McCarthy lässt grüßen


Von zirka 1950 bis 1955 trommelte der republikanische Senator Joseph McCarthy gegen alles, was er für links oder gar kommunistisch hielt. In der Hochphase des Kalten Krieges gelang es ihm erfolgreich, sich als Militärheld zu inszenieren – unter anderem mit einer gefälschten Belobigung und einer Verwundung, die allerdings ein Party-Unfall war.

Politisch Verdächtige wurden vor parlamentarische Untersuchungsausschüsse geladen, insbesondere das berüchtigte „Komitee für unamerikanische Umtriebe“. Angeblich gab es eine Liste mit über 200 Mitgliedern der Kommunistischen Partei in Regierungsämtern, die in Wahrheit nicht existierte.

Auch in Hollywood kursierte eine „Schwarze Liste“ von Künstlern, die man für Sympathisanten des Kommunismus hielt. Exkulpieren konnte sich nur der, welcher „Mittäter“ verriet. Selbst der emigrierte Schriftsteller Thomas Mann wurde als „Anhänger von Stalin & Co.“ diffamiert, als er sich gegen diese Hexenjagd wandte.

Eine Vielzahl von Künstlern verloren ihre Jobs, mussten die USA verlassen oder landeten gar im Gefängnis. Wikipedia schreibt zum Begriff „McCarthyism“:

„Heute wird der Begriff dagegen zumeist mit negativer Konnotation für die demagogische Kommunistenjagd der frühen 1950er Jahre benutzt, bei der die hysterischen Ängste der Bevölkerung ausgenutzt worden seien, um Unschuldige oder relativ harmlose Andersdenkende zu verfolgen; er wird assoziiert mit Verschwörungstheorien und einer ‚Herrschaft des Terrors‘, in der auf schlüssige Beweisführung kein Wert mehr gelegt worden sei.“

Auch bei uns haben es derzeit Künstler immer schwerer, die von einer (noch) erlaubten Richtung der Satire abweichen. Ein aktuelles Beispiel ist der Shitstorm-erprobte Kabarettist Dieter Nuhr. Ende Juli dieses Jahres sollte er (neben anderen Autoren) für die renommierte Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen ihrer Kampagne „DFG2020 - Für das Wissen entscheiden" zu ihrem hundertsten Geburtstag einen 30 Sekunden-Text aufsprechen. Hier der Wortlaut:

„Wissen bedeutet nicht, dass man sich zu 100 Prozent sicher ist, sondern dass man über genügend Fakten verfügt, um eine begründete Meinung zu haben. Weil viele Menschen beleidigt sind, wenn Wissenschaftler ihre Meinung ändern: Nein, nein! Das ist normal! Wissenschaft ist gerade, DASS sich die Meinung ändert, wenn sich die Faktenlage ändert. Wissenschaft ist nämlich keine Heilslehre, keine Religion, die absolute Wahrheiten verkündet. Und wer ständig ruft ‚Folgt der Wissenschaft!‘ hat das offensichtlich nicht begriffen. Wissenschaft weiß nicht alles, ist aber die einzige vernünftige Wissensbasis, die wir haben. Deshalb ist sie so wichtig.“

Für alle, die den Text (so wie ich) für erstens gelungen und zweitens völlig zutreffend halten: Er enthält eine kleine Spitze gegen Greta Thunberg, welche immer wieder dazu aufruft, hinsichtlich des Klimaschutzes „der Wissenschaft zu folgen“.

Daher gab es nach der Veröffentlichung auf Twitter mal wieder heftigste Angriffe gegen Dieter Nuhr: Gerade er argumentiere doch „unwissenschaftlich“, wenn er beispielsweise die Klima-Aktivisten verspotte oder schon mal was gegen Masken, Drosten und Merkel gesagt habe.

