Back to the roots



Im Tango habe ich ab 1999 zirka vier Kurse belegt, dazu höchstens ein halbes Dutzend Workshops sowie für vielleicht zwei Jahre eine wöchentliche Practica. Seit etwa 2003 habe ich keinen Kurs mehr von innen gesehen – außer vielleicht für einige Minuten, wenn wir mal zu früh auf einer Milonga erschienen und das Lehrpersonal der vorher stattfindenden Unterrichtseinheit noch nicht ganz am Ende war.

Der Tango, den meine Frau und ich heute tanzen, entstand zu mehr als neunzig Prozent durch unsere Erfahrungen auf den Milongas (früher zirka fünfmal, jetzt etwa dreimal pro Woche).

Dafür durfte ich mich im Internet schon öfters als „hartnäckig Lernresistenten“ bezeichnen lassen, welcher sich einer weiteren persönlichen Entwicklung im Tango widersetze und darauf offenbar noch stolz sei. Mein Einwand, ich lerne durch die Qualität und Vielzahl meiner Tanzpartnerinnen (inzwischen sicher mehr als tausend) ständig hinzu, wurde ignoriert.

Wenn einem immer wieder gesagt wird, man habe ja keine Ahnung mehr von den Fortschritten, welche es heute bei der methodischen und didaktischen Vermittlung unseres Tanzes gäbe, wird man irgendwann mürbe…

Kurz und gut: Ich habe neulich als Springer an einem ganz normalen Tango-Anfängerkurs teilgenommen!

Nun könnte man natürlich fragen: Warum nicht an der „Masterclass“ irgendwelcher argentinischer Star-Lehrer? Weil ich glaube, dass in den ersten Stunden für Anfänger die Weichen gestellt werden: Welche Musik wird ihnen als „Tango“ präsentiert, welchen Stellenwert hat die Choreografie bzw. Technik, wie wird die Charakteristik dieses Tanzes beschrieben – und vor allem: Wie groß ist am Ende die Bereitschaft, weiteren Unterricht zu nehmen oder sich gar in die „Szene“ zu begeben?

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich kenne das betreffende Lehrpersonal – es sind erfahrene Tänzer mit einer ähnlichen Zeitspanne im Tango argentino wie ich, und sie unterrichten schon etliche Jahre. Um deren persönliche (Ab)wertung geht es mir keinesfalls! Es sind sehr freundliche, entgegenkommende Menschen (ebenso wie das Personal der Institution, wo der Unterricht stattfindet). Da ich ihnen dennoch Kritik nicht ersparen kann, tue ich alles, um meinen Bericht zu anonymisieren, selbst auf die Gefahr hin, manche wichtigen Umstände dann nur andeuten zu können!

Bekanntlich habe ich mich in meinen Tangobüchern recht skeptisch dazu geäußert, wieviel die üblichen Tangokurse (und erst recht „Workshops“) tatsächlich bringen (siehe S. 94-127 der Neufassung des „Milonga-Führers“), und dies an einer Reihe von Gesichtspunkten festgemacht. Wie steht es heute damit?

Ich beginne (sehr gerne) mit dem Positiven:

Eine „Kasernenhof-Atmosphäre“, wie ich sie bei meinen Haupt-Lehrern noch erlebte, scheint heutzutage wirklich die große Ausnahme zu sein. Die Unterrichtenden gaben sich äußerst freundlich und zugewandt, Ausdrücke wie „falsch“ oder „richtig“ wurden vermieden, Kritik setzte man – wenn überhaupt – stets aufbauend ein, kurzum: Die Stimmung im Kurs war wirklich gut.

Erleichtert war ich auch, dass man den Schülern keinen „Grundschritt“ (wie die berüchtigte „Achterbasse“) andiente. Stattdessen wurde das Gehen („caminar“) als Basis des Tango sehr ausführlich dargestellt und eingeübt.

Erfreulich auch, dass man auf „Trockenübungen“ weitgehend verzichtete, Bewegung also grundsätzlich mit Musik verband. Dazu hätte ich mir noch einige Erläuterungen mehr gewünscht, zum Beispiel zu den einzelnen Arten traditioneller und moderner Einspielungen. Und natürlich lag der Schwerpunkt auf dem klassischen Tango – und dadurch wird entscheidend die Vorstellung von Anfängern geprägt, was „richtiger Tango“ sei…

Vals und Milonga wurden von vorherein ins Angebot einbezogen, davon letztere eher intuitiv gelehrt, was – wen wundert’s – den größten Einzelerfolg im Kurs bewirkte.

