Was kann die Satire?



„Ich habe ja nichts gegen Satire, aber…“
(üblicher kleinbürgerlicher Reflex, wenn die Satire eine gewisse Güteklasse erreicht hat)

Die andere Frage, was denn diese Kunstform darf, hat schon längst ein Autor beantwortet, von dem sich heutige Schreiber eine Scheibe abschneiden könnten, verfügten sie nur über die nötige Schärfe – ich meine Kurt Tucholskys legendäres Bekenntnis: „Was darf die Satire? Alles.“ Ein oft bejahter oder abgelehnter, aber selten verstandener Satz: eben Satire in Reinkultur.

Anlässlich unseres „Rollatora-Schabernacks“ wurde in meinem Umfeld wieder einmal die Frage nach der Grenze dieser literarischen Gattung aufgeworfen: Haben wir uns hier „politisch unkorrekt“ über gehbehinderte Menschen lustig gemacht? Aber leiden diese angesichts der Missstände im Pflegebereich nicht weit mehr unter „unkorrekter Politik“ – und selbst wenn wir uns nicht in eine solche Aufrechnung begeben: Wie viele kranke oder alte Leute sind real mit Gehwägelchen unterwegs, welche mit rotem Röckchen plus Netzstrümpfen garniert sind? Und wären ihnen diese nicht sogar lieber als das gängige „Kassenmodell“?

Bleibt der häufig gegen mich geführte Vorwurf, ich würde die „Menschen im Tango“ – hier also ältere, sich zähflüssig bewegende Tanzpaare – „niedermachen“. Da treffen meine Kritiker unwissentlich den Kern der Satire: Sie richtet sich stets nach oben, denn nur dann kann es abwärts gehen, ist die satirische Fallhöhe ausreichend für eine Herabsetzung". Würde man beim Tango nur gelegentlich bejahrte, schleppend agierende Tänzer finden (wobei ich hier stets eher das mentale als das chronologische Alter im Blick habe), hätten wir den Unfug auf vier Rädern nicht veröffentlicht. Aber nachdem diese Fraktion längst flächendeckend die Milongas besetzt hält und Tanzlehrer, Veranstalter sowie DJs in Anpassung daran den Tango ins Langeweile-Ghetto verfrachtet haben, leiden kreative, fantasievolle Tänzer darunter wie ein Hund. Nicht nur vom griechischen „kynos“ her darf man dann sogar einmal zynisch werden – satirisch jedenfalls allemal.

Der Schmerz beutelt ja primär den Satiriker, welcher jenen lediglich seinem Publikum zu verkosten gibt: Komik ist somit keine zwingende Zutat – und der Vorwurf, das Lachen sei ihnen im Halse stecken geblieben, stammt ja gemeinhin von Zeitgenossen, bei denen der Spaß schon in weit tieferen Regionen stecken bleibt. Generell belastet den Satiriker das Dilemma, dass witzige Pointen zwar das Interesse für seine Botschaft erhöhen, seiner Kundschaft jedoch auch ein Alibi liefern, sich an ihr vorbeizumogeln. Aber sei’s drum: Die größten Dummheiten macht der Mensch erst, wenn er ernst wird.

Doch wenn es zu ernst wird, möchte er wieder etwas zu lachen haben. Bezeichnenderweise leitet sich die Satire vom griechischen Satyrspiel ab, in welchem nach der antiken Tragödie wieder Heiteres geliefert wurde. So geht es dem Kritiker oft genug: Publikum findet er erst nach der Katastrophe. Vorher kann er immerhin warnen. Im Anfang war das Wort, und wo es fehlte, sieht es am Ende danach aus. Das ist die Satire, die alles darf – und dort, wo sie nicht alles darf, ist sie umso nötiger.

Unsere sich aufgeklärt gebende Gesellschaft billigt dieser Kunst einen festen Platz zu – auf der Bühne oder dem Papier. Im realen Leben kann man sie eher nicht brauchen. Insofern kann man den Satiriker mit Lob wirkungsvoller vernichten denn mit Kritik oder gar Verfolgung: Bleibt er mit seinen Wortspielen und Pointen im ästhetischen Raum, so zollt man ihm durchaus Anerkennung für seine „witzige, geistreiche“ Darbietung. Gelingt es ihm aber durch klare Bezüge zur Wirklichkeit, vielleicht sogar zu Einzelpersonen, sein Publikum zu überzeugen, dass er es ernst meint, setzt die eingangs zitierte spießige Resistenz ein, welche vielen Zeitgenossen die sonst mangelnde Röte ins Gesicht treibt: „Also, das ist doch keine Satire mehr!“ Irrtum, liebe enttäuschte Schenkelklopfer: Da fängt sie gerade erst an! Ein Trost bleibt dieser umfangreichen Klientel: Satire kann viel weniger, als sie darf.

