Mittwoch, 29. Juli 2015

Erfundene Traditionen



„Warum fehlt Einigen einfach mal ‚nur‘ der Respekt und die Achtung vor dem, was war und auch Gottseidank bei vielen Tänzern noch ‚ist‘ im Tango. Nämlich die Historie, warum es den Cabeceo gibt, und all dem, was damit zusammengehört beim Tango?“
„Tango hat nicht nur Takte, sondern auch Tradition... Respektlos ist es, das zu ignorieren.“
(Zitate aus dem „Riedl-Bashing“ im Internet)

Die Vertreter einer konservativen Auffassung des Tango beziehen sich gerne darauf, dass althergebrachte Regeln (also die allfälligen Códigos sowie die Form einer in Tandas und Cortinas gegliederten Milonga mit Musik aus der Época de Oro) auf einer durchgehenden Tradition fußen, die zumindest bis in die „Goldene Tangozeit“ (also 1935), wenn nicht bis ans Ende des 19. Jahrhunderts zurückreicht.

Na eben – was lange währt, kann doch so schlecht nicht sein, oder?

Derlei Bezüge auf Althergebrachtes existieren ja in vielen Bereichen: Man denke nur an Trachten wie das bayerische Dirndl oder den schottischen Kilt, Volkstänze wie den Schuhplattler oder Sirtaki und erst gar die rituelle südafrikanische Nervtröte Vuvuzela.

Bei diesen Beispielen zumindest muss vor dem Betreten des Holzwegs gewarnt werden: Das Dirndl etwa ist der einfachen Diensttracht der „Dirn“, also der Dienstbotin in Landwirtschaft und Bürgerhäusern, nachempfunden. Ab etwa 1870 setzte es sich als Mode des städtischen Sommerfrischepublikums durch (die ersten Dirndlträgerinnen waren also wohl „Preiß’n“). Erst hundert Jahre später sah man auch auf dem Münchner Oktoberfest die ersten Dirndl! Generell ist es sehr fraglich, ob deutsche „Trachten“ in ihrer heutigen, ausgeschmückten Form in den ländlichen, armen Regionen Deutschlands früher so vorgekommen sind.

Eine ganz ähnliche Entwicklung machte der Schuhplattler als erfundenes ländliches Brauchtum durch. (Siehe mein Beitrag in diesem Blog: http://milongafuehrer.blogspot.de/2015/05/vom-traditionellen-schuhplatteln.html)

Auch der Kilt geht mitnichten auf die keltischen Traditionen Schottlands zurück, sondern wurde angeblich 1725 vom englischen Stahlwerksbesitzer Thomas Rawlinson erfunden, der die von schottischen Mitarbeitern getragenen langen Wolldecken („Plaids“) als zu gefährlich ansah und sie daher zum „Schottenrock“ kürzte und auf Taillenhöhe verfrachtete.

Den Sirtaki als griechischen Tanz gab es nicht vor 1964, als der Film „Alexis Sorbas“ gedreht wurde und man für den tänzerisch nicht eben begabten Anthony Quinn (der offenbar auch noch an einer Fußverletzung laborierte) eine einfache Schrittfolge zur Musik von Mikis Theodorakis choreografieren musste.

Und zu guter Letzt: Die Vuvuzela existiert in blecherner Form seit etwa 1990, und erst 2001 begann eine südafrikanische Sportfirma mit der Produktion von Plastiktröten, welche 2010 bei der Fußball-WM zu unüberhörbarer Berühmtheit gelangten.

„Erfundene Tradition“ nannten die Historiker Eric Hobsbawn und Terence Ranger dieses Phänomen in ihrer 1984 erschienenen Aufsatzsammlung „The invention of tradition“: Erfundene, d. h. in ihrer jeweiligen Gegenwart konstruierte, aber in eine bestimmte Vergangenheit zurückprojizierte Traditionen sollen als historische Fiktion dazu dienen, bestimmte Normen und Strukturen gegenüber einem gegenwärtigen Wandlungsdruck gesellschaftlich zu legitimieren und zu festigen). Ziel sei vor allem die Schaffung einer kollektiven Identität sowie die Legitimation von Hierarchien (Quelle: Wikipedia).

