Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt… 38

Gestern war ich mal wieder zu Gast auf einer meiner Lieblings-Milongas, einer privaten Veranstaltung irgendwo in der Pampa, wo sich eine Gruppe von Tango-Enthusiasten einmal monatlich in einem Tanzclub trifft – fernab von Pomp und Lachsschnittchen.

Die DJs legen sehr vielgestaltige Musik auf, von der EdO bis zu modernen Titeln, es dürfte für alle Geschmäcker etwas dabei sein. Jedenfalls ist die Tanzfläche meist gut gefüllt, aber mit genug Platz zur individuellen Gestaltung. Was will man mehr?

Während der Veranstaltung gab es einen sehr interessanten Moment, über den ich länger nachdenken musste:

Es liefen Titel mit einer ziemlich komplizierten Musik – ich kann nicht sagen, ob es Pugliese oder ein moderneres Orchester war. Jedenfalls enthielt die Musik eine Menge raffinierter Wendungen – die „Voraushörbarkeit“ war gewaltig eingeschränkt!

Glücklicherweise war ich mit einer sehr guten Tänzerin unterwegs, die allerdings noch nie einen Tangokurs von innen gesehen hat. Sicherlich hilfreich ist aber, dass es sich um eine tolle Musikerin handelt. Und sie hat inzwischen im Tango eine langjährige tänzerische Erfahrung.

Klar, unser Konzentrationsvermögen war hinterher schon ziemlich erschöpft. Trotzdem: Welch tolles Erlebnis!

Später sagte ich zu ihr: „Immerhin haben wir in siebzig oder achtzig Prozent die Musik ganz gut getroffen.“ Nach der heutigen Lesart lagen wir also in zwanzig bis dreißig Prozent daneben.

Ja, und?

Ich finde, der Fokus liegt im heutigen Tango-Unterricht viel zu sehr darauf, „richtig“ zu tanzen. Und was korrekt oder falsch ist, wird von außen beurteilt – im schlimmsten Fall von einem Tangolehrer.

Und dann soll man sich auch noch darauf konzentrieren, in der vorgeschriebenen „Ronda-Spur“ zu bleiben. Gleichzeitig wird noch behauptet, Tango sei ein „reiner Improvisationstanz“. Echt, Leute: Wer soll da keinen Föhn kriegen?

Was bleibt, ist dieses öde Herumgetappe: Bloß nicht aus der Spur geraten, möglichst nichts Ungewöhnliches, keine „Fehler“ machen! Und im Nacken hat man stets (zumindest gefühlt) den kritischen Blick, die Anweisungen eines bezahlten Über-Ichs…

Dazu kommt, dass im heutigen Tango eine heftige Bescheidwisserei grassiert. Nicht alles, was Experten" als Fehler" titulieren, muss auch einer sein!

Ich bin davon überzeugt, dass man im Tango weiterkäme, wenn man sich voll auf den Partner konzentrieren würde statt auf gelernte Schemata: Spüren wir, was er gerade macht, wie reagiert er auf meine Impulse? Kriegen wir eine gemeinsame Verständigung hin? Was sagt uns die Musik? Sind wir in deren Flow oder läuft sie irgendwo neben uns her?

Die „Schritte und Figuren“ sind vergleichsweise nebensächlich. Gestern sagte ein Tänzer zu einer meiner Begleiterinnen, er habe plötzlich Sachen getanzt, die er gar nicht gelernt habe. Tja, ab diesem Punkt fängt der Tango an!

Ich glaube, man kann in unserem Tanz unglaublich viel lernen, ohne Kurse zu besuchen. Im Gegenteil: Man wird im konventionellen Unterricht oft eher in Sackgassen geleitet: Vor allem, wenn man vorgefertigte Schrittfolgen auswendig lernen soll. Damit etabliert man dieses unsägliche „Richtig- und Falsch-Denken". Wenn schon, dann sollte man einzelne Bewegungselemente trainieren.

