Einfach abschalten?



Meine Bloggerkollegin Manuela Bößel veröffentlichte vor einigen Tagen einen Text, den ich als leidenschaftliches Plädoyer dafür sehe, seiner eigenen Vernunft statt aufgepfropften Regeln zu vertrauen – im Tango wie in der Pflege. Sie hätte als Titel auch Immanuel Kants „Sapere aude“ verwenden können: „Wage es, weise zu sein.“

Sie verlinkte den Beitrag auch auf einigen Tangoseiten, unter anderem in der Facebook-Gruppe „Tango München“ unter der Rubrik „Diskussion“: https://www.facebook.com/groups/tangomuenchen/?fref=ts

Die gab es zunächst auch: Ein gewisser Joachim Beck meinte die Schreiberin belehren zu müssen: „das ist - vereinfacht gesagt - liebe manuela, ein schuss in die falsche richtung.“ (Übersetzung ins Männer-Deutsch: „Pass auf, Mädel, ich erklär’s dir jetzt mal ganz einfach.“)

Es folgte die lichtvolle Instruktion, die in Frage gestellten Tango-Regeln dienten in Argentinien dazu, dass auf übervollen Milongas keine Saalschlägerei entstünde, wobei Messer und Schusswaffen sintemalen schon vorher abzugeben waren.
Da die Tanzfähigkeiten hierzulande wesentlich geringer seien, müssten bei uns diese Códigos schon auf halb vollen Veranstaltungen gelten. Die Kollisionsgefahr mit anderen Paaren sei auch der Grund, warum man den Tänzerinnen keine eigenen Bewegungsmöglichkeiten zugestehen könne.
Und schließlich seien traditioneller Tango und seine Neo-Variante – wie Handball und Fußball – unterschiedliche Sportarten, die es streng getrennt zu betreiben gälte.
Und da Manuela es gewagt hatte, in ihrem Post auf einen meiner Blogtexte hinzuweisen, kriegte ich selbstredend auch noch mein Fett ab: „den merkwürdigen selbstdarsteller gerhard riedl als beispiel für irgendeinen trend oder irgendein mehrheitstaugliches tangoverständnis zu zitieren, ist ein eingeständnis eigener argumentationsschwäche.“

Die weitere Debatte kann man unter „Kommentare“ auf Manuelas Blog nachlesen. Zum Angriff auf mich merkte ich dort an: „Noch ist es übrigens bei uns nicht nur erlaubt, sondern manchmal sogar erwünscht und schon gar kein Zeichen von Schwäche, Meinungen zu zitieren, die nicht einer (gefühlten) Mehrheit entsprechen. Nicht nur türkische Staatspräsidenten müssen das zur Kenntnis nehmen!“

Auf der Facebook-Seite „Tango München“ gab es noch einige Diskussionsbeiträge pro und contra. Insbesondere stellte der Chef der Münchner Ultra-Traditionsmilonga „El Duende“, Christian Seyb, fest, Manuelas Beitrag sei „unpassend“, da „irrational“, und gehöre daher nicht auf diese Facebook-Seite. Eine Begründung dieser Ansicht blieb er trotz Nachfrage schuldig.

Mit Joachim Beck versuchte ich dann noch, via Facebook-Nachrichten zu debattieren (mit Christian Seyb nicht, da ich weiß, dass es sinnlos wäre). Trotz Becks Hang zu übervollen Tanzflächen ziert die FB-Seite des gelernten Fotografen nämlich ein Prunk-Posen-Foto eines Tangopaars. Keine „Selbstdarstellung“? Klar, dass ich mir von ihm hierfür noch einen einfing: mit selbstdarstellung meine ich nicht das tanzen von gerhard riedl sondern die blogbeiträge - das gekrümmte gehüpfe nehme ich nicht wirklich als tango argentino wahr.“