Nach dem die DFG sich bei dem Kabarettisten zunächst höchlich bedankt hat („Wir danken ganz herzlich für Ihr wunderbares Statement – Ihren pointierten Kommentar über die Relevanz und die Erklärung von Wissenschaft"), bekam man dort bald kalte Füße. Kurz wurde der Post noch verteidigt, dann gelöscht:

„Liebe Community, wir nehmen die Kritik, die vielen Kommentare und Hinweise ernst und haben den Beitrag von Dieter #Nuhr von der Kampagnenwebsite http://dfg2020.de entfernt.”

Die DFG müsse „geschützt“ werden, teilte man dem Kabarettisten mit. Nuhr ist darüber empört. Shitstorms sei er gewöhnt, da er sich immer wieder gegen linke wie rechte Fanatiker wende. Aber:

„Neu ist, dass nun eine Organisation wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die eigentlich wie keine andere für freies Denken stehen sollte, den Ideologen im Netz nachgibt. Das ist nicht nur erstaunlich, sondern ängstigt mich, da ich inzwischen eine McCarthyartige Stimmung im Land wahrnehme und im Zuge der Cancel culture auch die Freiheit des Denkens und der Forschung im Allgemeinen in Gefahr sehe.
Von Seiten der DFG wurde mir mitgeteilt, man müsse ‚der Kritik nachgeben", um ‚Schaden von der DFG abzuwenden‘. Ich fürchte, der größere Schaden ist, wenn die Deutsche Forschungsgemeinschaft sich daran beteiligt, kritische und keineswegs extremistische oder verschwörungstheoretische Stimmen mundtot zu machen. (…)

Die DFG unterwirft sich den Krawallmachern, die im Internet systematisch an der Unterdrückung kritischer Stimmen arbeiten, die in der Mitte des politischen Spektrums stehen. Niemand kann mich ernsthaft politisch irgendwo an den Rändern verorten.

Die DFG beteiligt sich somit aktiv daran, Kritik als Ketzerei zu verfolgen und Andersdenkende mundtot zu machen. Ich halte das indessen für ein Phänomen, das die demokratische Diskussion ernsthaft gefährdet, schon weil sie indessen den Wissenschaftsbetrieb weltweit erreicht hat. An Universitäten wird indessen überall massiv darauf hingearbeitet, dass Andersdenkende gar nicht mehr hineingelassen werden. Das ist nicht nur empörend, sondern beängstigend. In was für einem Land wollen wir leben? In einem Land, in dem öffentliches Nachdenken zunehmend durch Denunziation und soziale Ausgrenzung bestraft wird? Mir gruselt es.“

Mich auch.

Dieter Nuhr begreift sich als notorischen Zweifler. Ich finde diese Haltung nicht nur sehr ehrenwert, sondern vor allem höchst wissenschaftlich. In einem Artikel habe ich neulich den Virologen Christian Drosten zitiert, der es ganz ähnlich sieht:

„Und die Wissenschaft hat ein eiskaltes Händchen. Die Wissenschaft ist nicht so, dass man sich mit der nochmal auf der Tonspur unterhalten kann und hintenrum noch mal sagt: Hey, wir Wissenschaftler, wir sind uns doch einig, in Wirklichkeit wollen wir doch das Gleiche, und jetzt änderst du mal hier ein bisschen deine Meinung. Die Wissenschaft hat keine Meinung. Die Wissenschaft ist eine Faktenlage.“

Will sagen: Die Wissenschaft eignet sich überhaupt nicht für Ideologien, Glaubensbekenntnisse und stramme Haltungen. Sie ist stets eine aktuelle Faktenlage, die man nicht nur kontrovers diskutieren kann, sondern geradezu muss. Und: Ihre Ergebnisse sind meist ziemlich diffizil und daher zum Missbrauch durch sprücheklopfende Dumpfbacken viel zu schade.

