Hausverbot und Boykottaufruf durch Cassiel


„Immer noch werden Hexen verbrannt auf den Scheiten der Ideologie. Irgendwer ist immer der Böse im Land, und dann kann man als Guter und die Augen voll Sand, in die heiligen Kriege ziehn.“
(Konstantin Wecker: „Hexeneinmaleins“)

In der laufenden Diskussion auf dem „tanzmitmir-Forum“ hat Kollege Cassiel nun ein neues Thema entdeckt: Ich würde ein System von Drohungen oder eigener Prominenz im Tango etablieren wollen“.

Hintergrund ist mein Artikel „Finger weg von den DJs!“, in dem ich die Möglichkeit andeute, einmal Ross und Reiter zu nennen, falls weiterhin Druck auf Leute ausgeübt wird, die nicht hundertprozentig traditionskonform auflegen. Hierzu noch einmal zur Klarstellung: Kein Mensch verbietet es einem Veranstalter, die ihm genehmen DJs zu wählen und das Musikprogramm zu bestimmen. Die Auswüchse, die ich in meinem Text (und im obigen Diskussionsstrang) beschrieben habe, sind im Einzelfall allerdings skandalös. Und, auch das ist für mich selbstverständlich: Persönliche Bezüge würde ich nur veröffentlichen, falls ich dazu das Okay eines DJs bekäme, sein diesbezügliches Erlebnis zu schildern.

Für Cassiel natürlich die willkommene Gelegenheit, mein Blog als „Internetpranger“ zu bezeichnen – wobei ich da ja nur beim Erfinder lernen könnte: Wer trommelt denn seit sechs Jahren gegen meine Tangobücher, gegen jedes Video, das ich ins Netz stelle, gegen viele meiner Blogtexte, lässt bis heute auf seiner Internetpräsenz Beleidigungen und falsche Tatsachenbehauptungen dazu stehen? Aber nein, das ist selbstredend kein Pranger, sondern nur ein Blog, auf dem sich rechtschaffene Menschen respektvoll über Tango austauschen…

Aktuell hängt sich der Schöpfer der sachlichen Debatte nun an einen Kommentar von mir auf, den ich kürzlich auf der Seite des Bloggers Yokoito eingestellt habe. Der beklagt sich in seinem letzten Beitrag (https://tangoblogblog.wordpress.com/2016/07/24/alles-fit-im-tangoschritt/) über gewisse Schattenseiten seines Pseudonyms. Er habe schon daran gedacht, es aufzugeben, andererseits aber habe er „keine Lust, Leuten in meinem Umfeld irgendwie das Gefühl von Potentiell-beobachtet-werden zu verpassen“.
 
Meine etwas launige Antwort dazu war: „Die Leute in meinem Umfeld kommen mit der Möglichkeit, beobachtet zu werden, ganz gut zurecht. Manche DJs legen aus Verzweiflung sogar mal eine moderne Tanda auf – also, ich kann die Unanonymität nur empfehlen!“

Morgenluft witternd stellte mir Cassiel dazu (auf dem obigen Forum) die Frage:
Vielleicht erklärst Du Deine Zeilen bei Yokoito noch einmal näher (Zitat siehe oben). Geht es jetzt darum, durch Deine Anwesenheit und durch die Drohung, Dein Blog zu einem Internetpranger umzubauen, die DJs (aus 'Verzweifelung') dazu zu bringen, Deine bevorzugte Musik zu spielen?“

Meine Antwort:
„Allerdings – und niemanden hat das mehr überrascht als mich – habe ich, seit mein Blog eine ziemliche Verbreitung hat, manchmal den Eindruck, man wäre seitens der Organisatoren einer Milonga noch netter zu mir als früher – und die DJs würden sich manchmal noch mehr Mühe geben. Ist eh nicht beweisbar, und in der zugegeben etwas flockigen Formulierung nur für den verständlich, der bei der göttlichen Ausgießung des Humors nicht völlig leer ausgegangen ist. Und was soll's, mich freut's - und ich muss doch eh aufpassen, dass sich mein Tango nicht negativ verändert...
Selbstredend übte und übe ich keinen Druck auf DJs aus – würde sonst den Sinn meines Blogtextes komplett auf den Kopf stellen. Die von mir engagierten Gast-Aufleger kriegten und kriegen null Vorgaben. Wenn andere aber ihr Mobbing auf diese Leute nicht einstellen (und ich erhielt erst in den letzten Tagen wieder eine entsprechende Nachricht), wird es allerdings in der Hinsicht Ärger geben – versprochen!“

Nun war für den „Erfinder des Tango-Internetprangers“ die volle Fahrt erreicht:

„Du drohst also mit Veröffentlichung von Dir nicht genehmen Umständen unter Nennung von Namen und Ort (also kurz: dem Internetpranger). Gleichzeitig meinst Du wahrzunehmen, Du würdest von Veranstaltern hofiert und DJs würden sich ‚mehr Mühe geben‘. Und Du bist tatsächlich der Meinung, das würde nur aus ehrerbietenden Motiven passieren? Nicht etwa, weil Du drohst, angebliche Missstände öffentlich zu machen? Das finde ich interessant."

