Detlef und die Amphore



Eine Amphore bzw. Amphora (von altgriechisch ἀμφορεύς amphoreus ‚zweihenkliges Tongefäß‘; gebildet aus ἀμφί amphí ‚auf beiden Seiten‘ sowie φέρειν phérein ‚tragen‘) ist ein bauchiges enghalsiges Gefäß mit zwei Henkeln meist aus Ton, aber auch aus Metall (Bronze, Silber, Gold). Durch zwei Henkel sollte ursprünglich das Tragen erleichtert werden. Amphoren sind zu den antiken Vasen zu zählen. (…) Häufig wurden sie als Einwegbehälter nach dem Transport weggeworfen…
(Quelle: Wikipedia)

Es geschah vor Kurzem auf dem Heimweg von einer Milonga, auf der meine Frau und ich wie üblich die erlebten Eindrücke Revue passieren ließen. Wieder einmal drehte sich unser Gespräch um den „Tango als Rentnertanz“, die Langeweile, die sich per unheiliger Allianz von Musik, Publikum und Bewegungsweise auf vielen Tangoveranstaltungen breit macht. Da wir in unserem Alter (!) natürlich zur Nostalgie neigen, erinnerten wir uns wehmütig an unsere einstige Lieblingsmilonga im Tanzsaal eines alten, denkmalgeschützten Wirtshauses einer Kleinstadt, an den dortigen Gastgeber und DJ, der uns, zusätzlich zu dem im Winter bullernden Kanonenofen, mit heißer Musik aus allen erdenklichen Richtungen einheizte. Was gab es da an kreativen, ungewöhnlichen Tanzstilen zu erleben – und vor allem Bewegungstalente, die fast jede Runde auf dem Parkett zu einem Abenteuer werden ließen und den monatlichen Tangoabend als „Pflichttermin“ installierten, den zu versäumen wir nie gewagt hätten. Doch diese „gute, alte Zeit“ ist Geschichte – der Nachfolger hatte es nicht geschafft, diesen Zauber zu erhalten, die Milonga gibt es längst nicht mehr.

Da fiel uns plötzlich Detlef ein.

Er war eines Tages in der Tangoszene aufgetaucht und zeichnete sich für ein halbes Jahr durch Dauerpräsenz auf allen möglichen Tangotreffs aus, bevor er – ebenso ansatzlos – wieder verschwand. Detlef war ein bejahrter, gepflegter und gut aussehender Kavalier der alten Schule, so eine Art später Cary Grant mit tadellosen Manieren. Auf jedem Kreuzfahrtschiff wäre er sofort als „gentleman host“ zur Betanzung alleinstehender älterer Damen engagiert worden – rank, schlank und gut gekleidet, wie er war.

Es gab mit Detlef nur ein winziges Problem: Er konnte nicht tanzen – insbesondere keinen Tango.

Doch dies störte ihn kein bisschen, ja, er gab es sogar freimütig zu: Im umfangreichen Small Talk, den er jedem (und vor allem jeder!) außerhalb des Parketts aufdrängte, brachte er stets seine Bewunderung für deren Tanzkünste zum Ausdruck – und das in einem derart kohlehydratreichen Tonfall, dass man zumindest Diabetikerinnen vor ihm hätte warnen sollen. Zudem er forderte er gerne und viel auf – und da es dereinst noch genügend junge Tangueras gab, bevorzugt diese.

Legendär war sein Tanzstil: Der bestand zu Beginn aus einer mindestens halbminütigen Pause, welche er allerdings geschickt zum Aufbau einer höchst sensitiven und nahen Umarmung nutzte („never sacrifice the embrace for a step“). Wenn er dann endlich den ersten Schritt unternahm, hatte er natürlich keine Ahnung, auf welchem Fuß seine Partnerin stand, und landete daher mit einer Wahrscheinlichkeit von fünfzig Prozent auf diesem. Sofort stoppte er dann den Bewegungstaumel und hauchte der Dame in ersterbend-heiserem Tonfall ein „Tschschschuuuuldigung“ zu – und dieses für sie trotzdem deutlich vernehmbar, da Detlef vorsichtshalber längst seine Lippen in deren rechter Ohrmuschel versenkt hatte. So ging es – mit einer Frequenz von zirka vier Schritten pro Minute – stetig weiter, wobei unser Tangokavalier die umfänglichen Pausen stets zu neuem Balzgesäusel nutzte: „Ssooo schön, wie du tanzt…. röchel… wie musssikaalisch du bist… seufz… toll… stöhn“ (Wie moralisch der Text blieb, kann ich leider aus eigener Erfahrung nicht beschwören!).

Für eine kurze Zeit war Detlef sogar drauf und dran, in den Olymp der Tangoszene vorzustoßen: Wie aus gut unterrichteter Quelle verlautete, gelang es ihm, mit einer anerkannten Tangoexpertin die Bewegung in der Horizontalen auch außerhalb der Tanzfläche fortzusetzen – jedenfalls sah man die beiden öfters auf Milongas, wobei seine neue Partnerin mit Inbrunst und wenig Erfolg versuchte, ihn mit der choreografischen Mindestversorgung auszustatten. Könnte sein, dass unserem Detlef die Unterrichtung bald zu stressig wurde – die Beziehung endete ziemlich schnell und angeblich unter großem Getöse…

Doch dies focht unseren Frauenversteher nicht an! Kurz darauf erschien er auf unserer oben beschriebenen Kultmilonga, und dies mit einem wahren Prachtweib: Gesegnet mit einer Figur vom Typus „Brunhilde“ überragte sie unseren nicht gerade kleinen Detlef um Haupteslänge – wenn man die seit Farah Diba nicht mehr gesehene, antik gelockte Hochsteckfrisur dazu nimmt, auch gerne um zwei Köpfe – und falls Detlef hinter ihr stand, war er unsichtbar... Das Schönste aber: Sie konnte genauso wenig Tango tanzen wie ihr schneidiger Verehrer! Die Rundungen der Dame waren ohne Zuhilfenahme der Hände nur mit einer antiken Vase zu beschreiben – daher die (zugegebenerweise vom Verfasser erfundene) Tarnbezeichnung „Detlef und die Amphore“, unter welcher die beiden zur häufig erwähnten Anekdote des ortsüblichen Tangotratsches wurden: eine exotische, amüsante Ausnahmeerscheinung.

Während wir noch über dieses legendäre Pärchen kicherten, hatten wir beide schon längst die Hälfte unseres Heimweges zurückgelegt. Plötzlich kam mir ein schrecklicher Gedanke: „Ist dir klar, dass die beiden beim heutigen Tangopersonal überhaupt nicht mehr auffallen würden?“ Meine Frau nickte nur stumm.

Der Rest der Fahrt verlief schweigend.


P.S. Die Geschichte ist wahr, der Name Detlef allerdings – wie auf Tangoblogs üblich – ein Pseudonym.

Kommentare

Hinweis zum Kommentieren:

Wegen der wiederholten Zugriffe von Spammern und Trolls habe ich die Kommentarfunktion geschlossen. Sie können mir Ihre Anmerkungen aber gerne per Mail schicken, ich lade sie dann unter Ihrem vollen Namen für Sie hoch: mamuta-kg(at)web.de
Bitte bleiben Sie sachlich und respektvoll. Vielen Dank!