Den Hinweis auf diese Theorie verdanke ich Jens-Ingo Brodesser, der ihn auf der Facebook-Seite des Berliner Journalisten und Tangotänzers Thomas Kröter verlinkt hat. Letzterer weist auf ein interessantes Zitat des gerade in konservativen Tangokreisen geschätzten Autors Michael Lavocah auf „todo tango“ hin. Hier Ausschnitte daraus (von mir übersetzt):

Die Tanda ist ein unverzichtbarer Bestandteil einer authentischen Milonga, aber erinnern wir uns daran, dass in der Goldenen Zeit des Tango die Orchester nicht in Tandas zum Tanz spielten. Ursprünglich war eine Tanda oft nur zwei Stücke lang – die zwei Seiten einer 78-er Schellackplatte – obwohl man in einigen Clubs gewöhnlich zwei Platten des gleichen Künstlers auflegte, also eine Vierer-Tanda. Die Tandas, wie wir sie heute kennen, wurden erst in den frühen 70-er Jahren Allgemeingut, als die alte Musik wieder auf LPs herausgebracht wurde. (…) Bis ins 21. Jahrhundert war man es auf vielen Milongas noch gewohnt, Tandas mit anderen Rhythmen (otros ritmos”) wie lateinamerikanische Musik (Cumbia, Salsa) oder Swing zu hören. (…) Nach dem Zeugnis von Alberto Podestá und anderen war in den 70-er Jahren die Aufteilung zwischen Tango und anderen Rhythmen” 50 zu 50. Die Idee, dass eine authentische Milonga nur Tangomusik bietet, ist relativ neu. (…) Noch 2006 beschloss die Stadtverwaltung in Buenos Aires einen Erlass zur Förderung von Milongas, in dem es heißt, die „Tanda mit anderen Rhythmen“ sei ein „fundamentaler Bestandteil“ einer Milonga. Heute gibt es solche Stücke auf den meisten Milongas nicht mehr. Manche weniger erfahrene Tänzer (…) haben die Vorstellung, eine traditionelle Milonga spiele nur Tangomusik.“

Ich muss gestehen, dass mich bei solchen historischen Einsichten schon ein gewisses Händereiben überkommt: Die „geheiligten Riten der Traditionsmilongas“, die uns heute mit heftigem Weihrauchschwenken dargeboten werden, also eine Entwicklung des letzten Jahrzehnts? Das würde sich mit meinen Erfahrungen decken: Bis etwa 2007 war mir und den damals in meinem Umfeld Aktiven das ganze Código- und Cabeceo-Gesumse völlig unbekannt. Welche Gebräuche existierten auf den Tangotreffs ab den 20-er und 30-er Jahren? Dazu ist wenig überliefert. Einzelne „Vorschriften“ habe ich in meinem Tangobuch zitiert – so hatte man auf einer bestimmten Milonga keine bunten Hemden zu tragen, und auf einer anderen durften sich die Gesichter nicht berühren, Ehepaaren war es fallweise nur erlaubt, miteinander zu tanzen (S. 80-81). Dies alles wurde von Aufpassern überwacht, den „cuidadores de pista“ (wohl so einer Art prähistorischer Cassiels). Es gibt beim Tango keine „festen Traditionen“, sondern glücklicherweise ein Sammelsurium großartiger Ideen und dämlicher Einschränkungen – damals wie heute.

Dieser Informationsmangel ist natürlich bestens dazu geeignet, durch Rückprojektion angebliche „Traditionen“ aufzubauen. Hobsbawn schreibt dazu: „Jedoch liegt die Eigenart der erfundenen Tradition darin, dass die Kontinuität mit der historischen Vergangenheit, auf die Bezug genommen wird, weithin künstlich ist. Kurzum handelt es sich um Antworten auf neuartige Umgebungen, deren Form sich auf alte Umgebungen bezieht oder die ihre eigene Vergangenheit schaffen mittels einer gleichsam zwingenden Wiederholung.“ Und man kann so natürlich, wie bei den Wertungsrichtern des Schuhplattelns oder den „Dirndlkunde-Experten“ der Trachtenvereine, Machtstrukturen aufbauen – mit der Rechtfertigung einer Tradition, die es so nie gab.