Ein weiterer Pluspunkt war sicher die klare Dominanz der technischen Erklärungen gegenüber der Einübung fester Schrittfolgen. Insbesondere die Bedeutung der engen Umarmung hob man immer wieder hervor. Hierzu wäre ich allerdings noch stärker auf die einzelnen Paare korrigierend eingegangen – bei der hohen Teilnehmerzahl zugestandenerweise nicht einfach.

Tango wurde als ein Tanz vorgestellt, bei dem man es mit möglichst vielen verschiedenen Personen probieren sollte. Leider kam dies in der Praxis eher zu kurz: Nur wenige Male mischte man die Paare durch, obwohl dies fühlbar einen guten Effekt auf die Stimmung der Teilnehmer hatte. Na, immerhin war der Partnerwechsel überhaupt ein Thema!

Vorwiegend negativ fielen mir jedoch folgende Punkte auf:

Was den Lehrenden zum „Führen und Folgen“ einfiel, gehört in die Muschelkiste! Wieder einmal wurde das Klischee vom entschlossen führenden Mann und der brav folgenden Frau exhumiert – mit den bekannten Folgen. Es sollte sich doch nun wirklich herumgesprochen haben, dass die Idee einer gegenseitigen Verständigung viel weiter führt!

Zweifellos ist das derzeitige Mantra von den ach so wichtigen „Códigos“ längst an der Basis angekommen. Es mag ja hilfreich sein, die üblichen Gebräuche auf vielen Milongas kurz darzustellen – wieso man kostbare Zeit allerdings mit „Cabeceo-Übungen“ verplempern muss (im Gegenzug aber kein Wort über das Ausweichen auf dem Parkett verliert), erschließt sich mir nicht. Und fairerweise hätte man schon hinzufügen sollen, dass solche Gepflogenheiten (auch Tandas und Cortinas) durchaus nicht jede Tangoveranstaltung charakterisieren und es davon abweichende Einstellungen gibt.

Beim Aufbau der choreografischen Elemente vermisste ich ein didaktisch klar strukturiertes Konzept. Ausgehend vom Caminar bieten sich nun wirklich einfach zu tanzende Variationen an, zum Beispiel das Gehen inside bzw. outside links und rechts mit den entsprechenden Übergängen sowie vor allem der Wiegeschritt mit seinen vielen Ausprägungen (Letzterer kam überhaupt nicht vor). Stattdessen lehrte man ein paar Mal wie aus dem Nichts relativ schwierige Schrittfolgen, die große Verwirrung stifteten – auch weil eine saubere Aufbereitung fehlte. Im Anschluss machte man dann gerne und übergangslos mit etwas ganz anderem weiter – ob wegen des mangelnden Erfolgs oder von vornherein beabsichtigt, wurde mir nicht klar. Beispielsweise finde ich es abenteuerlich, den Vorwärts-Ocho einfach „mal so“ in eine Figur einzubauen: Die nachfolgenden „Zusammenbrüche“ sprachen Bände.

Methodisch kommen Tangokurse offensichtlich vom Basiskonzept „Vormachen-Nachmachen“ nicht weg. Natürlich ist diese Variante der Vermittlung in Anfängerkursen wichtig, aber nicht allein selig machend. Warum bietet man nicht erfahrenen Tänzer/innen eine (verbilligte oder kostenlose) Teilnahme an, statt nach „Springern“ nur dann zu suchen, wenn es die geheiligte Geschlechterbalance erfordert? Tango lernt man nicht vom Vormachen, sondern vom Mitmachen! Ein Paar, bei dem beide nichts können, wird in seiner Entwicklung stark verzögert, ohne dass dies nötig wäre. 

Ein hauptsächliches Manko des Tanztrainings, unter dem ich bereits in meiner „Standard-Zeit“ litt: Es wird viel zu viel geredet und zu wenig getanzt. Wenn man die Lernenden die halbe Zeit dazu verdammt, sich im Stillstand irgendwelche hochwichtigen Erklärungen anhören zu müssen, reduziert man ohne Not den Effekt des Kurses deutlich. Tanzen lernt man nur durch Tanzen und nicht, indem man zugetextet wird oder sich immer wieder ansehen muss, wie es wäre, wenn man es schon könnte. Insbesondere unterrichtenden Paaren sei dringend empfohlen, die Redezeit zwischen den Partnern klar aufzuteilen. Viele Male habe ich es erlebt, dass sonst jeder der beiden ständig meint, den Text des anderen nochmal aufsagen zu müssen, nur halt schöner… Aber offenbar ist dieses Übel unausrottbar – wenngleich durch die teilweise fugenartigen Textkompositionen von hohem Unterhaltungswert (wenn man es schon kann…).

