Multifaktorielle Vermittlungshemmnisse



Dieser wunderbare Begriff – so erfuhr ich jüngst aus gut unterrichtenden Kreisen – wird gerne im Umfeld der Bundesagentur für Arbeit und diverser Qualifizierungsmaßnahmen gebraucht. So eingefärbt vermeidet man die politisch unkorrekte Beschreibung als „dumm, arbeitsscheu und versoffen“ einer Klientel, welche man zu meiner Jugendzeit noch „asozial“ genannt hätte.

Auch beim Tango, so fürchte ich, wäre das schöne Wort fallweise durchaus angebracht, allerdings eher auf der Anbieterseite. Schon öfters hat mir das Netz auf der Suche nach Informationen für Anfänger gar Schröckliches aufgetan – nun wollte ich es einmal systematisch probieren:

Daher gab ich am Wochenende bei Google den Suchtext „Tango argentino Schritte lernen“ ein und war gespannt, was sich mir hierzu bieten würde. Auf Platz eins (mit einer sechsstelligen Aufrufzahl) prangte ein alter Bekannter:


(Edit: Das Video ist nun nicht mehr öffentlich zugänglich - ein Rest von Schamgefühl war wohl vorhanden...)


Ich möchte es bei einem Kommentar belassen, welchen ich unter dem Video fand: Au weia. Hoffen wir mal alle, dass nicht versehentlich nen Argentinier reinzappt ;)“
Ja wieso denn? Er unterrichtet die 8-er Basse, quasselt die ganze Zeit – und Musik kommt erst ganz am Schluss. Authentisch argentinisch! (Allerdings hätte ich hier lieber mit der Stechpalme getanzt...)

Auch die zweite Fundstelle beschreibt diesen Schritt, jedoch nur verbal und aus der Sicht des Tänzers. Anschließend wird das Grundschritt-Dingens variiert:

Diese (Basis-)Figur wird nicht immer mit dem hier beschriebenen 1. Tangoschritt begonnen, sondern kennt unterschiedliche mögliche Ein- und Ausstiegspunkte. Auch Verkürzungen sind tanzbar. Beispiel: Der Mann kann die Frau aus der Cruzada (s. 5. Tangoschritt) direkt zurück zum 2. Tangoschritt führen oder auf den 7. Tangoschritt seinen linken Fuß ohne Gewicht an den rechten schließen und mit Seitschritt links direkt zum 2. Tangoschritt gelangen.“

Macht ein Anfänger doch mit links, oder? Und überhaupt:

„Man darf nicht vergessen, dass die Base – hier wurde die Version "paso basico cruzado" beschrieben – nur ein Hilfskonstrukt für ein besseres Vermitteln des Tanzes im Tango-Unterricht ist. Fortgeschrittene Tänzern tanzen sie äußerst selten.
Deshalb wird die Base oftmals nicht als Grundschritt gelehrt, sondern als eine interessante fortgeschrittene Kombination. Besonders der erste Schritt wird normalerweise weggelassen oder durch einen anderen Schritt ersetzt, da bei einem Rückwärtsschritt die Möglichkeit eines Zusammenstoßes mit nachfolgenden Tanzpaaren gegeben ist. In den klassischen Salons der argentinisches Hauptstadt Buenos Aires wird ein solcher Rückwärtsschritt grundsätzlich nicht getanzt.“

Prima, und in der nächsten Stunde lernen wir, dass den ganzen Schmarrn kein Mensch braucht!

Die nächste Quelle rät von solcherlei Einstiegen dringend ab:
Ein guter Tanzlehrer sollte den Argentinischen Tango ‚bühnenreif‘ präsentieren können und nicht direkt mit der Vermittlung von Schrittfolgen wie der ‚Basse‘ beginnen, sondern eher die elementaren Prinzipien des Tanzes wie Körperhaltung, richtiges Gehen, Führen und Folgen an den Anfang des Unterrichts setzen.“