Das Lernen beginnt aber schon viel früher. Ich habe in meiner tänzerischen Laufbahn sehr viel vom Zuschauen profitiert. Daher verstehe ich nicht, wie Milongabesucher lange Zeit mit dem Rücken zum Parkett verbringen können, sich dabei lautstark unterhalten. Dabei geht dann auch noch die zweite Lernhilfe verloren: die Musik. Für viele scheinen die gespielten Klänge erst dann Bedeutung zu gewinnen, wenn sie auf der Tanzfläche stehen. Nur ist es dann zu spät!

Letztlich passiert dabei genau das Gleiche, was man in Kursen teuer bezahlt: Man beobachtet, wie andere (möglichst gut) tanzen. Und auch, wenn man Abartiges sehen sollte, bringt das doch einen Lerneffekt: Man erkennt, wie man ganz bestimmt nicht tanzen möchte!

Seltsamerweise gibt es einen Moment, wo dann alle zugucken: Wenn ein Profi-Paar einen (meist choreografierten) Showtanz liefert. Aber das, was die zeigen, kriegt man eh nicht hin. Da sind die Lerneffekte gering!

Was ich ebenfalls überhaupt nicht verstehe: Warum rennt man in Viererreihen auf angesagte Tango-Events, bei denen auf dem Parkett meist drangvolle Enge herrscht? Wenn man Tango lernen will, braucht man vor allem eines: Platz! Selbst erfahrene Tänzerinnen und Tänzer können bei solchen Anlässen auf der Tanzfläche meist nur „Mängelverwaltung“ betreiben.

Gerade beim Lernen benötigt man freien Raum. Das heute gepriesene Aneinanderpappen mag romantische Stimmungen fördern – tanzen lernt man dadurch eher nicht! Ein lockerer Kontakt eröffnet deutlich mehr Optionen! Spiegelbildlich-synchrone Abläufe dagegen bestrafen jede Ungenauigkeit. Warum sich ständig in diese Gefahr begeben?

Zudem erinnert uns der Abstand an eine Tugend, die heute fast in Vergessenheit geraten ist: Jeder muss selber tanzen, sich im eigenen Gleichgewicht bewegen – und nicht mit der Eleganz eines nassen Handtuchs am Partner kleben!

Damit ich’s nicht vergesse: Ohne das Tanzen mit ganz verschiedenen Partnerinnen oder Partnern wird das nichts! Die Tangosprachen und Dialekte sind sehr verschieden – je mehr man kennt, desto besser! Und man lernt immer dazu, ganz unabhängig vom „Niveau“ des Gegenübers!

Und wenn ich eine Figur" partout nicht hinkriege, überlassen ich sie gerne anderen. Mögen die damit glücklich werden! 

Derzeit konzentriert man sich viel zu sehr darauf, die Partnerin durch eine gelernte Bewegungsfolge zu drängeln, statt einen Impuls zu geben und dann zu warten, was zurückkommt, wie man darauf dann wieder reagieren kann. Dieses „Gespräch“ wird zwar gelegentlich beschworen – in der Praxis sehe ich wenig davon.

Das Spontane, Unerwartete meidet man im heutigen Tango wie der Teufel das Weihwasser. Stattdessen muss jeder Dreck „kontrolliert“ werden.

Wenn man das Kreative sucht, erst im Moment entscheiden kann, passieren natürlich „Fehler“ – öfters haufenweise. Nach der herrschenden Doktrin hat man die zu vermeiden. Ich dagegen rate, sie als Motor der Weiterentwicklung zu sehen, ja zu suchen. Meist ahnt man zumindest, warum es nicht gepasst hat. Egal, beim nächsten Mal probiert man es halt ein bisschen anders. Schlimm sind nicht die Fehler, sondern die Reaktionen darauf: Wenn man sich dann verkrampft oder sogar „Schuld-Diskussionen“ anzettelt, wird es schwieriger als nötig: Wenn was schiefgeht, weiß man doch zumindest mal, wie es nicht funktioniert!

