Bloß nicht werden wie im Tango!



Manchmal fehlt dem Tango ein Blick über den Zaun des eigenen Gemüsegartens!

Heute fand ich dank der Verlinkung durch Alessandra Seitz (https://www.facebook.com/groups/1756036531344822/1768360393445769/?notif_t=group_activity&notif_id=1468237942070543) einen hochinteressanten Artikel über ein prominentes Tanzpaar aus einer ganz anderen Szene, jedoch mit durchaus tangotypischen Problemen: Offenbar wagten die beiden es, Grenzen zwischen Bachata und Zouk zu überschreiten. Und damit die Tangoleute mal sehen, wie man Erotik vertanzen kann:

Wer es auch bei „Wiki“ nachschauen müsste:


Bachata stammt aus der Dominikanischen Republik und entwickelte sich ab den 1960-er Jahren als eine Spielart des kubanischen Boleros.
Zouk kommt von den französischsprachigen Inseln Guadelupe und Martinique als eine langsame Form des Lambada, welche auch Pop-Elemente einbezieht. Es existieren verschieden Formen wie der „Zouk Brasil“ oder der „Lambazouk“.

Beide Szenen sind alles andere als Randerscheinungen: Entsprechende Posts auf Facebook haben über hunderttausend Leser und werden über tausend Mal geteilt!

Auf einer Internetseite über den Zouk findet sich folgender Artikel (http://zoukology.com/zouk-in-the-bachata-controversy/), den ich leicht gekürzt übersetzt habe:



Zouk in der Bachata-Kontroverse



Falls Sie es noch nicht mitbekommen haben: In der weltweiten Bachata-Gemeinschaft gibt es in den letzten Wochen einen fiesen internationalen Riss.

Dieser entstand durch leidenschaftliche Reaktionen auf beiden Seiten der Angelegenheit, in die sich sogar Zouk-Tänzer einmischten. Die wohl berühmtesten Bachata-Tänzer, Daniel und Desirée („DyD“), wurden von einem dominikanischen Bachata-Tänzer kritisiert, der behauptete, dass DyD in Wahrheit keinen Bachata tanzten. Bald darauf folgte eine Debatte, in der einige sagten, DyD würden schlicht Lambazouk neu verpacken, ohne diese Quelle zu nennen, während andere prominente Personen DyD verteidigten – einschließlich dem Schöpfer von Bachata Sensual.



Ein hauptsächlicher Fehler der Kritiker ist, Pauschalurteile abzugeben, ohne verlässliche Quellen zu zitieren, oder Quellen überhaupt. Hier einige zugrunde liegende Aspekte der Diskussion, und wie sie sich auf Zouk bezieht.



Die springenden Punkte sind:

1.    Die Beanspruchung von Eigentumsrechten im Tanz (was zwecklos ist)

2.    Aneignung kontra Anerkennung (von DyD kommt das Letztere)
3.    Was enthält ein Name? (nicht viel)
4.    Erneuerung ist gut (oh!)
5.    Lektionen von anderen Tanz-Szenen (Salsa: gut! Tango: schlecht!)
(…)
Tänzerische Eigentumsrechte beanspruchen

Manchmal ist es möglich, die Ursprünge musikalischer Stile nachzuverfolgen, weil viel davon schriftlich überliefert ist. Der Tanz aber nicht. Daher ist es zwecklos, die Urheberschaft von gewissen Körperbewegungen zu reklamieren, da man unmöglich beweisen kann, welche Kultur sie als erstes benutzte.
In dieser Hinsicht kritisieren weder die Anhänger des Bauchtanzes (den es mindestens seit hundert Jahren gibt) noch die des Breakdance (speziell die Popper) den Zouk dafür, isolierte Körperbewegungen zu verwenden noch fordern sie von den Zoukern, auf deren Ursprung zu verweisen. Und, glauben Sie mir, die Breakdancer sind bekannt dafür, Leute anzuschwärzen, die andere kopieren! Aber selbst diesen Jungs ist klar, dass letztlich jeder seit Anbeginn der Zivilisation in der Evolution des Tanzes ein Nachahmer ist. Warum erkennen wir Zouker das nicht?
Und wenn Sie einen Move als Kopie schmähen: Die Breakdance-Jungs beanspruchen keinen Urhebernachweis, sie fordern hervorragende Qualität! Das richtet den Blick auf die Entwicklung der Kunstform – und nicht darauf, eine Person oder Kultur auf einen Sockel zu stellen.

