Als man sich beim Tango noch bewegte



Das Rezept für den Autorenerfolg, so habe ich als Blogger gelernt, ist sehr einfach: Ohne viel nachzudenken und in aller Eile etwas aus der Abteilung „Menschen,Tiere, Sensationen“ heraushauen! So geschehen beispielsweise bei meinem Post „Wie Códigos in die Hose gehen können“. Zwar glaubten einige wenige, mich der Geschmacklosigkeit zeihen zu können wie mein Leser Bruno Rogalla, welcher auf Facebook attestierte, das zugrunde liegende Video sei „einfach nur blöd“ – aber der Beitrag schlug höchste Wellen: 890 Zugriffe in diesem Forum, und auf meinem Blog ist er – nach erst knapp einem Monat – der am dritthäufigsten angeklickte Artikel aller Zeiten!

Als ich dagegen vor fünf Tagen den wunderschönen Tango „Por la vuelta“ erstmals im Internet mit einer selbstgefertigten Textübersetzung (und der gefühlvollen Interpretation von María Graña) vorstellte, blieb das Leserinteresse im zweistelligen Bereich – und so eine Übertragung ins Deutsche ist, wenn man nur rudimentäre Spanischkenntnisse besitzt, eine Heidenarbeit!

Am gleichen Tag stieß ich zufällig auf ein Vortanz-Video von Aoniken Quiroga, der zusammen mit Alejandra Mantiñan zur  EdO-Milonga „Parque Patricios“ in einem Höllentempo und mit artistischen Höchstleistungen über die Tanzfläche rauscht. Einem spontanen Impuls folgend teilte ich die Aufnahme in unserer geschlossenen Facebook-Gruppe (mit weniger als 300 Mitgliedern!) und erhielt umgehend mehr als ein Dutzend positiver Reaktionen.


Aha, man sollte anscheinend lieber statt einer aufwendig recherchierten Arbeit einen Spanier mit einer waffenscheinpflichtigen Lache veröffentlichen – oder einen Showtänzer mit massivem Übergewicht, der mit einer nicht mal halb so schweren, filigranen Schönheit mit zierlichen Trippelschrittchen übers Parkett bohnert!

Tja, liebe Leser, ich habe keine Schuld an eurem spezifischen Interesse! Und da ihr es nicht anders wollt:



Für Leute, die schon „seit dem letzten Jahrhundert“ tanzen, ist ein solcher Stil zwar äußerst sehenswert, aber nicht außergewöhnlich: In der Zeit, als wir uns beim Tango noch bewegen durften, fanden wir solche Rennen im Zweivierteltakt cool. Nicht, dass wir die ganze Zeit so tanzen wollten, aber wenn es mal passte, war es ein Riesenspaß – Rumgealber inbegriffen.

Die Begriffe „Rennen“, „Spaß“ und gar noch „Rumgealber“ stehen heute natürlich auf dem Index des ernsthaften Tangofreunds. Man sieht es auch bei YouTube: Das Video erntete zwar fast 4 Millionen Aufrufe und über 9000 „Gefällt mir“-Angaben, allerdings auch den relativ hohen Wert von fast 800 Missfallensanzeigen. Das ist eher eine Tangoparodie – so kann man doch nicht tanzen…

Kann man auch kaum noch: Wenn ich mal bei einer Milonga ein ähnlich hohes Tempo anschlagen will, geht das nur bei fast leerer Tanzfläche, ansonsten gleicht das dem Vorhaben, im Porsche an einer Rollator-Pilgergruppe vorbeizukommen…

Ich frage mich schon ernsthaft, ob es nicht eher eine Tanzparodie darstellt, konsequent die perlenden Sechzehntelläufe sowie Synkopen einer dynamischen Milonga zu überhören und brav im Viertelrhythmus einherzustapfen. Wenn ich traditionelle Milongas besuche, mache ich in dieser Hinsicht oft drei Beobachtungen: Man spielt immer weniger Milongas, der Rest hat ein eher langsames Tempo – und dennoch leert sich das Parkett während solcher Tandas auffällig.

Auch Showtänzer machen bei Tangoveranstaltungen inzwischen vorwiegend einen Bogen um die schnelle Tangovariante – selbst wenn sie mehr als drei Tänze bieten (und das ist leider der Normalfall), finden sich im Programm neben dem obligatorischen Vals öfters nur langsame bis sehr langsame Tangos. Neben dem Zeitgeschmack dürfte das auch daran liegen, dass man ganz schön viel können muss, um derartige Stunts auf die Bretter zu legen. Zweifellos bewegen sich Quiroga und die bekannte Showtänzerin Alejandra Mantiñan in der „Don’t try this at home“-Liga…

Wer Aoniken Quiroga Bujan (so der volle Name) nicht kennt, dem kann ich auch nur bedingt weiterhelfen. Im Internet ist (neben zahlreichen Vortanzvideos und Veranstaltungsankündigungen) nicht eben viel über ihn bekannt. Er ist wohl Anfang Dreißig, tanzt seit seiner Kindheit und stammt aus der Tangoschule von Carlos Copello. Er tanzte in etlichen Shows mit und wurde 2006 Vizeweltmeister im Tango de Salón. Derzeit lebt er in Italien, unterrichtet in Neapel sowie auf diversen Tourneen. Und er erinnert mich von Statur und Tanzweise an meinen einstigen Lehrer Andi - den besten, den ich je hatte!

Gerne lässt man sich im Internet mehr oder weniger ernsthaft besorgt über Quirogas Gesundheitszustand aus. Ich finde, das geht nur ihn und sein persönliches nahes Umfeld etwas an. Für mich sind hier zwei andere Botschaften bedeutsam:

Erstens sind die meisten körperlichen Handicaps kein Grund, im Tango nicht nach den Sternen greifen zu sollen: Ob alt, jung, dick, dünn, groß oder klein – dieser Tanz ist für alle da! Und zweitens: Es gibt so viele Tangostile, wie es Menschen gibt, die Tango tanzen – und jeder soll persönlich urteilen, ob ihm eine spezielle Art mehr oder weniger gefällt. Oder noch besser: seine eigene entwickeln. Sollte Aoniken Quiroga bei Carlos Copello gelernt haben, würde dies gut passen. Ich habe schon einmal berichtet, was dieser erfahrene Milonguero und Showtänzer von der Diskussion um „Tangostile“ hält:

Diese Art, so zu tanzen, wie einem „die Füße gewachsen sind“, hat für mich etwas Befreiendes – frischer Wind in der heutigen „schönen neuen Tangowelt“, in der man an der Klonierung immer gleicher Tangopaare arbeitet und letztlich langweiliges Mittelmaß erhält…


Die wenigsten Tangolehrer tanzen heute in einer Art, wie sie früher, als man sich beim Tango noch bewegen durfte, sehr verbreitet war. Und viele ihrer Schüler halten das heute unterrichtete gravitätische Herumgeschleiche für die einzige Version dieses Tanzes. Daher ist es vielleicht ganz gut, diese anderen Varianten zu veröffentlichen!

Nun denn, hoffentlich zum Spaßvergnügen und vielleicht sogar zur Anregung noch zwei weitere Videos vom Auftritt in Wien im Jahr 2012. Aoniken Quiroga kann’s nämlich auch (fast) langsam:


Oder mittelschnell…


Und Rock’n Roll hat er auch drauf: 




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