Na gut – „bühnenreif“ lassen wir mal stehen. Warum er mit den „Grundregeln“ in weniger als zehn Zeilen fertig wird, in der Folge allerdings fast vierzig „Figuren“ beschreibt, bleibt das Geheimnis des Verfassers. Höchst fantasiereich wirken vor allem deren Namen:
gelaufener Ocho (vorw)
Luna Media (= Halbmond re)
360° Linksdrehung mit Lapis (= "Bleistift", Rondé)

Die nächste Seite verspricht zwar allerlei Schritte und sonstige Informationen, jedoch nur per Abo für schlappe 9,95 € monatlich. Da auf der Seite „Tango argentino“ das Foto eines angejahrten Standard-Turnierpaars prangt, habe ich das lieber gelassen…

Bei manchen Webseiten fragt man sich, ob der Verfasser selber bislang auch nur einen einzigen Tango selber vollführt oder sich den ganzen Quatsch restlos aus dem Internet zusammengegoogelt hat. Zu den „Tango-Stilen“ erfahren wir beispielsweise:
„Daneben gibt es noch die beiden ausgefallenen Richtungen Tango Milonga und Vals (…) Vals ist eine mit dem Walzer gekreuzte Form des Tangos, ebenfalls mit sehr langer Tradition. Noch heute wird sie auf Tanzpartys in Argentinien sehr gerne getanzt.“

Tango lernen könne man in verschiedenen Städten:
„In München können Sie Tango Argentino in der Schule von Jörg Velletti lernen.“

Weiterhin gibt es – auch für Bayern – eine ellenlange Liste mit Orten, wobei meist lediglich das Angebot eines einzigen, mir völlig unbekannten Tangopaars verlinkt ist, welches einen 90 Minuten-Einführungskurs anbietet:

„Tango ist Stolz, Anmut und Leidenschaft. Sieht es nicht traumhaft aus, wenn die feurigen Tango-Pärchen übers Parkett wirbeln? Das können Sie auch lernen – Sie müssen nur den ersten Schritt wagen. In diesem Tangokurs haben Sie die Gelegenheit dazu und können einfach mal probieren, ob der Tango Sie mitreißt. Lassen Sie sich vom Rhythmus treiben und spüren Sie die Sehnsucht dieses Tanzes. Tango Argentino entsteht aus Empfindung für die Musik, die alles verbindet.
Entzünden Sie das Feuer, das in Ihnen steckt!“
Motto: „Legen Sie eine kesse Sohle aufs Parkett!“  

Der folgende Text stammt von einer Person, welche sich nach eigenen Angaben „viele Jahre von deutschen wie auch von argentinischen Tanzlehrern ausbilden“ ließ:

Die milonguera (die Tango-Tänzerin) mustert die anwesenden Tänzer, ihr Blick streift über mehrere Tische, sie wartet auf das richtige Zeichen. Aber zuerst muss sie einen Fremden direkt und intensiv anschauen. Sein Signal ist ein cabezazo, eine rasches Nicken. Nickt die milonguera mit einem leichten Lächeln zurück, so hat sie das Angebot angenommen. Der milonguero steht auf, lächelt intensiver und kommt zum Platz der Tänzerin. Sie erhebt sich ebenfalls und beide gehen zusammen auf die Tanzfläche. Tut die Frau hingegen so, als habe sie das cabezazo nicht gesehen, dann wird es nichts mit der Umsetzung der Tanzabsicht des Mannes.“

Tja, Wegschauen kann wirklich manchmal helfen…

Heilsversprechen finden sich auf den meisten Seiten von Tangoanbietern. Nicht immer aber ist der Zuckerguss derartig dick:

„Alexandras & Alexanders einfühlsame Schulungsmethode ermöglicht Dir schnelle Fortschritte und ein angenehmes Lernen: Sie vermitteln speziell ‚la sensación del Tango‘ das Tango-Gefühl und damit die Grundlage für das Tanzen auf Tango, Vals und Milonga: Tangotanzen wie in Buenos Aires und Montevideo. Stell Dir vor wie Du schon nach einigen Übungen mit Sinnlichkeit und Achtsamkeit Tango tanzt. Du wirst Dich und Deinen Partner völlig neu erleben. Versprochen.“

Immerhin muss man dem Autor eines lassen: Er ist schon ein süßes Kerlchen…

Eher poesievoll (und gar nicht unsympathisch) versucht es ein anderer Tangolehrer, welcher dann allerdings beinahe in den Fluten seiner Metaphorik absäuft:

