Tango allein reicht nicht



Liebe Tangoveranstalter,

kürzlich war ich auf einer Milonga, welche die meisten von euch wohl als totalen Misserfolg verbucht hätten: irgendwo draußen in der Provinz, nur wenige Gäste, keinerlei Begleitprogramm. Wieso sich dafür ins Auto setzen und 60 Kilometer fahren? Eben! Doch da war ein Tänzer, der euch wohl ebenso wenig aufgefallen wäre: schon älter, ohne die Tangoalpha-Attribute wie Schlaghosen, schwarzweiße Schuhe, Pferdeschwanz und fehlendes Sozialverhalten – und sein Dialekt war meilenweit vom Spanischen entfernt. Mit Feuereifer betanzte er alle anwesenden Damen, und was ich da an Originalität, Einklang mit der Musik und raffinierten Bewegungsideen sah, reichte vollauf, um mich für den Rest des Abends wach zu halten.

Einen Tag zuvor hatte ich – auf einer ebenfalls ziemlich glamourfreien Milonga – das Glück, gleich zwei solcher Beispiele studieren zu dürfen: Ein junges Paar (schon mal bemerkenswert) das vor allem zu moderner Musik mit atemberaubender Körperbeherrschung tanzte – noch dazu in Bewegungen, die augenscheinlich aus deren Fantasie und nicht aus diversen „Workshops“ stammten. Gott sei Dank hatten sie wohl noch nichts davon gehört, dass inzwischen ausschließlich enges Tanzen angesagt ist…

Dazu noch ein anderer Tanguero, den ich schon länger kenne, dessen Tanzweise meinen Blick aber immer wieder anzieht: Er fordert so gut wie alle anwesenden Frauen auf, und obwohl er ziemlich schwierige Aktionen liebt, klappt es mit jeder auf Anhieb. Wie er das schafft, werde ich noch herausbekommen – und bis dahin bleibt es für mich spannend. In einer Gesprächspause vertraute er mir an, in seiner südamerikanischen Heimat würden zwar viele Menschen Tango hören, aber kaum tanzen. „Also, für mich wäre das nichts!“ Ich glaubte ihm aufs Wort…

Noch ein letztes Beispiel, liebe Veranstalter: Zirka eine Woche vorher besuchten wir, auch in der Vorstadt, einen Tangoabend, den ihr wohl ebenfalls nicht mit dem Hintern angeguckt hättet: Als wir 15 Minuten nach Beginn erschienen, übte der Gastgeber gerade mit dem einzigen anwesenden Paar, und unser Anblick motivierte ihn dann zum Einschalten der Musik. Im weiteren Verlauf erschien noch eine überschaubare Zahl eher älterer Gäste, es wurde – zu abwechslungsreicher Beschallung – viel gewechselt, und man hatte großen Spaß. Nach dem sehr pünktlichen Schluss trafen sich alle in der Garderobe, und wir wurden herzlich verabschiedet. „Ihr kommt doch wieder?“ Na klar, und zwar nicht obwohl, sondern weil „nichts los war“. Nichts – außer Tango.

Liebe Organisatoren, Tanzschulbesitzer und Vorstände von Tangovereinen! Ich weiß, dass ihr mit Kunden wie mir keinen Gewinn macht. Wer sich in dieser Szene mit Musik und Tanz begnügt, programmiert die Pleite vor. Der anspruchsvolle Gast aus der heutigen bildungsbürgerlichen Mittelschicht erwartet Festivals mit Workshops, Schuhverkauf, argentinischen Showtanzpaaren und Tangobilder-Vernissagen (vielleicht begleitet von indischem Tempeltanz) in schlossähnlichen Festsälen – das reichlich gedeckte Büffet für den „kleinen Hunger zwischendurch“ natürlich inklusive. (Oder sind es eher schon die kleinen Tanzrunden zwischen dem Essen?)

Beinahe hätte ich es vergessen: Live-Konzerte, bei denen man zu sitzen hat, da die gebotene Musik selbstverständlich „untanzbar“ ist – bei der anschließenden Milonga plempert’s dann wieder vorschriftsmäßig. Und es macht selbstredend mehr her, auf dem Kreuzfahrtschiff oder dem Strand von Kreta aus der Achse zu fallen als in der neonbeleuchteten Turnhalle oder dem Gruppenraum eines kommunalen Kulturzentrums! Manche Reiseveranstalter halten sich ja schon eigene Tangovereine…

Besonders lustig finde ich es (nicht nur im Fasching), dass ich mir offenbar heute einen Kostümfundus zulegen müsste, um den Ansprüchen diverser Einladungen genügen zu können: Da soll ich mich abwechselnd im Look der 20-er Jahre, saturday night-befiebert im 70-er Stil oder gar in venezianischem Karnevals-Outfit auf der Fläche bewegen – nicht zu vergessen Trachtenanzug und Dirndl zur Oktoberfestzeit! Versucht man, die zunehmende Öde, Langeweile und Tristesse, die sich in den Lautsprechern und auf dem Parkett immer mehr ausbreitet, durch neue Bühnenbilder, Kostüme und Showeinlagen erträglicher zu gestalten? Tango allein – so viel steht fest – reicht nicht!

