Damenqual!



„Tango ist ein Tanz der einfachen Leute, da sagt man ‚du’ zueinander – und es gibt auch keine ‚Damen und Herren’, sondern nur ‚Männer und Frauen’.“

So lernten wir das einst im Anfängerunterricht bei unseren gestrengen Tangolehrern in der sittlich gefestigten Oberpfalz, wo ein Gancho von den „Aborigines“ schon mal als „Baa stöll’n“ bezeichnet wurde. Und – beinahe noch selbstverständlicher – durften, ja sollten auch die Tänzerinnen auffordern: „Greif dir doch einen, sind ja genug da“, so die öfters wiederkehrende Ermunterung der „Frau Mutter des Salontango“ an einzeln herumsitzende Frauen angesichts beschäftigungsloser Männer. Körbe schloss sie von vornherein aus, und angesichts ihrer imposanten, von einem selbst gestrickten Zweimannzelt umflorten Prachtfigur hätte dies wohl auch niemand gewagt. Nach den ziemlich spießigen Verhältnissen beim Standardtanz war ich sehr froh, dass beim Tango der Begriff „Damenwahl“ bestenfalls die – völlig normale – Aufforderung eines Tänzers durch eine Tanguera bedeutete.

Erst Jahre später erlebte ich die Problematisierung dieses direkten und simplen Verfahrens. Die Anteil weiblicher Wesen, welche selber zur Tat schritten, nahm immer mehr ab, und in einer Zeitschrift war schließlich ein „Tango-Knigge“ zu lesen: Vielerorts gelte es „noch als Tabu oder gar als Aufforderung zu mehr“, wenn eine Frau auf diese Art und Weise die Initiative ergreife. Au weia! Hatte ich in meiner Vor- und Frühgeschichte eindeutige Angebote schlichtweg übersehen? Von einer Tangofreundin erfuhr ich schließlich, dass solche Warnungen einen realen Hintergrund hätten. Als sie es einmal allein in einer fremden Stadt wagte, einen Tanguero um einen Tanz zu bitten, erhielt sie die Antwort: „Du bist wohl nicht von hier? Bei uns ist es völlig unüblich, dass Frauen auffordern!“ Gnadenhalber tanzte er dann genau ein Stück mit ihr…

Das männliche Unbehagen hat die Gruppe "Truck Stop" eindrucksvoll beschrieben:


Beim momentanen Trend hin zu den geheiligten Tangotraditionen archaischer Männergesellschaften kann mich allerdings kaum noch etwas schockieren – warum nicht das schleppende Geplemper aus der „goldenen Epoche“ stilecht mit dem Verhaltensrepertoire südamerikanischer Vorstadtflegel komplettieren? Zum Machismo der Altvorderen passt doch die Mentalität, die Fräuleins hätten still und bescheiden ein Stühlchen zu dekorieren, bis das Herrchen sie ruft! Allerdings sollte man beim ebenfalls in diesen Kreisen propagierten, „Cabeceo“ genannten pubertären Geblinzel bedenken, dass solches kaum wirkt, wenn die Caballeros die Möglichkeit, von Frauen aufgefordert zu werden, völlig ausblenden. In diesem Fall kann nämlich auch eine Startänzerin den Augeninnendruck bis zum Grünen Star steigern, ohne dass dies auf Männerseite irgendwem auffällt!

Doch wenn die Not am größten ist, liegt die Rettung am nächsten: Neuerdings durfte ich es mehrfach erleben, dass ein Veranstalter bzw. DJ zu vorgerückter Stunde eine „Damenwahl“ ausrief, worauf stets schnulzig schleppende, sehr einfach zu tanzende Titel erklangen – offenbar sollten die Frauen für ihren Mut mit Stücken in ihrer Reichweite belohnt werden. (Ein argentinischer Tangolehrer nannte eine derartige Tanda vor vielen Jahren im schönsten Hispanodeutsch „Kuseltango“.) Na, dann ist die Welt doch wieder in Ordnung, oder?

Die Welt der 50-er Jahre allemal. Für mich beinhaltet allerdings die Erlaubnis, die Tänzerinnen dürften einmal am Abend auffordern, ebenso die Vorstellung, dies sei in der restlichen Zeit für sie nicht schicklich. Dazu passen dann die seitenlangen, im Internet grassierenden „Tango-Knigges“ plus Schemazeichnungen mit gefühlten 38 Pfeilen zur vorgeschriebenen Parkettbenutzung. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich gehöre noch zu der Generation, welche Damen in den Mantel hilft oder die Tür aufhält – aber nur, wenn sie selber gehen wollen! Wenn eine Milonga nicht mehr vom Sommerball des Golfclubs zu unterscheiden ist, wird für mich die Anarchie dieses Tanzes aus den Slums durch eine gespreizte Bürgerlichkeit ersetzt, unter welcher der Machismo umso üppiger gedeiht.