Nett fand ich Manuelas Reaktion darauf: Pass auf, dass dir die Nas'n nicht in eine Wolke hineinrennst so hoch droben. Und falls doch, gibt's bestimmt codigo-compatible Pflasterle und ein Gutsi von der Mama.“

Darob und auf einen weiteren Beitrag von mir verlor Herr Beck ein wenig die Contenance: „... sagt gerhard, der sich nicht entblödet, hier als manuela zu posten.“

Ich hatte meine Antwort schon formuliert: Falls es deine digitale Intelligenz nicht überfordert: Mein FB-Account ist eine ‚Unterseite‘ von Manuelas  FB-Auftritt. Das geht schlicht technisch nicht anders“ – doch was musste ich feststellen? Unmittelbar nach seinem letzten Ausfall hatte der Betreffende seine FB-Seite für uns gesperrt!

Aha, einem noch schnell vor die Tür kacken und dann abhauen?

Zu diesem Zeitpunkt war allerdings etwas noch Skandalöseres schon längst passiert: Die Administratoren der FB-Gruppe „Tango München“ hatten Manuelas ursprünglichen Beitrag samt der Diskussion kommentarlos gelöscht. In den Nutzungsbedingungen heißt es hierzu: „Das Administratorenteam behält sich vor, unpassende und respektlose Postings kommentarlos zu löschen und die Mitgliedschaft dauerhaft auszuschließen.“

Ich habe inzwischen drei Stufen der Auseinandersetzung mit mir und ähnlich Gesonnenen festgestellt:

Als ich 2010 mein erstes Tangobuch veröffentlichte, wurde ich von den Konservativen im Tango vornehmlich mit Hohn und Spott überzogen.

Als ich mich in den folgenden Jahren wehrte, ein zweites Buch herausbrachte und ein Blog betrieb, reagierte die entsprechende Szene mit wüstem Getobe und Beschimpfungen. Manchmal hatte ich das Gefühl, ein Schweineschnitzel in ein Beduinenzelt geworfen zu haben…

Als auch das nichts fruchtete und Buchauflagen und Zugriffe auf mein Blog (und inzwischen auch das von Manuela Bößel) immer weiter anstiegen, wurde zunehmend der Stecker gezogen (z.B. auch von Cassiel, Melina Sedó oder auf dem Forum „tanzmitmir“): Beiträge oder Links wurden schlicht gelöscht: Reden ist Silber, Verschweigen ist Gold.

Um nun einmal die „Strippenzieher“ (oder besser -zerschneider) ans Licht der Öffentlichkeit zu holen:

Liebe Judith Dellwo und Maren Gehrmann,

was hat euch eigentlich als Administrator/innen der FB-Gruppe „Tango München“ bewogen, hier der Meinungsfreiheit den Kampf anzusagen?

Ist euch eventuell klar, in wie vielen Ländern dieser Welt die freie Arbeit von Journalisten von diktatorischen Regimes eingeschränkt oder verhindert wird? Blogger werden verfolgt und Zugänge in soziale Netzwerke gesperrt. Gibt es euch nicht zu denken, dass Deutschland laut „Reporter ohne Grenzen“ in der „Rangliste der Pressefreiheit“ heuer von Platz 12 auf 16 abgerutscht ist?

Zitat auf der Website dieser Organisation: „Reporter ohne Grenzen setzt sich weltweit gegen Zensur und für Informations- und Meinungsfreiheit im Internet ein. Das Internet ist heute für viele Menschen auf der ganzen Welt, gerade in Ländern mit unzureichender Pressefreiheit, eine unentbehrliche Quelle für unabhängige Informationen. Wegen der wachsenden Bedeutung des Internets verstärken aber auch mehr und mehr Staaten dessen Überwachung und versuchen, den Informationsaustausch auf Webseiten und in sozialen Netzwerken zu kontrollieren.“

Damit wir uns nicht missverstehen: Zur Moderation einer solchen Seite gehört es natürlich, sachfremde Beiträge (z.B. zur Goldfischzucht), unerwünschte Werbung (gemeint ist nicht das Verhökern von Unterricht und Workshops) oder gar Beleidigungen und Verleumdungen auszusortieren. Inwiefern dies aber auf Manuela Bößels nachdenklichen Text zutrifft, vermag ich nicht im Ansatz zu erkennen.