In seinem Buch „Tango in München“ schrieb der Tangolehrer (!) Ralf Sartori schon vor Jahren:

„Un-Worte wie ‚Event’ und ‚Lifestyle’ setzen der Unverdaulichkeit dieser Sauce die Krone auf. Das Ganze entwickelt sich dadurch immer mehr in die Breite; die Flammen eines brodelnden Wahnsinns, die zum Blut des Tango gehören, tauchen ein in die lauwarmen Wasser des Massengeschmacks und nähern sich dabei den üblichen Durchschnittstemperaturen leidenschaftslosen Mittelmaßes: Bis das Phänomen schließlich immer mehr zur Branche verkommt.“

Bleibt nur noch eine Frage, liebe Veranstalter und Tangolehrer: Muss man mit dem schönsten aller Tänze überhaupt ein Geschäft machen? Braucht man Kulturförderung für eine Subkultur? Eine Milonga entsteht dort, wo sich mindestens drei Menschen zusammenfinden: Der erste bringt eine Musikanlage mit, der zweite die Getränke, und der dritte steht Schmiere, um beim Auftauchen der GEMA rechtzeitig Alarm zu schlagen. Wenn dann noch von kreativer, vielseitiger Musik gute Tänzer angelockt würden…

Auf den geschniegelten Großevents fände ich zwar vieles, eins jedoch nicht: Die Seele des Tango, die einst gesellschaftlichen Underdogs half, ihre Situation zu ertragen...

Und, werte Traditionalisten, ihr kennt doch sicher das Zitat von Carmencita Calderón (1905-2005), der Partnerin des legendären Tänzers El Cachafaz:

„Der Tango kommt aus den Slums, nicht vom Parkett. Und wenn man das nicht mehr sieht oder spürt, dann ist er tot.“

Gell?


Carmencita Calderón (1905-2005) tanzt hier mit Jorge Dispari - einige Monate vor ihrem Tod - das letzte Mal öffentlich.

Kommentare

  1. Hallo Karin, Hallo Gerhard. Fühle mich der Meinung von Gerhard und seinen Beschreibungen sehr verbunden. Diese Meinungen und die Ansätze zur "Regulierung" im freiesten Paartanz gibt es auch bei uns in Oberösterreich. Aber daß in Bayern so viel Energie für die Auseinandersetzung über eine schlicht demokratisch pointierte, vielleicht zynische aber sehr berechtigte Persönliche Meinung frei ist, hat mich richtig überrascht. Und die Verbissenheit der Verteidiger des schönen und richtigen Tango? Freu mich riesig, daß sich das gestern so ergeben hat, mit der Milonga in Freising.
    Es ist ein großes Geschenk Frauen zu treffen, die trotz anderer Schulmeinung sofort darauf einsteigen, daß Improvisation für beiden gelten muß, im 21. Jahrhundert, und die die daraus entstehenden tänzerischen Risken und Abenteuer mit so viel tänzerischem Können gestalten. So fühlt mann sich reich beschenkt, wenn mann als Schlagzeuger auch beim Tanzen genießt, wenn die Schritte im Takt bleiben und die Damen so creativ und mit so viel Können die Musik interpretieren. Ich liebe es, wenn sich beide gegenseitig mit Improvisation und Herausforderung bei Tanzen überraschen. Wenn nur Mann improvisiert und frau folgt ist das zwar aus der früheren Gesellschaftlichen Situation heraus verständlich. Es ist aber schön, daß das einzige bleibende am Tango die Weiterentwicklung ist. Wenn in der Anthopologie die Regeln so wären, wie auf den Milongas, dann würden diese wohl heute auf den Bäumen stattfinden.
    Erst wenn beide und das womöglich gleichzeitig imrovisieren ist das für mich wirklich Tango (heute). Und mit der Erfüllung dieser Hoffnung bin ich gestern in Freising von den Damen reich beschenkt worden.
    Auf Wiedersehen
    Peter Baumgartner aus dem Salkammergut