Wer Angst vor Fehlern hat, verzichtet aufs Lernen

Ich glaube, mein entscheidender Lernfortschritt in einem guten Vierteljahrhundert Tango besteht darin, dass es mir völlig egal ist, was Außenstehende zu meinem Tanzen sagen – und damit wurde ich ja reichlich verwöhnt. Für mich zählt die Partnerin – und natürlich die Musik. Sonst nichts.

Ich muss bei solchen Themen stets an Stefan denken, einen kleinen, unglaublich quirligen Tänzer aus unserer Tango-Frühgeschichte. Der ließ gerade bei Milongas kein Sechzehntel auf dem Parkett liegen – seine Fußtechnik war unglaublich! Einmal erzählte ich ihm von meiner damaligen Tangolehrerin: Ich tanzet damals bei einer Practica einen Milonga-Schritt, den ich mir irgendwo abgeschaut hatte. Das strenge Verdikt meiner Chefin: Diesen Schritt gebe es nicht!

Ich werde nie Stefans Antwort vergessen, die mir im Tango eine ganz neue Perspektive eröffnete, und für die ich ihm bis heute unendlich dankbar bin:

„So lange die Frauen schnurren, gibt’s diesen Schritt!“

Doch lassen wir es noch einen Tangolehrer auf seine Weise erklären  vielleicht glaubt man es ihm:

https://www.youtube.com/shorts/QG9XTrfXZl4

Kommentare

  1. Ich habe natürlich damit gerechnet, dass mir irgendein Depp vorhält, ich würde im obigen Artikel doch, trotz des Titels, einen Tangolehrer zu Wort kommen lassen.
    Tja, Ausnahmen bestätigen halt die Regel – und ich glaube schon, dass ich einiges mehr erzählt habe als dieser. Aber das hieße ja, sich inhaltlich mit meinem Text zu befassen.
    Aber solche filigranen Unterschiede erreichen nicht jedes Gehirn…

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  2. Hier ein Kommentar von Helge Schütt:

    Ach, Gerhard,
    In Deinem Artikel „Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt… 38“ schreibst Du:
    „Ich bin davon überzeugt, dass man im Tango weiterkäme, wenn man sich voll auf den Partner konzentrieren würde statt auf gelernte Schemata.“
    Welch bahnbrechende Erkenntnis! Interessanterweise ist es genau das, was mir meine Tangolehrer beigebracht haben,
    siehe https://helgestangoblog.blogspot.com/2024/06/kurznotiz-13-tanze-die-verbindung-nicht.html
    Du zeigst mit Deinem Artikel nur ein weiteres Mal, dass Du nicht die geringste Ahnung von modernem Tango Unterricht hast.
    Woher solltest Du auch, da Du Dich standhaft weigerst, Tango Unterricht bei anerkannten Lehrern zu nehmen?
    Und dann wunderst Du Dich ernsthaft, warum niemand Deine Artikel inhaltlich kommentiert?
    Natürlich könnte man den einen oder anderen Schenkelklopfer produzieren, indem man sich
    über Deine öffentlich zur Schau getragene Unwissenheit lustig macht.
    Aber wozu? Bringt mich das als Tänzer weiter? Wohl kaum.
    Es wäre reine Zeitverschwendung.

    Liebe Grüße,
    Helge

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    1. Lieber Helge,

      na, das ist doch schön, wenn dir deine Tango-Lehrkräfte das beigebracht haben! Offenbar hielten sie es für wichtig. Ich ebenfalls.
      Wenn ich keinen Unterricht bei „anerkannten Lehrern“ mehr nehme, wäre das doch eine wunderbare Gelegenheit, dies inhaltlich zu kommentieren. Warum es derzeit nur wenige tun, hat eher den Grund, dass man nicht mit wahrem Namen zu seltsamen Ansichten stehen will.
      Mag ja sein, dass ich „keine Ahnung von modernem Tangounterricht“ habe – was immer das auch sein mag. Mir reicht es, dass ich einigermaßen tanzen kann. Zudem sehe ich von großartigen Neuerungen auf den Milonga-Tanzflächen nichts.
      Aber gut, wem es etwas bringt, behaupteten Neuentwicklungen nachzurennen, der soll es tun – wenn auch zur selben historischen Musik wie vor fast einem Jahrhundert. Ich hoffe, man informiert mich, wenn die Revolution ausbricht!
      Na, und mit „Schenkelklopfern“ werde ich doch reichlich verwöhnt – beispielsweise auf Wendels „Eriwan“-Seite. Und immerhin hältst du diesen Kommentar für nötig. Bringt dich das als Tänzer weiter?

