Dem Reduktör ist nichts zu schwör

Klaus Wendel hat nun mutig ein neues Kapitel seines Blogschaffens aufgeschlagen: „Gedanken über Tango-Musik“.

Im ersten Teil moniert er zunächst den Benennungs-Wirrwarr am Beispiel des Begriffs „Rhythmus“: Klar, Tango ist kein rhythmisch fixierter Tanz. Er legt dar, dass sich in dem Zusammenhang die Aufmerksamkeit auf Unterschiedliches richten kann: die „Melodie eines Instruments, die rhythmischen Akzente, Begleitstimmen im Hintergrund, auf Spannung und Auflösung innerhalb einer Phrase“. Hier sei eine Entscheidung nötig!

Das mag ja theoretisch richtig sein – nur: Wie viele Promille der Tanzenden treffen die bewusst? Man tanzt halt zu dem, was in den Vordergrund tritt, sich schöner, interessanter (oder lauter) anhört. Meist ist das keine analytische, sondern eine intuitive Entscheidung.

Und klar, gutes Tanzen ist nicht nur taktorientiert. Man sollte schon ein wenig mehr hören!

Zum Begriff „tanzbare Tangomusik“ dreht Wendel die heute meist übliche Schleife: Grundsätzlich sei jede Musik tanzbar. Ich darf aber daran erinnern, dass beispielsweise zu den Werken Piazzollas das Credo lange Zeit lautete, sie seien „untanzbar“. Es ist nicht Wendels Verdienst, dass man diese Abwehrlinie inzwischen weitgehend aufgegeben hat!

Der Autor unterscheidet nun, welche Musik „für den sozialen Tanzkontext geeignet ist“. Na ja, allzu weit entfernt er sich von der „Tango-Betonfraktion“ damit nicht…

In der Folge zählt er dann die „Parameter tanzbarer Tango-Musik“ auf – na prima, mit dem bösen Wort wäre der Rücksturz ins Knochen-Konservative wieder gelungen!

Als Parameter dafür zählt Wendel auf:

·       „Fixierte Rhythmik als gemeinsames Fundament“: O ja, ich weiß, was das bedeutet: Oft genug öder Grundrhythmus über dreieinhalb Minuten… Das sind die Momente, wo ich mir auf Milongas überlege, warum ich eigentlich 80 Kilometer gefahren bin!

·       „Musikalische Tiefe für fortgeschrittene TänzerInnen“: Hier benennt Wendel genau, was ich auf den üblichen Veranstaltungen vermisse. Stattdessen simple Retro-Schlagermusik, damit nur ja alle mitkommen – man will ja die Bude vollkriegen!

·       „Hoher Genussfaktor bei geringem Stress“: Dabei sehne ich mich oft genug nach ein wenig Stress – statt bleierner Langeweile. Was soll ich da genießen?

·       „Dynamische Abwechslung“: Genau danach suche ich meist vergeblich. Vor allem, wenn ich dieselben Aufnahmen in dreistelliger Wiederholung erlebe.

·       „Voraushörbarkeit“: Leute, mir reicht es meistens, was ich im durchschnittlichen Fall aktuell vernehme – wenn ich daran denke, was wohl noch kommen wird, neige ich zu Depressionen… Im Ernst: Für mich bildet den Reiz das Unerwartete!

Genau daran scheitere im Milonga-Kontext häufig die Musik Piazzollas, wobei der Autor Stücke mit „fixierter Tanzrhythmik“ des Meisters ausnimmt – wie „Adiós Nonino“. Dann frage ich mich halt, wieso ich dieses Werk auf fast keiner Milonga höre – und außerdem gibt es von Piazzolla eine ganze Menge ruhiger Balladen, die in diese Rubrik fallen. Man müsste sie nur kennen.

Nein: Hier geht es einfach ums Etikett: Ein DJ, der Tango nuevo spielt, fällt in der Tradi-Szene allgemeiner Verachtung anheim. Der konkrete musikalische Inhalt ist Nebensache.

Wendel behauptet tapfer, die EdO-Musik biete „Tänzern mit höherer Kompetenz“ (wieder mal ist von Tänzerinnen nicht die Rede) die Option, „über den Grundtakt hinauszugehen“. Ich will das nicht pauschal verneinen – aber oft kommt das nicht vor. Besonders, weil man sich auch in diesem Metier bemüht, solche Beispiele eher auszulassen.

Nicht erst bei diesem Thema fällt mir auf, dass Wendel den Begriff „Freiheit“ sehr skeptisch betrachtet – eher muss schon alles seine Ordnung haben: „Freiheit ohne Struktur ist keine Freiheit“. Und was Struktur ist, bestimmt halt der Fachmann. Offenheit zwinge zu Kompetenz. Ich finde dagegen, erzwungene Kompetenz ist keine.

Klar, dass nun ein Orchester drankommt, dass man immer mehr als „Piazzolla-Ersatz“ handelt: Pugliese. Klar, diese Aufnahmen sind interessant und oft herausfordernd, taugen aber nicht als Alibi.