Ich gestehe, dass ich Dieter Nuhr um die Größe seines Deppen-Reservoirs beneide. Ich dagegen muss mich mit dem kläglichen Verschnitt um die Herren Beck, Birkholz, Schauer und Schön begnügen. Man kann halt nicht alles haben…

Ohne Zweifel aber: Kabarett und Satire werden wieder spannender, als ich mir das lange Zeit vorstellen konnte. Die Spießer beklopfen inzwischen nicht mehr die eigenen Schenkel, nein: Die politisch korrekte Sprachpolizei möchte uns wieder vorschreiben, in welche erlaubte Richtungen wir unsere Pointen verschießen dürfen. Ich finde das eine tolle Herausforderung, da wir so eine Gebrauchsanweisung erhalten, wie wir optimal anecken können. Und das macht ja den größten Spaß!

In einem kurzen Video erklärt uns das Dieter Nuhr in seiner unnachahmlichen Weise: Wir Satiriker dürften derzeit schon diffamieren, aber halt bitte alte, weiße Männer und nicht junge, schwarze Frauen. Oder: Rechtsradikale schon, Linksradikale jedoch keinesfalls!

Weil: Die einen haben es verdient, die anderen nicht.
Bei Joseph McCarthy war die Zuordnung noch umgekehrt.

Hier das Video: https://www.youtube.com/watch?v=sunrqa4_Wlk

Illustration: www.tangofish.de

Kommentare

  1. Heute kann Dieter Nuhr einen großen Erfolg verzeichnen: Die DFG hat seinen kritisierten Text nun wieder online gestellt!

    Vor einigen Tagen erst lehnte es der Kabarettist rundheraus ab, als die Organisation seinen Beitrag „mit ergänzender Kommentierung“ veröffentlichen wollte: „„Was soll das denn? Alle anderen sagen frei ihre Meinung und meine wird mit einer Warnung versehen wie eine Zigarettenpackung.“

    Heute heißt es nun auf der Website der DFG:

    „Die DFG bedauert es ausdrücklich, das Statement von Dieter Nuhr vorschnell von der Internetseite der Online-Aktion #fürdasWissen heruntergenommen zu haben. Herr Nuhr ist eine Person, die mitten in unserer Gesellschaft steht und sich zu Wissenschaft und rationalem Diskurs bekennt. Auch wenn seine Pointiertheit als Satiriker für manchen irritierend sein mag, so ist gerade eine Institution wie die DFG der Freiheit des Denkens auf Basis der Aufklärung verpflichtet. Wir haben den Beitrag daher wiederaufgenommen. (…)

    In verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft hat sich eine Debattenkultur entwickelt, in der oft nicht das sachliche und stärkere Argument zählt, in der weniger zugehört und nachgefragt, sondern immer häufiger vorschnell geurteilt und verurteilt wird. An die Stelle des gemeinsamen Dialogs treten zunehmend polarisierte und polarisierende Auseinandersetzungen. Gerade bei zentralen Fragen wie dem Klimawandel oder der Coronavirus-Pandemie werden damit die wirklich notwendige Diskussion um wissenschaftliche Themen und der konstruktive Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft behindert. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ihre Erkenntnisse öffentlich machen und politische Handlungsoptionen beschreiben, sind immer häufiger Ziel unsachlicher Attacken und persönlicher Diffamierungen. Dies gilt auch für gesellschaftliche Bewegungen, die für die Wissenschaft eintreten und öffentlich dazu aufrufen, wissenschaftliche Erkenntnisse stärker zur Basis von Entscheidungen und Handlungen zu machen.“

    Doch der Kampf geht weiter: Aktuell beanstandet Dieter Nuhr, dass seine Kollegin Lisa Eckart sei vom Literaturfestival in Hamburg ausgeladen worden – wegen Sicherheitsbedenken, mit der Begründung es „könnte im linken Viertel Proteste geben". Auf Facebook schreibt er dazu: „Was für ein Skandal! Der Protestmob auf der Straße entscheidet also darüber, wer hier bei uns seine Kunst ausüben darf.“

    Schauen wir mal, wie es weitergeht. Sicher ist nur: Schweigendes Erdulden hilft da nichts.

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