Ist euch eigentlich klar, wie sehr ihr mit solchen Aktionen den Verdacht nährt, in der Münchner Tangoszene werde mit ideologischen Scheuklappen nur noch eine Sichtweise des Tango propagiert, Andersdenkende jedoch zum Schweigen gebracht?

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ (Kant) Wäre das nicht auch einmal ein Motto für eure „Nutzungsbedingungen“?
Wieso überlasst ihr es nicht euren Lesern, welche Beiträge sie „unpassend“ finden? Sind die noch derartig unmündig, dass man auf ein neues Zeitalter der Aufklärung hoffen müsste?

Ich finde, das hat nicht einmal die Münchner Tangoszene verdient, in der ich mich früher sehr gerne bewegt habe.

Mit besten Grüßen

Euer Gerhard

P.S. Ein Trost: So ganz lassen sich Meinungen hierzulande noch nicht unterdrücken. Der Beitrag erbrachte meinem Blog gestern 418 Zugriffe!
Und heute (16.5.16) erreichte der Beitrag unter den meistgelesenen Texten Platz 5 (von 250)!

P.P.S. Inzwischen hat es der Text auf Platz 2 aller hier veröffentlichten Artikel geschafft! (Stand: Oktober 2016) 


Aktueller Nachtrag:



Gerade (16.1.17) erreichte mich via Facebook diese Nachricht einer der beiden Administrator/innen der dortigen (öffentlichen) Gruppe „Tango München“:

„Hallo Herr Riedl,
bitte löschen Sie meinen Namen und den von (…) aus Ihrem Blogeintrag vom 08.Mai 2016! Wenn Sie etwas mit uns diskutieren möchten, können Sie uns gerne via Messenger anschreiben.“

Nun entspricht zwar die Geschwindigkeit, mit der man solche Entdeckungen macht, dem Durchschnittstempo der dortigen Szene – aber ich verstehe das Missvergnügen, wenn man für eine derartige Aktion öffentlich genannt wird.

Also, die Namen sind gelöscht (und wer unbedingt will, kann sie ja auf FB finden) - nur eins, liebe Administrator/innen:

Wenn Sie mit mir diskutieren wollen, geht das nur öffentlich und mit realem Namen, auf welchem Forum auch immer. Tut mir leid, dass da wohl unsere Vorstellungen von einer offenen Gesellschaft nicht kompatibel sind.


Und wer Beiträge löscht, begründet das auch, nicht umgekehrt...

Nachtrag (4.2.17):
Nachdem die beiden Administratorinnen offenbar weiterhin nicht bereit sind, ihre damalige Löschung öffentlich zu begründen, habe ich ihre Namen im obigen Beitrag wieder eingestellt. 

   

Kommentare

  1. Ist mir aus der Seele gesprochen. Übrigens: Köstlich Dein "Codigo namens Groß-Kleinschreibung".

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    1. Danke, auch im Namen der Blogger-Kollegin!
      Was mich tröstet: Inzwischen scheint sich im Tango eine Allianz der "Selbst-Denker" zu formieren...

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  2. Manche Leute wissen wohl nicht zu schätzen, dass wir in einem Land mit Meinungsfreiheit leben. Das war nicht immer so und ist auch nicht überall so. Im übrigen gefällt mir der Text von Manuela sehr gut.

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    1. Es ist noch schlimmer: Für manche Leute ist "Meinungsfreiheit" die Freiheit, Meinungen, die nicht der ihren entsprechen, zu unterdrücken!

