Nicht fürs Leben, für den Tango lernen wir



„On reconnaît les Allemands parce qu’ils creusent tout d’abord un trou à la plage pendant leurs vacances.“
„Die Deutschen erkennt man im Urlaub daran, dass sie am Strand erst einmal ein Loch graben.“
(Zitat eines Bretonen, privat)

Kürzlich besuchte ich eine Milonga mit vorgeschaltetem Workshop: „Rhythmische Spielereien“ sollte es da geben – allerdings nur für weit Fortgeschrittene. Da wir etwas zu früh ankamen, konnten wir vom Parkplatz aus durch die großen Fenster noch einige optische Eindrücke gewinnen:

Man sah sofort, dass es sich um Tangounterricht handelte: minutenlanger Stillstand mit einer dozierenden Person in der Mitte. Schließlich Phase zwei: Vormachen – und dann durften es die Schüler noch kurz probieren. Anscheinend irgendein wechselnder Wiegeschritt von links nach rechts außenseitlich, wohl auf Achtelrhythmik – also für den heutigen Tango in einem Höllentempo.

Ich hüpfte neben dem Auto ein bisschen mit. Mir war kalt.

Auf der anschließenden Milonga sah ich einen einzigen Tänzer, welche diese „Figur“ ein paar Mal einsetzte (mit einer geschätzten Erfolgsquote von 50 Prozent) – und das, obwohl sich der nun auflegende Tangolehrer alle Mühe gab, in seinem Musikprogramm keinen Anlass für „rhythmische Spielereien“ zu liefern…

Kurz darauf wurde ich auf dem Forum „tanzmitmir“ in eine Diskussion über einen meiner Artikel gezogen:

Ich hatte darin eine Dame zitiert: In Frankreich sei die Paarbindung in den Kursen kein Problem, da werde einfach durchgewechselt. Diese alarmierende Feststellung rief einen Kommentator auf den Plan, der dort auch zu kleineren Themen stets ellenlange Besinnungsaufsätze liefert. Der Inhalt ist jedoch meist sehr kurz zusammenzufassen:

Grundsätzlich sei der Partnerwechsel auf Milongas durchaus nötig, im Tangounterricht dagegen wolle er aber darauf verzichten.

Ich habe den Anspruch, die im Workshop erlernten Themen soweit beherrschen zu können, dass ich sie auch allein weiterüben und weiterentwickeln kann. Ein regelmäßiger Tanzpartnerwechsel nach jedem Stück, wie auf einer Milonga, behindert zumindest bei mir diesen Prozess.“

„Ob man die Dinge, die man dann mit seinem Trainingspartner auch mit anderen Tanzpartnern tanzen kann, das steht auf einem anderen Blatt und ist meiner Meinung nach eine eigene Fähigkeit, die gesondert trainiert werden muss.“

Der Herr möchte es also erst einmal selber können, um zunächst seine Stammpartnerin und hernach eventuell andere Tangueras mit dem neu Gelernten zu beglücken. Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr man im Tango alles aus Männersicht einordnet. Dass andere Tänzerinnen einem vielleicht auch helfen könnten oder die gar selber unterstützt würden, kommt in dieser Denke wohl nicht vor…

Da diese Haltung nach meinen Erfahrungen unheilbar ist, wäre sie noch kein Grund gewesen, mich einzumischen. Doch die Langreferate zum richtigen Lernen rissen nicht ab. Kostproben:

Es ist mein Geld, welches ich da investiere…“
„ein zusätzlicher Stressfaktor und führt zumindest bei mir zu einem unnötig verlängerten Lernprozess“
„und man sich zumindest als fortgeschrittenerer Tänzer oft eher darum kümmern muss, die Probleme des Tanzpartners auszugleichen, anstatt eventuell an den eigenen Fähigkeiten weiterarbeiten zu können“
„die notwendigen Bewegungen akkurat und in einer guten Haltung auszuführen“
„aber auch auf Fehler des jeweiligen Tanzpartners zu reagieren“
„Diese Fehler sollten eigentlich im Unterricht erkannt und durch Training beseitigt werden.“
„dessen Bewegungen technisch vollkommen sauber und eindeutig und zugleich so sehr in der Musik sind“

Irgendwann konnte ich nicht mehr und schrieb zu dem Sermon lediglich zwei Zeilen:

„Nur so beiläufig:
Begriffe wie ‚Spaß‘ oder ‚Freude‘ sind hier kein Thema? Oder gar ‚Neugier‘, ‚Inspiration‘...“

O je, nun bekam ich für meinen „latent provokanten“ Spruch noch etliche Kilobyte um die Ohren gewickelt: Fußballer und Balletttänzer trainierten ja schließlich auch hart. Ob ich nicht mal über meinen „Tellerrand hinausschauen“ könne? Und wo mein „Problem“ liege?