Ich habe mir den Spaß erlaubt, auf diesen Kurs einmal das Bewertungsschema anzuwenden, das ich in einem früheren Blogbeitrag vorgeschlagen habe:

Das Ergebnis:

Was gab für Sie den hauptsächlichen Ausschlag, sich einem bestimmten Kurs / einer speziellen Lehrkraft anzuvertrauen?
Empfehlungen / Ruf der Schule (3 Punkte)

Welche Erläuterungen erhielten Sie hinsichtlich der Tangomusik?
Auch neuere Tangomusik wurde einbezogen. (4 Punkte)

Wurde eher „trocken“ geübt („Durchzählen“) oder zur Musik?
vorwiegend zu Musikbegleitung (4 Punkte)

Schätzen Sie den Anteil der Stunde, in dem Sie selber tanzen durften (und nicht die Tangolehrkraft Vorträge hielt oder Schritte vorzeigte)!
maximal 40 Prozent (1 Punkt)

Wieviel Prozent des Unterrichts bezogen sich auf Übungen zur Tangotechnik (z.B. Umarmung, Achse, Dissoziation, Bein- und Fußarbeit) – und nicht auf die Einübung von Schrittfolgen?
maximal 60 Prozent (4 Punkte)

Wurden während des Kurses die Partner gewechselt?
einige Male pro Stunde (3 Punkte)

Welche Ansicht vertraten die Lehrkräfte tendenzmäßig zum „Führen und Folgen“?
Grundsätzlich führt der Mann, und die Frau folgt. (2 Punkte)

Förderten die Lehrer individuelle Tanzweisen und Schrittkombinationen?
Kleine Abweichungen wurden toleriert. (1 Punkt)

Waren im Kurs Tanzende verschiedener Leistungsniveaus anwesend?
Fortgeschrittenere Tänzer, die ausnahmsweise erschienen, mussten sich dem gleichen Programm unterwerfen. (1 Punkt)

Tanzten die Lehrenden auch mit ihren Schülern?
gelegentlich, wenn es die Zeit erlaubte (3 Punkte)

Beurteilen Sie den didaktischen Zusammenhang des Unterrichts!
Gelegentlich wurde auf Inhalte des vergangenen Unterrichts hingewiesen. (2 Punkte)

Welche Beschreibung trifft auf Ihr Lehrpersonal am ehesten zu?
locker und aufgeschlossen, vermittelt Kompetenz und Freude am Tanzen (4 Punkte)

Immerhin erreicht so der Kurs 32 Punkte und daher die Bewertung:

31 - 40 Punkte:
Vergleichsweise haben Sie mit Ihren Tangolehrern ziemliches Glück. Ansatzweise bekommen Sie das vermittelt, was für gutes Tangotanzen essenziell ist. Dennoch würde ich an Ihrer Stelle zusätzliche Angebote bzw. Privatstunden oder Practica erwägen. Und vor allem: Besuchen Sie viele Milongas – nur dort lernen Sie allmählich die Umsetzung des Gelernten (oder dessen fehlende Relevanz).

Und welcher Anteil der Schüler wird mit dem Tango weitermachen? Jedenfalls war das Interesse an einem angebotenen Folgekurs recht gering. Über die Gründe kann man spekulieren: Vielleicht wollten viele den Tango argentino halt einmal kennenlernen, weiter nichts. Oder sie waren doch enttäuscht, dass die Verwandlung in rassige, leidenschaftliche Südländer nicht per Berührung mit dem Sternchenzauberstab des Meisters erfolgte, sondern harter eigener Übung bedarf – Ausgang dennoch ungewiss. Oder – schrecklicher Gedanke – lag es doch auch an den Unzulänglichkeiten des Unterrichts? Ich maße mir keine Deutungshoheit an. Fest steht für mich aber: Mehr als fünf Prozent dieser Leute werden nicht im Tango landen insofern darf man die Effektivität solcher Veranstaltungen schon in Frage stellen.

Fazit: Den großen Umschwung im Tangounterricht habe ich nicht erlebt. Daher bleibe ich bei meiner diesbezüglichen Skepsis und meinem Rat: Tut euch mit erfahrenen Tänzer/innen zu einer Übungsgruppe zusammen und profitiert voneinander. So haben die Väter des Tango diesen Tanz erlernt – also „back to the roots“! Und die Tangolehrer dürfen erst wieder mitmachen, wenn sie sich wirklich überzeugende Konzepte überlegt haben!

Und natürlich, liebe Tangolehrer, habe ich den falschen Kurs besucht. Ihr macht das viel besser – ist schon klar. Vielleicht melde ich mich ja mal bei einem eurer Lehrgänge an, selbstredend unter Pseudonym, wie das im Tango so üblich ist…

P.S. Von der Unzahl der im Netz grassierenden „Tango-Anfänger-Videos“ nun noch ein recht typisches! Übrigens beginnt die erste Tanzbewegung bei 3‘40…


Einen Sonderpunkt gibt es allerdings für das Minikleid…

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