Der Autor behauptet, eine Menge Tanzende hörten sehr viel: „Instrumente, Gegenstimmen, Übergänge, Spannungsbögen“. Nein, das tun sie eben gerade nicht! Ursache ist einerseits mangelndes musikalisches Interesse oder geringe Begabung, andererseits halt auch, dass es sich bei der häufig gebotenen Musik kaum lohnt. Je nach Glaubensrichtung erwartet man das antike oder moderne Gedudel, das keine große Aufmerksamkeit erfordert. Dazu spult man halt seine ewig gleichen Schrittfolgen ab.

Meine Erfahrung ist: Je herausfordernder die Musik ist, desto besser wird getanzt. Vielleicht auch, weil eine bestimmte Population solche Veranstaltungen zugunsten von „Förderschul-Milongas“ meidet.

Reduktion sei keine Vereinfachung, sondern Kompetenz, so der Autor. Ja, so gewinnt man Kunden: In der Beschränkung zeigt sich der Meister. Noch besser: in der Beschränktheit. Das sollten doch alle hinkriegen!

Wer alles hören wolle, überfordere nicht nur sich selbst, sondern auch den Tanzpartner. Da stimme ich zu: Würde ich die Ohren nicht öfters auf Durchzug stellen, wären viele Milongas kaum zum Aushalten. Besonders, wenn ich dort auch noch tanzen soll.

Schön ist das Schlusswort: Musikalisch tanzen heiße, „eine klare Haltung zur Musik einzunehmen“. Am besten mit den Händen an der Hosennaht!

Zum Nachlesen: https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-musik-1-teil/

P.S. Ein Beispiel höchster Kompetenz durch maximale Reduktion:

 

https://www.youtube.com/shorts/oIFuQKrod4I

Kommentare

  1. Als Reaktion auf meinen Artikel hat Klaus Wendel nun einen ellenlangen „Nachtrag“ zu seinem Text veröffentlicht. Ein solches „Hinterherschieben“ (nicht zum ersten Mal) wirkt nicht sehr überzeugend. Ich rate stets dazu, sich seine Argumentationen zunächst gut zu überlegen und sie dann aufzuschreiben. Dann müsste man nicht hinterher Schadensbegrenzung betreiben.
    Ich weiß auch nicht, ob er mit seinem sprachlichen Getöse gut beraten ist. Eine „Grundsatzschlacht über die einzig wahre, reine und moralisch überlegene Milonga-Musik“ ist mein Artikel nun wahrlich nicht. Was haben denn Musik-Vorlieben mit Moral zu tun?
    Ebenso wenig ist sein Artikel eine „ideologische Kampfschrift“. Wendel scheint wild entschlossen, aus einer Musik-Diskussion große Oper zu inszenieren.
    Und ich habe ja nicht angefangen, den dämlichen Begriff „tanzbar“ zu exhumieren.
    Ein wenig genervt bin ich inzwischen von der Zitat-Erfinderei des Autors. Dass „90 Prozent der Tangoszene nicht richtig tanzen kann“, steht in meinem Artikel nirgends. Mein Eindruck ist, dass man Sachen erfindet, damit man sich richtig empören kann.
    Dabei ist Wendel mit Zitaten ziemlich pingelig. Oft schon wurde mir vorgeworfen, solche Passagen „aus dem Zusammenhang zu reißen“. Immerhin gab es da einen.
    Ich will niemandem meine eigene Meinung „aufdrücken“. Ich stelle sie vor und begründe sie meist. Wer sich ihr anschließen möchte, gerne. Wer nicht: auch gut.
    Ausgerechnet mir nun „Elitedenken“ vorzuwerfen, ist schon mutig. Da bitte ich doch, lieber bei den Herrschaften mit den hohen Nasen auf den Encuentros nachzusehen…
    Zum Argument, Piazzolla habe seine Musik nicht als „Tanzmusik“ verstanden, habe ich schon oft Stellung genommen. In Kurzform: Der Komponist war (nicht nur wegen seines Fußleidens) kein Tänzer. Das sind die meisten Musiker nicht. Und er stand mit der traditionellen Tangoszene auf Kriegsfuß. Das macht seine Weigerung, zum Tanzen zu spielen, verständlich. Und es gibt haufenweise Musik, die nicht zum Tanzen komponiert wurde und dennoch Siegeszüge auf dem Parkett erlebte.
    Wendel schreibt abschließend: „Nicht jede Musik, die man liebt, eignet sich für jede Milonga.“ Dem stimme ich zu. Ich hoffe, auch die konservative Tangoszene kommt dereinst zu dieser Ansicht.
    Quelle: https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-musik-1-teil/#comments

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  2. Auf derselben Seite rät nun Christian Beyreuther in einem Kommentar, mich nicht mehr zu beachten. Dazu hat er sicherlich einen wertvollen Beitrag geleistet.

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