Äh, meins? Tschuldigung, ich hab gar keins… Dafür bekam ich nun seine aufgetischt:

„Um es ganz deutlich zu sagen:
Mir bereitet es keine Freude, mit ungeübten, unsicheren und fehlerhaften Bewegungsabläufen und einer schlechten Haltung mit fremden Frauen Tango zu tanzen, zu spüren, dass sie vielleicht aufgrund dieser Unfähigkeiten nicht genau zu wissen scheinen, was ich gerade von ihnen will, zu spüren, dass ich zwar Musik höre, sie aber nicht tanzen, mich nicht ausdrücken kann, weil mir die ‚Tools‘, die Möglichkeiten fehlen und das Gefühl zu haben, dass ich möglicherweise nie erreichen werde, was ich mir wünsche.
Hinzu kommen dann noch körperliche Probleme, wenn Haltung und Bewegungsabläufe nicht stimmen, wenn mir schon nach 2-3 Stunden tanzen die Gelenke wehtun und ich einige weitere Tage benötige, bis diese Schmerzen wieder verschwinden. Das ist für mich das Gegenteil von Inspiration, das inspiriert mich nicht im Geringsten.“

Als ich früher meinen Lieblings-Baggersee zum Baden aufsuchte, hatte ich im Wesentlichen drei Dinge dabei: eine Decke, ein Handtuch und ein Buch. Wenn ich Pech hatte, schlug neben mir eine Großfamilie auf, die erstmal unter Getöse und Geplärr ihr Auto auspackte: Sonnenschirm, Liegestühle, Kühltaschen, Grill und natürlich diverse Gummiartikel zum Aufblasen. Als die sich nach einer Stunde der „Badebereitschaft“ näherten, waren sie bereits gestresst und außer Puste. Gott sei Dank konnte man auf der Liegewiese wenigstens keine Löcher graben…

Na gut, irgendwie habe ich mich dann mit dem Kommentator auf „jedem das Seine“ geeinigt, und er richtet seine Abhandlungen nun an andere.

Mich beeindruckt jedoch immer wieder, mit welch verbissenem Ernst man hierzulande an Freizeitbeschäftigungen geht, die doch eigentlich – im Gegensatz zur Arbeitswelt – Entspannung und Freude bereiten sollten. Nein, da muss zunächst bei „kompetenten Experten“ ein Kursus gebucht, etwas „investiert“ werden, um dann das Ergebnis einer betriebswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Analyse zu unterziehen. Unpassende Partner sollte man hierbei abschrecken oder entsorgen – schließlich möchte man zuvörderst selber das „Optimale“ erreichen. Miteinander sich entwickeln, mit diversen Menschen gemeinsame Bewegungsgefühle entwickeln? Ach geh!

Wenn ich früher Fahrrad fuhr, benötigte ich als „Equipment“ ein paar Hosenklammern (oder meine engsten Röhrenjeans). Heute ginge nichts mehr ohne Helm, Trinkflasche und neonfarbenen Wurstpellen-Strampelanzug – und womöglich noch Navi plus Rettungsdecke…

Etwas mal selber probieren? Seinen persönlichen Stil entwickeln (der ja die „Summe der eigenen Fehler“ darstellt)? Nicht im Tango!

„Wikipedia“ liefert einem ja heute die einfache Möglichkeit, Biografien von berühmten Menschen aufzurufen. Was mich immer wieder fasziniert: Oft haben Weltstars nie „Unterricht“ in dem erhalten, was später ihre Bekanntheit bewirkte – im Gegenteil: Reihenweise liest man von abgebrochenen Ausbildungen, Zurückweisungen auf Schauspiel- oder Musikschulen – und höchst blamable Einschätzungen von „Fachleuten“:

„Kann nicht singen, kann nicht schauspielern, hat eine leichte Stirnglatze, aber kann ein wenig tanzen“, hieß es einst in Hollywood nach dem ersten Vorsprechen des jungen Fred Astaire.

Ich habe dieses Video schon einmal gepostet – die beiden waren Autodidakten:



Wann immer ich auf solche verstörenden Tatsachen hinweise, erhalte ich, wenn überhaupt, Antworten wie die einer Tanzlehrerin in unserer Facebook-Gruppe:

Ja, solche Menschen gibt es, und das ist eine großartige Gabe, mit der aber nur sehr wenige Menschen ausgestattet sind.