Allerdings bin ich nicht mehr optimistisch genug zu glauben, man könne als Mann dem weiblichen Geschlecht die Emanzipation auf dem Silbertablett liefern. Immer wieder erlebe ich es beispielsweise, dass von mir aufgeforderte Tänzerinnen den Spruch bringen: „Ich bin aber noch Anfängerin.“ (Als ob ich das durch vorherige Beobachtung nicht längst gemerkt hätte!) Noch nie habe ich von einem Tanguero in vergleichbarer Situation die Frage vernommen: „Tanzt du mit mir, auch wenn ich noch Anfänger bin?“ Zur Erziehung der Wesen mit dem Bonsai-Chromosom gehört halt von klein auf: Niemals zugeben, dass man von einer Sache nichts versteht – was neben Milliardenpleiten beim Bau von Bahnhöfen und Flughäfen auch beim Tango zu sicherem Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit führt. Frauen dagegen bedienen tendenziell die „Herr, ich bin nicht würdig, dass Ihr mit mir tanzt“-Schiene: „Den Schritt kenne ich noch nicht – War das jetzt der falsche Fuß? – Du wolltest sicher etwas anderes führen?“.

Liebe Tangueras, auch wenn Alice Schwarzer Steuern hinterzogen haben mag: An der Frauenbewegung war doch nicht alles schlecht! Um einen alten Machowitz zu fleddern: Sie sollte auch beim Tango mehr als rhythmisch sein. Erst recht gilt im richtigen Leben: Wenn ihr nicht selbstbewusst und laut verkündet, euch eine Aufgabe zuzutrauen – ja, die Beste für diesen Job zu sein, werden die Kerle die fettesten Bissen weiterhin unter sich verteilen. Lernt zu führen, nicht nur auf dem Parkett!

Ich empfinde es übrigens stets als hilfreich, von einer Tänzerin aufgefordert zu werden: Zumindest ist es eine nützliche Rückkopplung, ob man mit seiner eigenen Wahl richtig lag oder vielleicht der betreffenden Frau bei früheren Tänzen eher Panik als Wohlgefühl bescherte. (Die einschlägigen Lautäußerungen auf dem Parkett erlauben nicht immer eine sichere Unterscheidung zwischen glücklichem Seufzen und stressbedingter Ausatmung…) Freilich sollten solche Überlegungen auf beiden Seiten angestellt werden – wenn man einen Tänzer mehrfach engagiert, muss dessen konstant reservierte Haltung nicht unbedingt von Schüchternheit zeugen – es könnte sich auch um eine gesunde Abneigung handeln…

Letztlich gehört für mich der Begriff „Damenwahl“ in dieselbe Klischee-Ecke wie die Schablone vom „Führen und Folgen“. Sieht man darin vorwiegend eine Aufteilung in „aktiv“ und „passiv“, ist der Abstand zum Tango bereits groß. In beiden Fällen bringt uns die Idee einer gleichberechtigten Kommunikation weiter. Wer dann den ersten Schritt tut, ist eher nebensächlich.

P.S. Abweichende weibliche Sichtweisen zum Thema sind mir spätestens seit gestern klar, als ich diesen Beitrag einer Tangofreundin zeigte. Ihr Kommentar „Damenwahl – was soll ich da überhaupt wählen?“ führte zu folgendem Wortwechsel: „Na, eine Dame, drum heißt das ja so.“ „Mach’ ich doch eh meistens!“

Kommentare

  1. Endlich, endlich jemand, der meine Meinung teilt und es als völlig normal und in Ordnung befindet, wenn eine Frau auffordert ! Und das nicht nur unauffällig mittels Cabeceo sondern sogar verbal..

    Ich kam mir schon vor wie im falschen Film beim Lesen von anderen Blogs, in denen das hohe Lied der Tradition gesungen wird und alles andere als ein Cabeceo als unanständig erachtet wird (ok ich übertreibe jetzt).

    Ich nehme mir das Recht aufzufordern, auch wenn ich mir dabei gelegentlich einen Korb einhandele (warum soll es mir besser gehen als den Männern).. Abgesehen von einem Blick, als hätte ich dem Aufgeforderten einen unsittlichen Antrag gemacht, machte ich die Erfahrung vieler wunderbarer Tänze, die ich sonst verpasst hätte.

    Ich würde in Buenos Aires beim Tango vermutlich nicht glücklich werden, meine Art ist es nicht, dekorativ herum zu sitzen, zu lächeln und zu warten bis "der Prinz auf dem weißen Pferd" (in dem Fall eher ohne Pferd) kommt und mich zum Tanzen auffordert...

    Selbst ist die Frau ;)

    es grüßt Katrin Kaiser

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  2. Liebe Katrin Kaiser,

    ich hörte neulich vom Kabarettisten Dieter Nuhr, in Ägypten sei Frauen inzwischen das Fahrradfahren erlaubt, allerdings mit etlichen Einschränkungen: Unter anderem dürften sie dies nur in abgelegenen Parks etc. Der Grund: Die Männer könnten sich erschrecken!

    Ich finde es dennoch gut, dass Du die empfindlichen Seelen der Herren durch Aufforderungen belastest. In Wahrheit ist man in diesem Lager wohl eher wegen des Verlusts eines Privilegs besorgt. Die Prinzen erscheinen vielleicht ohne Schimmel, aber dennnoch auf ziemlich hohem Ross...

    Alsdann, weiter so!

    Beste Grüße und danke für den Beitrag!
    Gerhard Riedl

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