Zudem tanzen wir Zouker zu etlichen modernen Popsongs, die einen „Zouk Beat“ haben – aber ich habe noch nie einen Zouker getroffen, der weiß, warum der Rhythmus in diesen Songs an erster Stelle steht. Ist es nicht das, was Zouker an DyD kritisieren – die fehlende Anerkennung der künstlerischen Ursprünge?
Musikhistoriker meinen, dieser Beat, „Dem Bow“ genannt, entstamme den Tanzsälen Jamaicas. Eine wichtige Version dieses ansteckenden Rhythmus entstand offenbar in einer Zusammenarbeit zwischen Musikern aus Jamaica und Panama in einem Studio auf Long Island (…). Es ist schwierig, genau auszumachen, woher die Urheber ihre Inspiration erhielten, denn Jamaica ist ein Schmelztiegel.
Es ist zu lesen, die Basis der Musik Jamaicas sei die „Mento Musik“ (traditionelle afrikanische Musik, die direkt nach Jamaica gebracht wurde). (…) Wir Zouker tanzen die ganze Zeit zu Popsongs, und obwohl einige schnell dabei sind, andere als billige Imitatoren herunterzumachen, habe ich noch nie von einem Zouk Tänzer gehört, dass er als Ursprung Jamaica, Afrika oder Panama anerkennt – oder, weil wir schon dabei sind – Long Island.
Ebenso: Sollten wir betroffen sein, dass der erste „Dem Bow“-Song einen schwulenfeindlichen Text hatte? Wenn wir Zouker andere schelten, Kultur zu beseitigen, sollten wir dann nicht auch die Anfänge des vermutlichen Originals verstehen?

Aneignung kontra Anerkennung

Die Kritik an DyD spiegelt ein Thema der kulturellen Aneignung wieder. Traditionelle Bachata-Tänzer regen sich darüber auf, dass DyD den Tanz entweihen, Zouk-Tänzer dagegen sind empört, dass DyD Zouk-Moves stehlen, ohne genügend auf den Ursprung hinzuweisen.
In Amerika ist das meistdiskutierte Beispiel der kulturellen Aneignung die Verwendung afroamerikanischer Kultur durch Weiße. (…) Ich bin überzeugt, dass DyD dafür kein Beispiel sind, da sie erklärtermaßen Bachata lieben, bewundern und ihm ihr Leben geweiht haben. Sie sind aktiv in der Bachata-Szene, kommunizieren mit ihren zahllosen Fans und antworten sogar ihrem Internet-Kritiker (den sie nach meiner Meinung hätten ignorieren sollen). So schätzen sie die Bachata-Kultur und haben ein ureigenes Interesse an ihrem Gedeihen.
Aber (…) DyD sind in verschiedenen Genres zu Hause und kombinieren diese seit Jahren. Wenn überhaupt, interpretiere ich ihren Stil als persönliches Bekenntnis zu Bachata. Ich kann ihre Gedanken nicht lesen, daher weiß ich nicht, ob sie sich absichtlich Zouk-Bewegungen ausgeliehen haben, aber das ist ein strittiger Punkt – siehe meine Ausführungen zum Eigentumsanspruch im Tanz.