Nun, abgesehen davon, dass solche Fähigkeiten auf Milongas nicht verlangt werden: Nicht zuletzt auf Grund meiner eigenen Biografie wäre ich gespannt, wie viele Menschen tänzerisch Originelles und Beeindruckendes hinbekämen, wenn ihnen nicht von vornherein „Experten“ deren (und nicht ihren) Weg aufzwängen, sie nicht in ein Schema von „richtig“ und „falsch“ gedrückt würden, sondern es mal selber probieren dürften!

Im Standardtanz wurden wir von den Trainern in eine Schablone gepresst – erst im Tango konnten wir unseren eigenen Stil entwickeln… damals… lang ist’s her!

Ebenfalls in unserer FB-Gruppe findet man ein Video von „ProfilerSuzanne“ mit einem sehr nachdenkenswerten Beispiel: Wie oft fallen Kleinkinder auf die Nase, bevor sie laufen lernen? Und sie versuchen es immer wieder, statt nach einigen gescheiterten Anläufen zur Mutter zu sagen: „Laufen ist nix für mich, du musst mich weiter rumtragen!“

Aber wahrscheinlich gibt es demnächst Workshops für Säuglinge: „Laufen lernen für nur gering Fortgeschrittene“. Natürlich unter Anleitung professioneller Zweibeiner.

Die Parallele ist erschlagend: „Tango ist doch nur Gehen.“

Gell?  

Quelle:

P.S. In meinem früheren Beruf erklärte mir ein älterer, herrlich witziger und entspannter Kollege einmal, er überlege sich seine Unterrichtsstunden meist während der Fahrt zur Schule. Kichernd fügte er hinzu: „Wissen Sie, ich bin ein überzeugter Auto-Didakt!“

Kommentare

  1. Hallo Gerhard,

    also ich kann die Meinung des Schreibers auf tanzmitmir zu 100% nachvollziehen.
    Es macht wirklich keinen Spaß, auf einem eher fortgeschrittenen Workshop mit Übungspartnern konfrontiert zu werden, die mal gerade wenige Monate Erfahrung mitbringen. Die Niveaus sind hier oft zu Unterschiedlich. Und auch richtig: Man hat dafür bezahlt, Unterricht zu bekommen und nicht Anderen auf die Sprünge zu helfen.
    Da du ja nach eigenem Bekunden Tango auf Milongas und nicht auf Workshops gelernt hast, ging diese Erfahrung an dir vorüber.
    Um auf Milongas tanzen zu lernen, würde jedoch voraussetzen daß: 1. Ein groß Teil der dort Tanzenden relativ gute Tänzer sind. (was du ja selber verneinst)
    Oder 2. Man selber ein begnadetes Talent mitbringt.
    Im Land der Dichter und Denker (nicht Tänzer) eher unwahrscheinlich.
    Daß das Erlernen gewisser Fähigkeiten durchaus mit Spaß und Freude verbunden sein kann, sollte doch für einen ehemaligen Lehrer nachvollziehbar sein. (Oder gerade deswegen nicht? weil`s ja immer "nur" Arbeit war?)

    "Originelles und Beeindruckendes" vermisse allerdings auch ich auf den Milongas.
    Daß es an zu viel Unterricht liegt, wage ich zu bezweifeln. Und was daran Spaß macht Jahre und Jahrzehntelang z.B. Schach zu spielen und nicht wissen: was ist der Bauer, ähnliches von vielen "Tänzern" aber als gegeben hingenommen wird, bleibt mir ewig ein Rätsel.
    Manche Dinge sind halt echt Scheiße schwer zu erlernen, bringen aber dann erst richtig Fun.
    Dieses meine Stellungnahme.

    Schöne Grüße, Mäx

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    1. Hallo Mäx,

      ich glaube nicht, dass der Fokus auf Workshops lag, bei denen das Niveau der Teilnehmer sehr unterschiedlich ist. Eher ging es um die Frage, ob man im Unterricht überhaupt die Partner wechseln sollte oder nicht.

      Nebenbei: Der Satz „Man hat dafür bezahlt, Unterricht zu bekommen und nicht anderen auf die Sprünge zu helfen“ klingt hoffentlich herzloser als er gemeint ist. Dennoch würde ich ihn in Anwesenheit von Tangueras nicht äußern.