„Das Führen und Folgen ist unser Fundament, das nicht gleich einem gegossenen Zement, der getrocknet ist, in uns Gedanken abruft, sondern ein feingestricktes Mittel, das uns nicht gleich an ein Weichmittel erinnert, sondern an eine Mischung aus flexiblen Materialen, die sich umformen und Aufschwingen lassen, wenn wir sie anrühren. Nur so können wir eine feingestrickte Kunst bilden, um diese später grazil zu schleifen und fein abzustimmen. (…) Die Folgenden kopieren die Bewegungen der Führenden und setzen diese mit ihren Körper (nicht voreilig und auch nicht ganz später, etwas später als früher) um.“

Fast stets wird sofortiger Erfolg garantiert:

„Wie lange dauert es, Tango zu lernen?
Die Lernzeit variiert von Person zu Person. Aber bereits nach der ersten Tangostunde kannst du an unserer Milonga teilnehmen und tanzen.“

Irrtum: teilnehmen ja, tanzen nein!

Auch in der Heimatstadt des Bandoneons finden wir noch die authentische Tangoatmosphäre:
„Tango Argentino in Krefeld: Es knistert in der Luft, rotes Licht auf dem Parkett, gesenkte Blicke, doch der Puls steigt, die Schritte werden schneller, halten inne, ein kurzes Verweilen, ein Gefühl für die Ewigkeit: Tango Argentino - Emotion pur. Erleben Sie verspielte Grundschritte, eine starke Führung, jede Menge Leidenschaft und ein Stück Argentinien.“

Meine Bloggerkollegin Manuela Bößel (die fast stets zu den Erstlesern meiner Manuskripte gehört) kommentierte diesen Text wie folgt:
„Das ist so, als würde man einer Katze die konfektionierten Schlachtabfälle der Fertignahrung als ‚Frischmaus‘ verkaufen.“

Man muss starke Nerven haben, um sich durch den gequirlten Quark der ersten fünf Google-Seiten mit „Tango-Informationen“ zu arbeiten: Ein Laie trifft hier wahrlich auf multifaktorielle Vermittlungshemmnisse“.  

Ein halbwegs realistisches Bild entwirft immerhin ein Artikel der „Zeit“:

„Es gibt einen guten Grund, warum nur wenige Tango tanzen: Tango ist schwer. Er setzt sich nicht aus längeren Schrittfolgen zusammen wie die Standardtänze oder der Salsa, sondern aus kleinsten Schrittkombinationen. Diese Variantenfülle hält den immerfort führenden Mann auf Trab. Unablässig überlegt er, welche Schritte angesichts einer sich öffnenden Lücke zwischen anderen Paaren, des noch unbekannten tänzerischen Könnens seiner Partnerin oder einer näherkommenden Wand möglich, sinnvoll oder gar elegant sind. Er kalkuliert, welche Konsequenzen dies für die folgenden Schritte von ihm und ihr hat und wie er seine Absichten durch eine kurze Gewichtsverlagerung oder sanften Druck auf ihre Schulter vermitteln wird. Sich ansehen ist nicht: die Körper sprechen miteinander.
Diese ständige Konzentration (Er: Was tanz' ich jetzt? Sie: Was will er jetzt?) hat Folgen. Tangotänzer sind mit einem Ernst bei der Sache, der Nichttänzer abschreckt. Während beim Discofox erst nach drei Gläschen der rechte Schwung aufkommt, kann ich Tango nur nüchtern tanzen. Tangotänzer sind daher bei Gastwirten wenig beliebt. Mit 1,5 Litern Apfelschorle haben sie einen ganzen Abend lang prima Stimmung.“

P.S. Der einzige Text, welcher Anfängern vernünftige Informationen liefert, ist schon einige Jahre alt – und: Die Quelle liegt inzwischen still. Ist der Verfasser vor den heutigen Tangoverhältnissen geflohen? Ich könnte es mir gut vorstellen…
http://archiv.alessandrohaas.de/tango-argentino-anfaenger-crashkurs/

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