Bedenken Sie: Neigten die Erfinder der Pizza zu Belägen wie Ananas oder sogar Kimchi (koreanisches saures Gemüse)? Wohl nicht. Bedeutet dies, die Pizza-Läden in der ganzen Welt sollten keine Versionen verkaufen, welche die Leute mögen – aus Angst vor der Respektlosigkeit dem Original gegenüber? Ich glaube nicht.
                     
Was enthält ein Name?

Ein entsprechendes Argument ist, die Bezeichnung “Bachata Sensual”, welche man am meisten mit dem Stil von DyD assoziiert, sollte das Wort „Bachata“ nicht enthalten, da sie nicht in der traditionellen Form tanzen. Manche meinen auch, DyD sollten sich „Zoukchata-Tänzer“ nennen, um auf die Urheberschaft des Zouk hinzuweisen.
Diese Argumente sind absurd. “Bachata Sensual” ist ein Ableger, der sich direkt vom Bachata ableitet und die gleichen Basiselemente enthält; so macht es Sinn, beides zu verbinden. Und welchen Stil DyD (oder andere wie Korke y Judith) auch tanzen, er hat sein eigenes ausgeprägtes Gefühl sowie eigene Sensibilität, Regeln und Musik. Zu sagen, es sei schlicht eine Kombination von Zouk und Bachata, ist eine plumpe Charakterisierung, welche die offensichtlichen Wesenszüge ignoriert.
DyD stecken in einer Zwickmühle, denn verwendeten sie ein beziehungsloses Label wie „Cool Partner Dancing“, würden sich sowohl die Bachata- wie die Zouk-Traditionalisten aus ganz verschiedenen Gründen beklagen.

Eine direkte Parallele ist Lindy Hop kontra West Coast Swing. Im frühen 20. Jahrhundert wurde Lindy Hop als „Swing“ bekannt, ein Name, der bis heute beibehalten wurde. Leute in Los Angeles nahmen den Swing, veränderten ihn völlig und nannten ihn „West Coast Swing“. Dies geschah, weil Swing den Ursprung bildete, obwohl letztendlich beide Tänze krass verschieden waren. Für mich wird Swing immer der Lindy Hop sein. Aber beleidigt der Name „West Coast Swing“ irgendwen in der Gemeinde? Ich habe keinerlei Konflikt bemerkt, beide koexistieren in Frieden. Vielleicht, weil Swingtänzer wichtigere Dinge zu tun haben als einander öffentlich anzugreifen (wenn man die Künste anderer Menschen verkleinert, indem man sie als billige Imitation von etwas anderem darstellt – ja, dann greift man sie an). Und man erinnere sich: Swing wurde von den Schwarzen in der Zeit der schweren Wirtschaftskrise kreiert – wenn es je einen Tanz gab, der aus Leiden entstand und vermutlich von seinen Schöpfern verteidigt worden wäre, dann ist es der Swing!
          
Innovation ist gut

Dies sollte offensichtlich sein – die Kombination von Ideen ist generell eine gute Sache. Man findet Beispiele in Medizin, Geschäftsleben, Kunst, Technologie und Küche (mein Favorit ist hier chinesische Küche in koreanischem Stil). Dafür braucht man aber ein offenes Forum von Ideen – und nicht eine feindliche Umgebung, welche kein neues Denken erlaubt. Denken Sie daran, wie viele Teile in Ihrem Telefon verbaut sind, geschweige denn in Ihrem Auto. Ich bin ziemlich sicher, kein Ingenieur ist beleidigt, dass die Technologien aus verschiedenen Disziplinen stammen und, was jeder möchte, etwas Größes schufen als die Summe ihrer Teile.
Vielleicht wollen die Traditionalisten, dass wir unsere iPhones stattdessen wie folgt nennen: „Kamera-Telefone verbessert mit GPS, Lichtsensoren, Touchscreen und ungefähr tausend anderen (urheberrechtlich geschützten) Dingen“? In Wirklichkeit ist ein iPhone mehr als (und unterschiedlich von) all diesen einzelnen Sachen, wenn man sie kombiniert.
Der Autor Scott Berkun geht so weit zu sagen, dass alle Ideen im Grunde genommen aus anderen Ideen entstanden sind. Wenn Sie ein kreativer Mensch sind, sollten Sie daher existierende Ideen als Zutaten sehen, die darauf warten, wiederum benützt und neu kombiniert zu werden.