Schon interessant: Was ich eher witzig meinte, nimmt Freund Cassiel nun bierernst. Nach seiner Ansicht sind etliche Milonga-Organisatoren wohl angepasste Kriecher: Nur um Verrisse von mir zu verhindern, würden sie mich nett behandeln. Nein, werter Mitblogger, da habe ich schon ein positiveres Menschenbild in unserem heißgeliebten Tanz! Und bei der Kausalität beißt's sich auch: Obigen Eindruck habe ich schon ein, zwei Jahre - und den betreffenden Text veröffentlichte ich vor einigen Tagen. Aber was nicht passt, wird halt passend gemacht...

Aber offenbar hat seine neue Rolle als Ausrichter von Milongas seinem Ego sehr gut getan:
"Um nur kurz für mich als Veranstalter zu sprechen. Solltest Du zukünftig Einlass in eine von mir organisierte Milonga begehren, werde ich Dir freundlich an der Kasse erklären, dass ich keine Menschen in meiner Milonga möchte, die ein System von Drohungen oder eigener Prominenz im Tango etablieren wollen. Du wirst dann wohl umstandslos wieder gehen müssen. So einfach ist das …
Ich bin gespannt, ob ich der einzige Veranstalter bleibe, der so auf Dein Agieren reagiert.“

Aha, Androhung eines Hausverbots plus Boykottaufruf… Na gut.

Die Begründung finde ich possierlich: Ich wolle also ein System von eigener Prominenz im Tango etablieren“ – selbst wenn das meine Absicht wäre, würde mich das keinen Deut von der Masse der „VIPs“ hierzulande unterscheiden. Und „Drohungen“?

Bereits am 29.3.13 schrieb Cassiel auf seinem Blog:
„Ich gebe offen zu: Wenn ich Veranstalter wäre und jemand fiel durch übermäßig rücksichtsloses Tanzen auf, dann würde ich versuchen, diese Person diskret anzusprechen (und wenn es nach der zweiten oder dritten Bemerkung nicht besser wird, dann müsste ich den unangenehmen Weg gehen und diesem Störenfried sein Eintrittsgeld zurückzuerstatten und ihn bitten, die Milonga zu verlassen).“

Inzwischen scheint die Radikalisierung drastisch vorangeschritten zu sein: Nun langt es nicht mal mehr, sich auf einer Tangoveranstaltung regelkonform zu benehmen – nein, bereits eine aufrührerische Gesinnung reicht zum Rausschmiss!

Na gut, mal sehen, ob sich weitere Veranstalter dem anschließen – wenn nicht, würde der Gute allerdings sein Pseudonym gefährden…

Ich habe mir natürlich schon lange überlegt, was ich tun würde, wenn der „Fall der Fälle“ einmal einträte: „Umstandslos gehen“ sicherlich nicht. Da würde ich vor Ort schon mal geklärt haben wollen, ob die Veranstaltung öffentlich ist (also mit GEMA-Anmeldung und so…) und der Hansel an der Kasse tatsächlich berechtigt ist, das Hausrecht auszuüben. Dabei hilft sicherlich gerne die von mir dazu gebetene Polizei: Die klärt solche Fragen sachlich, nimmt ein Protokoll auf und führt den sogenannten „Adressenaustausch“ durch. Somit kriege ich vom Inhaber des Hausrechts eine ladungsfähige Anschrift für meine anschließende Zivilklage gegen diese Maßnahme inklusive Schadenersatzforderung für die Anfahrt.

Und ich hätte seitenweise neue Themen für mein Blog - und mein Anwalt die Aussicht, in die Rechtsgeschichte einzugehen. Einen solchen Fall dürfte es weltweit noch nie gegeben haben...

Der Vollständigkeit halber: Natürlich vergelte ich nicht Gleiches mit Gleichem – sollte der werte Blogger (und jetzt auch Veranstalter) sich einmal für unsere Pörnbacher Milonga anmelden (mit oder ohne Pseudonym), darf er selbstredend (so noch Plätze frei sind) gerne teilnehmen! Schließlich veranstalten wir keine „Gesinnungsmilonga“…

Und daher lassen wir lieber (siehe Schluss) den Wecker singen.

P.S. Was ich immer wieder besonders eindrucksvoll finde, ist mir gegenüber die Androhung sozialer Isolation, eine Klaviatur, welche Cassiel und Konsorten perfekt beherrschen: Übrigens kann ich mir kaum einen Veranstalter vorstellen, der große Freude an Prozesshanseln unter seinen Gästen hat (und Tangueras, die mit solchen Zeitgenossen gerne tanzen kann ich mir auch kaum vorstellen)."

Na ja, Prozesshansel... ich habe in 65 Lebensjahren nun genau einen Prozess geführt - zu einem beruflichen, tangofreien Thema. Und - o je, keine Möglichkeit mehr, zum Tanzen zu gehen, und auch mit den 72 Jungfrauen ist es nun Essig - und das nur durch ein Donnerwort aus Pseudonymistan... Schon schlimm! 

