Was ihnen ihr Tangolehrer leider nicht erzählt

Ich muss mir derzeit wirklich ganz genau überlegen, was ich schreibe. Jede Zeile meiner Artikel wird auch in juristischer Hinsicht überprüft. Möglicherweise schulen manche Kritiker gerade von Tango auf Jura um.

Daher werde ich in diesem Text verzweifelt versuchen, keine Persönlichkeitsrechte zu tangieren. Was ich also heute veröffentliche, sind Zusammenfassungen diverser Erlebnisse, natürlich streng anonym. Jede Ähnlichkeit mit noch lebenden oder schon verstorbenen Schrittkombinationen wäre daher rein zufällig.

Es tut mir leid, dass ich derzeit aus Gesundheitsgründen manche Aufforderungen lieber auslasse. Ich tröste mich damit, die Damen könnten ja auch auf mich zukommen – gerne direkt ohne Geblinzel. Machen auch manche – Körbe gebe ich keine. Und inzwischen gelingt mir oft wieder eine komplette Tanda.

Was mir bei vielen noch nicht so routinierten Tangueras auffällt: Sie haben das dringende Bedürfnis, mich über ihren „Leistungsstand“ zu informieren – obwohl mir der nach wenigen Schritten (oder durch Beobachtungen vorher) bereits klar ist – und vor allem völlig egal. Was mir natürlich keine glaubt.

 „Wir probieren halt einfach, was geht!“ Auch dieser Trost wirkt meist nicht sofort. Stattdessen erscheint über der Frisur die Denkblase: „O Gott – wenn der erst merkt, wie wenig das ist…“

Mit diesem Verhalten fordern solche Tänzerinnen einen gewissen Männertyp geradezu heraus, sich nun aufzuplustern und den „Tangolehrer“ zu geben. Na prima – wieder eine Chance vertan, sich dem Tango mit Neugier und Lockerheit zu nähern!

Meistens gelingt es mir spätestens beim dritten solcher Tänze, halbwegs Ruhe in unser Miteinander zu bringen, die Botschaft zu vermitteln, dass es nicht um Leben und Tod geht. Dass es keine Gesetzestafeln gibt, welche pilgernde Tangolehrer vom Berg der guten Lüfte in ihre Heimat exportieren könnten. Dass es sich bei solchen Leuten eher um Wichtigtuer handelt.

Gerne sage ich auch: „Mach, was du meinst – ich tanze es dann mit!“ Glaubt mir natürlich ebenfalls keine – obwohl es die reine Wahrheit ist. Meine „Führung“ besteht nur darin, dass ich versuche, mit der Tänzerin in Kontakt zu bleiben und für einen halbwegs sicheren Raum zu sorgen. Und da, wo ihr nix einfällt, mit einer möglichst simplen Idee aufzuwarten.

Meine unausgesprochene Botschaft ist stets: Du kannst (außer jammern) nichts ‚falsch‘ machen!

Deshalb ist es natürlich völlig bescheuert, zwei Anfänger zusammenzuspannen: Er weiß nicht, was er führen soll – und wenn, dann kann er es kaum. Und ihr wurde gesagt, sie müsse sich führen lassen – aber sie spürt nicht, wohin und wozu. Beide bemühen sich dann verzweifelt, die äußeren Erwartungen zu erfüllen. Statt sich miteinander zu befassen. Ach ja, und da wäre auch noch die Musik  falls der Tanzpädagoge nicht lieber einzählt...

Tapfer sehe ich Belehrungen entgegen, dass der heutige Tangounterricht ganz anders läuft: völlig neue Methoden… na klar. Ich frage mich nur, warum ich davon auf der Piste kaum etwas sehe. Aber wir wissen ja von Hans Christian Andersen: Nur kluge Leute können das erkennen.

Da bleibe ich lieber doof…

Schön ist auch der Satz: „Ich hab dich vorhin mit deiner Frau tanzen sehen. Die tanzt viele Figuren, die ich noch gar nicht kann!“

Karin amüsiert sich sehr, wenn ich ihr solche Äußerungen petze. Neulich meinte sie: „Kann ich doch auch nicht!“ Da schließe ich mich an.

Klar, im Lauf der Zeit lernt man gewisse Grundelemente wie Ochos, Sacadas, Paradas, tralala. Vieles davon kann man sich abschauen – oder es ergibt sich, weil der eine es kann und man sich anpasst. Das Schöne an diesem Lernen, das weitgehend auf den Milongas stattfindet: Es etablieren sich vor allem Aktionen, die ohne Verrenkungen klappen – statt, dass man gezwungen ist, komplizierte Katerideen von Tanzlehrern umzusetzen.

Der Tango wurde einst von Menschen erfunden, die sich Tanzunterricht gar nicht leisten konnten. Etabliert hat sich, was notfalls fast immer irgendwie klappte. Der Rest war optional.

Früher wollten gute Paare unterscheidbar tanzen, ihren eigenen Stil entwickeln. Heute scheint das Ziel zu sein, möglichst genauso zu tanzen wie alle anderen. Wer sich deutlich von anderen abhebt, fällt negativ auf. Eigentlich erledigt schon dieser Effekt jegliche Weiterentwicklung unseres Tanzes.

Daher sieht man heute auf den Milongas kaum noch Paare, denen man länger zuschauen möchte. Kennst du eines, kennst du fast alle.

Ich erlebe noch wenige Tänzerinnen in meinem Umfeld, die mit einem unverwechselbaren Stil aufwarten. Die mich bei den ersten Takten eines Stücks bereits mit einen Hektoliter Energie überschütten. Bei denen ich sofort merke: Die wartet nicht – die will was. Und das sofort und ohne Kompromisse!

Was dann in den nächsten zehn Minuten passiert, würde meiner Kardiologin nicht gefallen. Mir schon: Die Ideen fliegen hin und her – Herausforderung und Antwort. Was nicht unbedingt Hektik bedeuten muss – kommt ja auf die Musik an. Aber es herrscht eine Intensität, die sich atemberaubend anfühlt.

Und ja, der Lieblingstanz solcher Frauen ist meist die Milonga. „Da geht der Punk ab“, wie es eine dieser Tangueras einmal ausdrückte. Heute sucht man den oft vergeblich.

Anfängerinnen und Anfängern wird der Tango immer mehr als ein Tanz vorgestellt, der aus „Figuren“ zusammengesetzt ist. Tausende von YouTube-Lehrvideos bezeugen es. Je mehr dieser choreografischen Elemente man kann, desto besser. Das ist ungefähr so sinnvoll wie die Qualität eines Autors damit zu bemessen, wie viele Wörter er verwendet.

Mein Rat an Beginner ist stets derselbe: Sucht nach Leuten, deren Tanzstil euch gefällt – vielleicht üben die mal mit euch. Spürt selber, was sich gut anfühlt, und bleibt dabei. Auch, wenn euch „Experten“ davon abraten. Es gibt im Tango keine „vorgeschriebenen“ Schrittfolgen – nur solche, die sich in der Praxis bewähren. Und Fantasie ist noch nicht überall verboten.  

Dann könnte sich das ereignen, was heute immer seltener wird: Tanz.

Sogar, wenn die übliche Musik läuft.

Bild: www.tangofish.de

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