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    1. Lieber Peter,

      dein Plädoyer für die Freiheit beider Partner beim Tanzen ist angesichts des Gerangels um Regeln und Gesetze in der Szene sehr wohltuend! Verhalten auf dem Parkett, Aufforderungsrituale, Kleidung, Musikrichtungen… führt das nicht alles vom Thema weg - nämlich vom Tanzen?
      Der raffinierteste Cabeceo, die reinste EdO-Tango-Musik, die ultimativ-original-argentinischen Klamotten helfen nichts, wenn die Darbietung auf der Fläche nur einem weihevollen Abtraben von gelernten Figuren oder einem zwanghaftes Gedrücke und Geschiebe gleicht, und das alles noch mit bedeutungsschwerer Mimik.
      Das hat mit Tanzen nicht viel zu tun. Wem es wirklich darum geht, der muss sich zunächst einmal, ganz profan, mit seinem persönlichen körperlichen Training befassen. Eine stabile Achse, die saubere, zueinander geneigte Haltung im Paar, das sichere Stehen auf einem Bein, Drehungen statt wilder Rotation, elegante Fußtechnik, dies alles erwirbt man nicht durch’s Diskutieren, sondern indem man sich immer wieder selbst darum bemüht. Und insofern stimme ich dir voll und ganz zu, lieber Peter: Das Faszinierende am Tango entsteht dann, wenn jeder seine „Hausaufgaben gemacht hat“ und eben nicht mit Panik, sondern mit Spannung und Freude erwarten kann, welche tänzerischen Vorschläge der Partner aus den ertönenden Klängen jeweils anbieten und entwickeln wird.
      Diese umzusetzen erfordert wiederum ein Mindestmaß an Beschäftigung mit Musik überhaupt. Jeder sollte doch zumindest einen Vierviertel- von einem Dreivierteltakt unterscheiden können. Das ist eine elementare Fähigkeit, die schon die Grundschule vermittelt, später durchaus noch zu erwerben und auf dem Parkett unerlässlich ist! Auch den Charakter eines Musikstücks, ob dynamisch, elegisch, fröhlich oder lyrisch, dürfte für jedermann hör- oder fühlbar sein, woraus sich die Gestaltung eines Tanzes ergibt – egal, wie viele „Figuren“ man beherrscht.
      Die Motivation zu tanzen ist in der bunten Tangowelt sicher sehr unterschiedlich, aber das Tanzen als reines Alibi zu verwenden, finde ich gegenüber diesem Weltkulturerbe unfair.
      Seltsamerweise sind ja Musiker oft keine Tänzer und umgekehrt. Wenn aber beide Leidenschaften einmal doch in einer Person zusammentreffen, dann hat diese höchstens noch das Problem, was sie momentan lieber machen würde: musizieren oder tanzen… Hintereinander geht es in jedem Fall!

      Mit herzlichen Grüßen und bis zu einer Milonga irgendwo und irgendwann
      Karin (Law Robinson-Riedl)

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  2. Ulm, 8.2.14
    Lieber Gerhard, das erinnert mich an meine Anfangszeit. Da haben wir uns zu viert oder fünft privat zum Üben getroffen. In meiner Küche. Wurde dann zum "Tango und Essen". Zwei Tanzen, die Anderen kochen, essen oder schneiden sich die Haare. Und das ganz legal GEMA-frei. Grad schee wars.
    Hab mir am Sonntag übrigens neue Tanzschuhe gekauft. Und mich gleich an Deine Abneigung an zweifarbige Teile erinnert. Und da hab ich mir gedacht, recht hat er und hab mir dreifarbige gekauft. Grad schee sind se.
    Peter Becker aus dem Unterallgäu

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    1. Lieber Peter,
      Deine Geschichte aus der Anfangszeit ist sehr amüsant - wenn Du mir dazu einmal einen längeren Text liefern möchtest (per Mail), stelle ich ihn gerne als "Gastbeitrag" ein - so als Alternative für Tangoanfänger statt teurer Kurse.
      Dreifarbige Schuhe hab ich übrigens auch - insgesamt sechs Stück...
      Herzliche Grüße
      Gerhard

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  3. Liebe Leute, vielen Dank für die Reaktionen. War wohl beim schreiben noch von einer langen Tanznacht ein wenig beeinträchtigt. Darum auch vielen Dank für das Verständnis zu meinen Tipfehlern. Werde es nächstes mach besser durchlesen. Herzliche Grüße aus dem Salzkammergut, Peter

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    1. Lieber Peter,
      alles klar, kein Problem!
      Wir freuen uns auf weitere Beiträge von Dir.
      Herzliche Grüße
      Gerhard

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