Quelle:
http://www.tanzmitmir.net/tanzpartner-boerse/viewtopic.php?t=18165&start=45   

Kommentare

  1. Aus gegebenem Anlass:

    Wenn man nun auch noch versucht, mich finanziell unter Druck zu setzen, sollte man wissen, dass ich schon zu meinen Ansichten stand, als ich mir die eventuellen Folgen pekuniär noch nicht hätte leisten können.

    In meiner nunmehrigen Situation gehört zu einem Festhalten an dem, was ich für richtig halte, nicht einmal mehr ein besonderer Mut!

    Die Bedeutung von Geld bestand für mich schon immer darin, mich nicht verbiegen lassen zu müssen. Versuche, mich via materielle Schiene zu steuern, sind daher von vornherein aussichtslos!

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  2. Werte Kolleginnen und Kollegen

    Ich bin mehr als verblüfft, welchen Schwachsinn vor allem die anonymen EdO-Fans verbreiten und worum sie sich kümmern. Braucht ihr das alles zum Tanzen?

    In der realen Welt des Tanzes, damit meine ich auf keinen Fall die Standard–Szene, wird dieses unglaublich kindische und präpotente Verhalten jenseits aller Wissenschaftlichkeit in diesem Fachgebiet nicht einmal registriert.

    Wenn ich bedenke, mit welchen Irrlichtern ich da auf einer "traditionellen", oder doch eher vermeintlich traditionalistischen Milonga herumhüpfen müsste, dann bin ich mehr als froh in unserem eigenen Tanzstudio so Tango tanzen zu können, wie es einem breiten und intellektuellen und vor allem tänzerisch umfassenden Zugang zu dieser Musik entspricht.

    Ein Vorschlag: ihr könnt ja in Zukunft nicht nur für Eure Tanzpartnerinnen sondern auch für Euch selbst einen Vollschleier auf die Milonga zur Wahrung der Anonymität mitnehmen.

    Die beste Lösung: ihr besorgt Euch für diese Art von Tanzveranstaltung zur Wahrung der Anonymität eine Burka für Paare. Darunter könnt ihr in engster Haltung tanzen und für dieses minimalistische Herumgeschlurfe braucht ihr sicher auch keinen besseren Ausblick als durch das Sichtgitter einer Burka. Ganz besonders dann, wenn auch alle anderen Teilnehmer nur diesen Hatschertanz ausführen, mehrspurig, sozial und einfühlsam.

    Unter der Burka könnt ihr Euch dann sogar paarweise, also mit zwei Rollatoren, dieser Art von lustigerweise als Tanz bezeichneten, angeblich sozialen, mehrspurigen Fortbewegung hingeben.

    Vielleicht kann als neues Ziel ausgegeben werden, trotz des unsichtbaren Tanzens unter der Burka, auf die doch recht einfältige Musik durch ungeheures Einfühlungsvermögen in einen gemeinsamen Gleichschritt zu verfallen. Das wär doch ein Ziel.

    Dann könnt ihr Euch im Gleichschritt auf mehreren Spuren sozial und einfühlsam in Richtung des Abgrundes bewegen, der hinter solchen Tanzvorstellungen sicherlich wartet.

    Viele Grüße aus dem freien Salzkammergut, wo es diese idiotischen Regelungen und Vorstellungen nicht gibt.

    Peter Baumgartner

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    1. Lieber Peter,

      damit du noch was zum Ärgern hast:

      Inzwischen rückt man zwar von der Theorie ab, auf den Milongas in Buenos Aires werde ausschließlich traditioneller Tango gespielt. Schließlich habe ich nun oft genug belegt, dass da durchaus auch "otros ritmos" wie Rock'n Roll, Salsa oder andere Latinomusik erklingen.

      Das sei zwar in Ordnung, aber nur, wenn man zu dieser Musik keine Tangoschritte tanze - sonst sei es "Non Tango", und der gehöre sich bekanntlich nicht.

      Merke: Milonga mit Schritte-Überwachung! Da find ich Deine Burka-Fantasie noch angenehmer...

      Herzliche Grüße
      Gerhard

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  3. Liebe Gerhard

    Danke für Deinen Hinweis. Habe vor ein paar Tagen ein paar Minuten Information über Tango in Argentinien gesehen. Hier wird offenbar genauso mühsam getanzt wie bei den Traditionalisten.

    Ich bevorzuge es, das Improvisieren und die Bewegungsmöglichkeiten des Tango Argentino für jede Musik anzuwenden, die mir gefällt und wenn's passt.

    Ich betrachte diese Mittel zum Tanzen als Werkzeug und nicht als Teil einer verqueren Ideologie für Personen und Gruppen.

    Und so macht es mir einen Riesenspaß.

    Herzliche Grüße aus dem Salzkammergut.

    Peter


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    1. Mir auch!

      Und allmählich gibt es den einen oder anderen DJ, der sich auch wieder traut, vielfältigere Musik aufzulegen - siehe z.B. meinen Beitrag vom 1.9.16.

      Es besteht also Hoffnung!

      Herzliche Grüße
      Gerhard

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