ich froh, dass ich jetzt nicht tanzen muss“ – und auf den weiblichen das bekannte „Harry und Sally-Motto“: „Ich will genau das, was sie hatte.“ Tatsächlich meine ich, dass ein solcher Anblick zumindest einige an Stellen ihrer Seele trifft, von denen sie bislang noch gar nicht wussten, dass sie solche besitzen. Und das ist gut so.

Die Musik war, vor allem dank „Brise Parisienne“, höchst motivierend – ich glaube nicht, dass den Veranstaltern vorher klar war, was sie da anrichteten: Nach einem solchen Abend könnte man auf die verwegene Idee kommen, auch von „normalen“ Milongas solch inspirierende, vielfältige Klänge zu erwarten.

Aber da – auch wenn das den Laien gestern sicherlich nicht aufging – gilt wohl in der heutigen Tangoszene die alte Eltern-Drohung:
„Warte nur, wenn wir erst daheim sind!“

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