Von Pinschern und anderen Intellektuellen
„Es war einmal ein Kaiser, der über ein unermesslich großes, reiches und schönes Land herrschte. Und er besaß wie jeder andere Kaiser auch eine Schatzkammer, in der inmitten all der glänzenden und glitzernden Juwelen auch eine Flöte lag. Das war aber ein merkwürdiges Instrument. Wenn man nämlich durch eins der vier Löcher in die Flöte hineinsah – oh! was gab es da alles zu sehen! Da war eine Landschaft darin, klein, aber voll Leben: Eine Thomasche Landschaft mit Böcklinschen Wolken und Leistikowschen Seen. Rezniceksche Dämchen rümpften die Nasen über Zillesche Gestalten, und eine Bauerndirne Meuniers trug einen Arm voll Blumen Orliks – kurz, die ganze moderne Richtung war in der Flöte.
Und was machte der Kaiser damit? Er pfiff drauf.“ (Kurt Tucholsky: „Märchen“, 1907)
https://www.textlog.de/tucholsky/erzaehlungen-prosa/maerchen
„Riedls Antwort erinnert nur noch an einen wütenden Pinscher, der sich am Hosenbein festbeißt.“ (Klaus Wendel: „Wenn man sich selbst zum Sieger erklärt“, 2026)
https://www.tangocompas.co/wenn-man-sich-selbst-zum-sieger-erklaert/
Gut, ich bin solche Beschimpfungen gewöhnt: Bereits vor 3 Jahren bezeichnete mich die Berliner Tangoveranstalterin Ines Moussavi als „„bissigen Pinscher“.
https://milongafuehrer.blogspot.com/2023/07/von-pinschern-und-cancel-culture.html
Das Schimpfwort hat vor vielen Jahren sogar in der hohen Politik Furore gemacht:
1965 beklagte sich Bundeskanzler Ludwig Erhard über Intellektuelle, insbesondere die Schriftsteller Rolf Hochhut („Der Stellvertreter“) und Günter Grass („Die Blechtommel“).
„Neuerdings ist es ja Mode, dass die Dichter unter die Sozialpolitiker und Sozialkritiker gegangen sind. Wenn sie das tun, ist das natürlich ihr gutes demokratisches Recht, dann müssen sie sich aber auch gefallen lassen, so angesprochen zu werden, wie sie es verdienen, nämlich als Banausen und Nichtskönner, die über Dinge urteilen, die sie nicht verstehen."
Huch, den Vorwurf, ein Banause und Nichtskönner zu sein, kenne ich aus vielen Blog-Debatten…
Solche Sätze, die er in einigen Reden variierte, hingen dem Kanzler lange nach:
- „Ich muss diese Dichter nennen, was sie sind: Banausen und Nichtskönner, die über Dinge urteilen, von denen sie einfach nichts verstehen... Es gibt einen gewissen Intellektualismus, der in Idiotie umschlägt... Alles, was sie sagen, ist dummes Zeug.“
- „Da hört bei mir der Dichter auf, und es fängt der ganz kleine Pinscher an, der in dümmster Weise kläfft.“
https://de.wikiquote.org/wiki/Ludwig_Erhard
Bis heute ist es ein beliebtes Argument unter Männern, dem anderen vorzuwerfen, etwas „nicht zu verstehen“. Kenne ich als Blogger aus vielen Beiträgen der Konkurrenz!
Ludwig Erhard erntete mit seinem „Pinscher“ viel Kritik. Bei seinen Reden imitierten die Zuhörenden öfters Hundegebell. Selbst ein „Pinscher-Schnauzer-Club“ verwahrte sich gegen solche Bezeichnungen:
https://www.ardsounds.de/episode/urn:ard:episode:eaf2fd3032e4ef95/
Erhards Kanzlerschaft verlief eher unglücklich: Adenauer sträubte sich gegen diesen Nachfolger, und nach kaum mehr als 3 Jahren war im Dezember 1966 Schluss, da die FDP nicht mehr mitmachte. Erhard wurde durch seinen Nachfolger Kiesinger ersetzt.
Dabei galt der Mann mit der Zigarre, Wirtschaftsminister von 1949 bis 1963, als „Vater des Wirtschaftswunders“ – aber solche Ausfälle passten nicht zum Ansehen als „Professor“. Auch nicht sein Hang zur Rechthaberei. Er galt als dünnhäutig und ungeschickt in der persönlichen Kommunikation. Und den Asketen Adenauer nervte Erhards sanguinischer Lebensstil – insbesondere die unvermeidlichen Zigarren.
(Alfred C. Mierzejewski: Ludwig Erhard. Der Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft. Biografie. Pantheon Verlag, München 2006)
Gut, die Bezeichnung „Pinscher“ habe ich mir schon öfters abgeholt:
https://milongafuehrer.blogspot.com/2023/07/von-pinschern-und-cancel-culture.html
Dennoch will ich mich natürlich nicht mit berühmten Literaten wie dem Nobelpreisträger Grass vergleichen. Dennoch meine ich, andere mit Tiernamen zu belegen, ist eine schlechte Idee. Überhaupt hat sich Gepoltere auch in der hohen Politik selten ausgezahlt.
Das mussten in der Vergangenheit auch CSU-Politiker immer wieder erfahren. Noch nie schaffte es einer von ihnen zum Kanzler.
Wobei der in Fürth geborene und am Tegernsee residierende Erhard ganz nahe dran war – allerdings war er nie CSU-Mitglied. Schlimmer noch: Er trat wohl erst 1968 in die CDU ein, obwohl man versuchte, das Ganze auf 1949 rückzudatieren.
Auch ansonsten Pech allenthalben: 1980 scheiterte der Verbal-Kraftprotz Franz Josef Strauß am kühlen Hanseaten Helmut Schmidt, und 2002 verlor der Schreibtisch-Star Edmund Stoiber knapp gegen den Macher Gerhard Schröder. 2005 musste der Bayer – noch größere Schmach – der Kandidatin Angela Merkel den Vortritt lassen. 2021 schließlich schnappte der eher unverbindliche Armin Laschet dem kantigen Bayern Markus Söder die Kandidatur weg – und scheiterte prompt am zurückhaltenden Olaf Scholz.
Was lernen wir aus der Geschichte? Verbale Kraftmeierei zahlt sich selten aus – weniger ist oft mehr!
P.S. Ein schönes Portrait Ludwig Erhards zeigt, dass Politiker oft weniger am Gegner denn an der eigenen Partei scheitern:
https://www.youtube.com/watch?v=FdenpmS37I0
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