Daher ist meinerseits im neuen Jahr damit zu rechnen, dass ich meinen Spaß am „Tangohnsinn“ nicht verliere – auch wenn ich zur einen oder anderen Milonga nicht mehr eingeladen werde. Bei dem Konglomerat aus Rangordnungsgewese, skurrilen Typen, argentinischem Schmonzes, fader Beschallung, hispanisierter Bescheidwisserei, unglaublicher Bewegungskomik und Seniorenheim-Gesprächsführung wäre es für mich eine Qual, nix dazu sagen zu dürfen. Ist der Tango also eine grandiose Szenerie für Satire? Der Kabarettist Werner Schneyder hat vor solchen Einschätzungen allerdings gewarnt: „Die ideale Zeit für die Satire war das Paradies. Da reichte es zu sagen: ‚Die Sache mit dem Apfel wird noch böse enden.‘“

Wenn man aber bedenkt, dass der Satiriker gegen etwas anschreibt, das von einer Mehrheit gebilligt oder wenigstens hingenommen wird, freut man sich schon über kleine Erfolge dieser Kunst:
Gegebenes unmöglich zu machen, indem man das Unmögliche für gegeben hält.

Was kann die Satire? Alles Mögliche.

"Dass diese Zeit uns wieder singen lehre
Die guten Lieder eines bösen Spotts
Selbst wenn uns Herz und Sinn nicht danach wäre
nur euch zum Trotz, nur euch zum Trotz!"
(Walter Mehring)
   

Kommentare

  1. Satire bleibt weiterhin gefährlich, auch in "zivilisierten" Ländern - die Mordanschläge bei der französischen Zeitschrift "Charlie Hebdo" heute beweisen es.
    Es ist ekelhaft, wie Talibans jeglicher Couleur glauben, ihre Ideen über die Rechte anderer stellen zu können - bei genügendem Grad der Verirrung sogar über deren Recht, zu leben.
    Aber Satiriker werden weiter arbeiten - so wie ich den vom NS-Regime verfolgten Walter Mehring zitiert habe - "nur euch zum Trotz"!

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  2. Eins muss man dem Kollegen Cassiel ja lassen: Immer, wenn man denkt, es geht nicht mehr schlimmer, „haut er noch einen raus“. Heute versucht er in einem Kommentar auf Facebook, meine Arbeit als Autor in grundgesetzfernen Regionen anzusiedeln:

    „Ich habe beispielsweise erhebliche Bedenken, ob das, was Gerhard so veröffentlicht, noch unter den Begriff Satire bzw. Ironie fällt (und damit in dem Schutzbereich von Art. 5 Abs. 3 GG liegt). Für mich ist das häufig einfach nur üble Polemik bzw. bewusste Schmähung Andersdenkender.“

    Zum entsprechenden Verfassungsartikel liest man auf „Wikipedia“: „Ein Kennzeichen der Kunstfreiheit ist, dass sie verfassungsrechtlich vorbehaltlos gewährleistet ist. Im Gegensatz zu anderen Grundrechten sieht das Grundgesetz für sie keinen ausdrücklichen Gesetzesvorbehalt vor. Der Gesetzgeber ist aber gehalten, durch Gesetze einen Ausgleich mit anderen Grundrechten und Verfassungswerten herzustellen. Damit ist die Kunstfreiheit zwar nicht schrankenlos, es muss aber letztlich in jedem Einzelfall bestimmt werden, ob sie durch eine staatliche Maßnahme verletzt wird. Besondere Probleme ergeben sich hierbei bei Vorschriften zum Schutz der persönlichen Ehre und im Rahmen der politischen Straftaten. Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) vertritt hierbei die Theorie von der Wechselwirkung, d. h. Gesetze, die die Kunstfreiheit beschränken, sind wiederum ihrerseits im Lichte der Kunstfreiheit (kunstfreundlich) auszulegen.“

    Nun ja, das politische Lager, welches schon immer fand, der Staat müsse hier stärker reglementieren, ist nicht so ganz das Meine…

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