      Ich hatte allerdings gehofft, meine tänzerische Biografie hätte sich durch meine Bücher und Artikel ein wenig herumgesprochen. In Kurzform: Ich tanze seit fast 50 Jahren – davon zirka 20 Jahre in Tanzsportclubs, knapp 10 Jahre im Breitensport-Turnierbetrieb. Zum Tango kam ich 1999 und besuchte etwa ein Jahr reguläre Kurse, dann noch etwa drei Jahre einigermaßen regelmäßig Practica und Workshops.

      A wengerle Tanztechnik habe ich also in unzähligen Trainerstunden schon gelernt, auch die des Tango argentino. Nur: Das, was ich heute kann, verdanke ich zum Großteil meinen über 3000 Milonga-Besuchen und sicherlich einer vierstelligen Zahl von Tanzpartnerinnen – und nicht dem oft grottenschlechten Unterricht.

      Ich war sehr glücklich, mit dem Tango einen Tanz gefunden zu haben, bei dem man seinen individuellen Stil entwickeln kann. Ich meine, viele würden besser tanzen, wenn ihnen dies ihre Lehrer gestatten würden – und nicht ihnen ihre Art zu tanzen aufzwingen.

      Und man wirft ständig Berufsausbildung und Hobby durcheinander. Als Lehrer habe ich zukünftige Ärzte, Anwälte oder Ingenieure ausgebildet. Da wäre es schon nicht schlecht, wenn sie Patienten, Klienten oder Auftraggeber nicht in die Scheiße reiten würden. Dieser Beruf hat mir Freude gemacht und war auch oft anstrengend und nervig.

      Tango ist für mich ein Freizeitvergnügen. Wäre schön, wenn man da den Ball flacher halten könnte. Aber gerade Männer kommen offenbar ohne Rangordnungs-Gedudel auch bei ihrem Hobby nicht aus…

      Ich kann mich an wunderschöne Tänze mit Anfängerinnen erinnern, ebenso wie an seelenlose Technik-Ausübungen mit Startänzerinnen. Und ich kenne Tangueras, die hervorragend tanzen, ohne je einen offiziellen Kurs besucht zu haben.

      Daher bitte ich um Verständnis, dass ich um dieses Thema kein solches Geschiss machen kann!

      Danke und viele Grüße
      Gerhard

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  2. Hallo Gerhard,
    ja, das kommt ja auf´s gleiche raus. Da eben die Niveaus unterschiedlich sind ist das mit den laufenden Wechseln nie so einfach.
    Also ich helfe gern jemand auf die "Sprünge" wenn ich kann oder man mich lässt. Aber bitte nicht unbedingt in den paar 90 Minuten die für eigenes Weiterkommen gebucht wurden. Du möchtest ja auch nicht vom Klempner eine Rechnung über drei Stunden wenn nur zwei gearbeitet wurden. Das ist nicht herzlos, das ist doch wohl logisch..
    Natürlich darf jeder wie er´s für richtig hält.
    Genau deswegen hatte ich mich ja eingemischt. Weil du für den Schreiber auf Tanzmitmir (ich glaub fing mit Sh.. an) So überhaupt kein Verständnis zeigtest. Man kann auch "nur" zum Spaß ambitioniert sein.
    Ich finde eher bedenklich, daß Menschen ein Leben lang Ihre Energie für einen Job verschwenden, einzig um damit gute Kohle zu verdienen. Niemand käme z.B. auf die Idee seinem Steuerberater deswegen einen Vorwurf zu machen.
    In dem Sinne darf dann auch jeder seinen Ball so flach oder steil spielen wie er möchte, mit Bauer oder ohne..
    Leider gibt´s im Tango kein "matt". Man würde mehr Ehrgeiz auf dem Parkett entdecken.
    Ich wünsche noch schöne Feiertage und natürlich... schöne Tänze.
    Gruß, Mäx

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    1. Lieber Mäx,

      klar, man kann den Ball flach oder steil spielen oder ihn sogar meterweit übers Tor dreschen, wie’s beliebt.

      Ich bitte halt um Verständnis dafür, dass für mich das Üben im Tango nicht mit der Reparatur einer Klospülung vergleichbar ist.

      Aber bitte: Nichts geht über Authentizität und Selbstverwirklichung! Erkläre einfach beim nächsten Workshop den anwesenden Damen, dass du nur mit deiner Stammtänzerin üben willst: „Also ich helfe gern jemand auf die ‚Sprünge‘, wenn ich kann oder man mich lässt. Aber bitte nicht unbedingt in den paar 90 Minuten die ich für eigenes Weiterkommen gebucht habe.“

      Für einen Erfahrungsbericht reserviere ich dir gerne einen Gastbeitrag.

      Ebenfalls schöne Feiertage und beste Grüße
      Gerhard

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