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    2. Robert Wachinger10. Mai 2016 um 18:05

      Noch viel schlimmer, für manche heisst "Meinungsfreiheit": man darf seine Meinung öffentlich äussern, sofern sie eine korrekte ist.
      ;-)

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    3. Na klar: In meinen Diskussionen mit Konservativen, die ich seit meiner Jugend führe, wurde ich stets zunächst belehrt, was die "korrekte Meinung" sei. Wenn ich das nicht einsah, gab es im zweiten Schritt heftige Aggressionen.

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  3. Auf dem Forum „tanzmitmir“ habe ich diese Sache ebenfalls veröffentlicht und musste mich belehren lassen, Manuela Bößels Beitrag sei halt „Werbung“ für ihr Blog und habe mit München nichts zu tun. Und zudem müsse man kommentarlos löschen, falls sich ein „größerer Disput“ ergebe.

    Meine Antwort hierauf möchte ich hier veröffentlichen, falls sie auf dem anderen Forum wieder gelöscht werden sollte:

    „Aha, der Blogbeitrag hatte mit München nichts zu tun – wohl aber die angekündigte Milonga in Bayrischzell (3.5.) oder die Tangoreise nach Buenos Aires (30.4.)?
    Und die Löschung erfolgte wegen des fehlenden Bezugs zur bayerischen Landeshauptstadt, na klar…

    Lieber …, jeder bezieht halt sein Gesellschafts- und Demokratieverständnis aus der ihm zusagenden historischen Epoche – meine ist die der Aufklärung. Aber es gibt natürlich auch Staatsformen, welche ohne "Disput" auskommen...

    Und weil ich in dieser Sache so richtig böse werde und diese Frechheit ganz bestimmt nicht auf sich beruhen lasse:

    Manuela Bößel betreibt ein völlig werbefreies Blog. Klar, jeder Beitrag in einem sozialen Medium ist irgendwo Werbung (und sei es fürs eigene Ego) – aber wie einem der Begriff ausgerechnet bei einem derartig guten und nachdenklichen Text einfallen kann (und nicht bei der ewigen Milonga- und Workshopreklame), ist schon äußerst merkwürdig.

    Übrigens hat kein Diktator dieser Erde etwas gegen Meinungsfreiheit – es sind stets andere Gründe: Der Text passt nicht an diesen Ort, formale Bedenken, Steuerschulden der Zeitung, eventuell auch Beleidigung des Präsidenten, Unterstützung des Terrorismus, Landesverrat…

    Und weil wir schon dabei sind: Natürlich darf man Spam löschen, ebenso völlig sachfremde Beiträge (obwohl hier in diesem Forum an der Tagesordnung) oder Beleidigungen bzw. Verleumdungen. Ich kenne mich da als Moderator des eigenen Blogs inzwischen bestens aus. Ansonsten bekommt ein Kommentator bei mir stets eine Vorwarnung. Und gar kommentarlos zu löschen (und da darf sich der hiesige Administrator gerne einbeziehen) halte ich für eine Sauerei.

    Sorry, jetzt kann man ja wieder mal löschen…“

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  4. Frag doch die Damen (die eine ist mir persönlich bekannt, wenngleich sie jetzt nicht mehr mit mir redet, weil das unter ihrer Würde wäre), ob sie nicht vielleicht die genannten Herren Putin und Böhmermann, padon: Erdogan, irgendwie bewundern. Bin überzeugt, dass sie an diesen starken Männern irgendwie Gefallen finden - und an ihren Methoden, Journalisten mundtot zu machen.

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    1. Lieber Peter,

      eine der Damen ist mir auch persönlich bekannt - und sie war einstens sehr scharf darauf, mit mir zu tanzen. Tempi passati...

      Na klar macht es manche Frauen (vielleicht sogar viele?) ziemlich an, unterdrückt zu werden.

      Da machen Männer wie wir sicherlich was falsch...

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