In einer Quelle („critiqueculturelle“) habe ich ein großartiges Schlusswort gefunden:
„Nun haben wir gelernt, dass der Schottenrock eigentlich nicht schottisch ist, die Deutschen im 17. Jahrhundert keine Trachten trugen und die Vuvuzelas alles andere als traditionell afrikanisch sind. Sie haben nun zwei Möglichkeiten. Möglichkeit eins: Sie boykottieren derartige Rituale aufgrund ihrer tief sitzenden Enttäuschung und dem unangenehmen Gefühl, an der Nase herum geführt worden zu sein. Oder, Möglichkeit zwei, Sie lassen sich Ihr neu gewonnenes Wissen nicht anmerken und kaufen sich trotzdem einen Kilt, wenn Sie einen Urlaub in Schottland verbringen.“

P.S. Oder man fliegt – als „typischer Deutscher“ – in Lederhose bzw. Dirndl nach Buenos Aires und besucht dort eine „traditionelle Milonga“ – dann hätte man schon einiges beisammen…

Kommentare:

  1. Lieber Gerhard,
    Schönen Dank, dass du das Märchen vom "traditionell" und "traditionell definiert" aufschlüsselst und differenzierst.
    Zwei weitere Beispiele fallen mir dazu ein: die bayrisch-traditionelle Volksmusik, die sich deswegen so auf Oberbayern bezieht, weil hier zwei sehr fleißige Herausgeber (Kiem Pauli und auch Wastel Fanderl) einfach gesammelt haben und qua Amtes (Bezirksvolksmusikpfleger) die Mittel hatten, diese auch zu veröffentlichen.
    Zum anderen ein Einzelbeispiel verschobener Wahrehmung, Phile kerna krassi soll, so habe ich mal aufgeschnappt, in Griechenland als ein traditionelles Volkslied gelten (Originalsprache,-text,-erscheinungsjahr lasse ich dem Leser hier), nachzuhören hier.
    Sicher gibt es noch mehr, die Frage, die bei solchen Phänomenen immer im Raum steht und ich nicht beantworten kann: Qui bono? ....
    Schöne Grüße, Thomas

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    1. Lieber Thomas,

      danke für die weiteren Beispiele!

      Zur Ergänzung: Udo Jürgens komponierte den "Griechischen Wein" bei einem Urlaub auf Rhodos - den deutschen Text schrieb erst zwei Jahre später Michael Kunze. Dass der Schlager inzwischen - nach 40 Jahren - bei den Griechen als Volkslied gilt, kann ich mir gut vorstellen.

      "Wem nützt das?" Nun, beim Tango habe ich da so meine Vermutungen, aber die finden sich ja schon im Text.

      Herzliche Grüße
      Gerhard

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    2. Hallo Gerhard ich hab vor einem Jahr mich mit Michael Lavocah genau über diese Frage unterhalten.Vor der Schallplatten Aera spielten die Orchester live und zwar den ganzen Aber wenn man den ganzen Abend nur ein Orchester hört ist es auch nicht auszuhalten. Die Anordnung in Tandas und Cortinas ist jedoch, trotzdem sinnvoll, on es historisch belegt ist oder nicht
      ich finde es grausam wenn ständig zwischen Orchestern und Tangostilen hin und hergemischt wird. Der Cabeceo ist für mich ein Mittel zum flirten. Die unterschiedlichen Meinungen werden auch trotz deiner Erkenntnisse bestehen bleiben
      GRUSS Gunnar

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    5. Lieber Gunnar,

      ich habe da auch schon einiges von "früher" gehört, z.B. dass auf größeren Veranstaltungen zwei Orchester spielten - eines für die Tangomusik und das andere für gerade moderne Tänze.

      Und ein Orchester pro Abend ist typisch für jeden normalen Ball - das halten jeweils Hunderte aus.

      Klar darf das jeder sehen, wie er will. Wogegen ich mich wende, ist, dass die Veranstalter von "traditionellen Milongas" so tun, als seien sie besonders authentisch und würden sich in direkter Erbfolge von einer "Ur-Milonga" ableiten, die es wohl so nie gegeben hat.

      Gruß
      Gerhard

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