      Beste Grüße
      Gerhard

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    2. Christian Beyreuther ist der wiederholt geäußerten Meinung, man sollte mir nicht länger die Ehre antun, sich mit meinen Texten zu befassen. Wohl aus diesem Grund hat er heute bei Klaus Wendel gleich drei Kommentare zu meiner Person veröffentlicht:
      27.1.26, 20:37
      27.1.26, 11:51
      27.1.26, 14:42
      Der dritte Kommentar bezieht sich auf meinen Artikel „Was Ihnen ihr Tangolehrer nicht erzählt, Teil 38“.
      Beyreuther erhebt darin schwere Vorwürfe: Ich würde „pauschal Tausende von Tänzerinnen und Tänzer, Lehrerinnen und Lehrer sowie Veranstalter diskreditieren“. Jede Form von Kompetenz, die nicht meiner eigenen Biografie entspreche, werde grundsätzlich entwertet.
      Gleichzeitig erhebe ich meine eigene Erfahrung „zum Maßstab für alle“. Tango-Unterricht sei „überflüssig“. Jede Form der Expertise erkläre ich für „fragwürdig“. Es gehe um „Gesinnung“.
      „Freiheit, Offenheit und Improvisation“ verweigere ich allen, die zu anderen Schlüssen kämen.
      Ich würde Kompetenz exklusiv für mich beanspruchen und schriebe „gegen das Lernen“.
      Auffallend ist schon einmal, dass Beyreuther kein einziges wörtliches Zitat aus meinem Text verwendet. Da würde er sich auch schwertun, denn das habe ich alles nicht im Entferntesten geschrieben. Nicht einmal gemeint!
      Nun habe ich ja gelernt, dass es Leser gibt, welche sich nur die Kommentare, nicht aber die Artikel ansehen. Darauf hofft der Autor wohl!
      Daher als Kurzinfo: Im ersten Teil des Textes habe ich vom Besuch einer Milonga berichtet und eine Erfahrung geschildet, die ich mit einer Tanzpartnerin erlebte. Sorry, aber das war halt so!
      Danach habe ich zum heutigen Tangounterricht dargelegt, dass dort nach meiner Ansicht einiges falsch laufe. Offenbar ist die Wiedergabe persönlicher Einsichten im Tango bereits verboten…
      Und ja, ich finde, Schritte und Figuren werden überbewertet. Mit dieser Meinung bin ich wahrlich nicht allein! Ferner meine ich, man kann im Tango viel lernen, ohne Kurse zu besuchen. Wahrscheinlich ist das geschäftsschädigend.
      Abschließend habe ich einige Tipps zum Lernen gegeben. Ich wusste nicht, dass dies nur Tangolehrern erlaubt ist.
      Tatsächlich halte ich Fehler für einen Motor der Weiterentwicklung. Auch diese Ansicht scheint skandalös zu sein.
      Den Abschluss bildet eine Anekdote, die ich wirklich so erlebt habe. Ich habe sie nicht mal kommentiert, nur erzählt.
      Und nochmal: Ich zeige im Tango Alternativen auf, mehr nicht. Wer sie ausprobieren möchte, darf es gerne tun. Gezwungen wird niemand – wie denn auch?
      Wer nun doch interessiert an dem ist, was ich wirklich geschrieben habe:
      https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/01/was-ihnen-ihr-tangolehrer-nicht-erzahlt.html
      Quellen:
      https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-41-teil/#comments
      https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-musik-1-teil/#comments

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