Lektionen von anderen Tanz-Szenen

Verschiedene Versionen eines Tanzes können nebeneinander bestehen. Schauen Sie sich nur Salsa mit seinen vielen verschiedenen Stilen an. Machen die Salseros öffentlich einen anderen Stil herunter, weil er unterschiedlich oder neu ist? Wenn überhaupt, wird die Szene umso reicher, je mehr Stile es sind, mit einer Vielfalt von Bewegungen, Musik und Leuten.

Zum Unterschied hier ein jüngstes Beispiel eines Tänzers, der am Traditionellen klebt
(hier folgt der Link zu dem von mir besprochenen „Tango Voice“!). Dieses „Tango-Manifest“, welches neue Tangostile kritisiert, ist ein selbstgefälliges, komisch elitäres, intellektuell ängstliches, selbstbefriedigendes Zelebrieren des traditionellen argentinischen Tango. Dies ist die Tango-Version des kürzlichen internen Streits beim Bachata, nicht weniger. Ist es ein Wunder, warum der Tango in Nordamerika als snobistische, überalterte Szene gilt? Würde man dem Tango erlauben, sich zu erneuern, wie es dieses Paar zeigt, wäre vielleicht die Jugend Amerikas offener für ihn:




Dies sollte eine Warnung davor sein, was dem Bachata (oder irgendeinem Tanz) in zehn Jahren passieren könnte, wenn die Gemeinschaft erstarrt: Die Szene wird altern, und junge Tänzer werden sich anderswohin wenden.



Meine Hoffnung ist, dass Daniel und Desirée und alle diesbezüglichen Künstler sie selbst bleiben und ihre Kritiker nicht beachten. Sie tragen eine Menge zu einer großen, dynamischen Bewegung bei, die es verdient, gepflegt und nicht kaputtgemacht zu werden.



Was mir sehr zu denken gibt: Wollen wir in anderen Tanzgemeinschaften das abschreckende Beispiel dafür abgeben, wie sich eine Szene per Rigorismus zerlegt und minimalisiert?

Viel Spaß dabei!

P.S. Vielleicht passt hier ein Einstein-Zitat:
"Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten." 

Kommentare

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    1. Lieber Kommentator,

      leider reicht mir ein Vorname als Identifizierung nicht.
      Wenn Sie Ihren vollen Namen nennen, stelle ich den Kommentar gerne wieder ein!

      Gruß
      Gerhard Riedl

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  3. Herrlicher Artikel. Zu Tangovoice würde mir noch einfallen "Niemand ist nutzlos - er kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen.". Wie hier geschehen.
    A propos erotic dance...Kizomba ist auch nicht schlecht. Ist sogar mit Tango verwandt.Einige Kizombastücke z.B. Rebound Chick von Nelson Freitas eignen sich recht gut als Nontangos. Und der Text ist wirklich nett...

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    1. Vielen Dank!

      Und zu diesen Latino-Tänzen: Die Menschen suchen sich halt die Emotionen dort, wo man sie ihnen anbietet.

      Das ist im Tango immer weniger der Fall. Schade - müsste nicht sein!

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  4. Insgesamt ist die richtige Technik zu lernen ist nicht schwer, aber es erfordert spezifische Anweisung. Die meisten tanz-Clubs bieten kostenlose Salsa,Bachata-Tanzkurse für Menschen, die noch nie getanzt haben, und eine freie Klasse, die ist ein guter Weg, um die Umwelt zu erleben.

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    1. Danke für den Hinweis!

      Schöne Website übrigens - Kompliment!

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