Rückblick auf meine Komfortzone
Meine Blogstatistik meldet mir täglich, welche Artikel wie oft aufgerufen wurden – jedenfalls die häufigsten 20. So finde ich immer wieder Texte, die ich schon längst vergessen habe, die mir aber im Rückblick hoch interessant erscheinen.
So veröffentlichte ich im März des letzten Jahres einen Beitrag mit dem Titel: „Vom Vermeiden des Tangsfrusts“.
Anlass war ein Facebook-Post von Melina Sedó, einer Zentralfigur des konservativen Tango, die als Losung ausgab: „Bitte denkt daran in allen Tango-Kursen: Wenn du in deiner Komfortzone bleibst und Frustration vermeidest, wirst du nicht besser werden!“
Vielleicht liegt es ja an meiner böhmischen Herkunft, dass ich solchen Sätzen nicht ganz beipflichten kann. Ich schrieb damals zu unserem „frustfreien Üben“ im Wohnzimmer: „Wir setzen uns keine Ziele – schon gar nicht das Erlernen von Schrittkombinationen. Stattdessen entdecken wir immer wieder neue Bewegungen und interessante Abläufe. Und ich möchte gar nicht, dass meine Partnerinnen immer das tun, was mir vorschwebte. Das wäre ziemlich langweilig. Aber wenn sie etwas anderes machen und ich spontan darauf eingehen muss, finden wir das beide spannend und anregend.“
Um es zusammenzufassen: Die Einzige, welche sich damals hätte persönlich kritisiert fühlen können, war Melina Sedó. Doch die hat mich noch nie zur Kenntnis genommen. Jedenfalls offiziell.
Stattdessen hagelte es in den Kommentaren Kritik von Personen, die mich dann auch später immer wieder mit Attacken überzogen. Über keinen von denen hatte ich jedoch im Artikel auch nur ein Wort verloren.
Einige besonders schöne Beispiele:
„Ich finde es immer erstaunlich, wie Sie, als jemand, der nie ausgiebig Bewegungen unterrichtet hat, so unverblümt Ratschläge für ‚Tango lernen‘ verbreitet und erfahrenen Lehrkräften widerspricht. Wie nennt man diesen Effekt noch gleich?“ (24.3.2025, 13:29)
„Ihre Schlussfolgerung, dass das Lernen im Unterricht nur Frust hervorruft, während ein autarkes ‚Vorsichhinprobieren‘ in Wohnzimmern erfolgsversprechender sein soll, können Sie anhand Ihrer zur Schau gestellten ‚Tanzkünste‘ leider nicht belegen, zumindest nicht überzeugend.“ (24.3.25, 15:52)
„Ich finde es vollkommen in Ordnung, wenn jemand einfach zum Spaß tanzen will, ganz ohne Ehrgeiz. Aber wer richtig gut tanzen möchte – wer mit Tiefe, Präzision und Musikalität auf der Milonga glänzen will –, der kommt ohne Unterricht nicht weit. Wohnzimmer-Tango bleibt dann eben genau das: gemütlich – aber begrenzt.“
„Als ich geschrieben habe, man wolle ‚auf der Milonga glänzen‘, meinte ich damit nicht, sich zur Schau zu stellen oder zu beeindrucken. Sondern: sich auf einer gut besuchten, hochwertigen Milonga kompetent bewegen zu können – musikalisch, sicher, fein geführt, mit technischer Sicherheit und Klarheit. Denn das macht aus meiner Sicht eine gewisse tänzerische Reife aus. (25.3.25, 09:56)
„Du warst, soweit ich weiß, viele Jahre im Schuldienst als Biologielehrer. Unterricht, Korrekturen, Elterngespräche, Konferenzen – all das nimmt viel Zeit in Anspruch, gerade in den Jahren, als Homeoffice noch kein Thema war. Dass da im Schnitt zwei Milongas pro Woche über Jahrzehnte hinweg möglich waren, erscheint doch eher unwahrscheinlich. Ganz zu schweigen von familiären Verpflichtungen: Wuchsen deine Kinder währenddessen ganz von selbst auf? (…)
Und wenn wir von ‚Milongas besucht' sprechen – was genau zählt da mit? Geht es um 2.500 unterschiedliche Veranstaltungen, wie man sie üblicherweise zählt? Oder wurden einzelne Besuche auf immer denselben Milongas mehrfach gezählt – vielleicht inklusive kleiner Wohnzimmer-Runden?“ (25.3. 2025 15:53)
„Und dann frage ich mich ehrlich: Wann soll das alles passiert sein? Du warst über Jahrzehnte im Schuldienst, hast nebenbei regelmäßig Zaubervorstellungen gegeben – und schreibst selbst, dein Schlafpensum lag bei fünf Stunden pro Nacht. Dazu noch Tangoreisen durch halb Deutschland? Klingt eher nach Legende als nach Lebensrealität.“ (25. 3. 2025 22:35)
„Du warst noch nie in Buenos Aires, du gehst weder auf Encuentros noch auf internationale Tango Festivals. Da frage ich mich, wann und wo du die ‚richtig guten Tänzerinnen' getroffen haben willst. Das erinnert mich doch sehr an unsere Diskussion, als Du behauptet hast, dass Du ständig mit Tänzerinnen aus der Champions League tanzt. Und als ich nachgehakt habe, hat sich herausgestellt, dass Du die europäischen Spitzentänzerinnen nicht mal persönlich kennst. Geschweige denn schon mal mit ihnen getanzt hättest.“ (26.3. 2025, 12:49)
„In puncto ‚Spitzentänzerinnen‘ gebe ich (…) recht - ich vermute, Du bist in Deinen 2500 Milongas nur wenigen, eher gar keiner begegnet.“ (28.3. 2025, 11:57)
Insgesamt erntete mein Artikel 26 Kommentare. Leider kam man dabei immer weiter vom Thema des Beitrags ab. So habe ich darin kein Wort über „internationale Spitzentänzerinnen“ erwähnt. Oder meinen familiären und beruflichen Werdegang beleuchtet. Thema war, ob die Vermeidung von „Komfortzonen“ eher den Frust oder den Lernerfolg steigert. Aber das war den Kommentatoren wohl weniger wichtig.
Stattdessen verlegte man sich auf hochnotpeinliche Befragungen zu meinem Lebenslauf, auf Beurteilungen meiner „Tanzkünste“. Eine Vernehmung bei der Kripo wäre wohl ähnlich detailliert ausgefallen.
Ich frage mich halt, wer da zur Sache oder zur Person schreibt. Die Leute, welche die obigen Anmerkungen verfassten, kamen in meinem Text mit keinem Wort vor.
Das zu der Mär, man müsse sich ja ständig gegen individuelle Angriffe aus meiner Richtung wehren! Nein, die Strategie meiner Kritiker war: Meine Person unglaubwürdig machen!
Wie üblich überlasse ich das Urteil meinen Leserinnen und Lesern. Ich jedenfalls fand die nachträgliche Lektüre amüsant und spannend:
https://milongafuehrer.blogspot.com/2025/03/vom-vermeiden-des-tango-frusts.html
P.S. Und falls mal wieder ein Kollege nach einem Titelbild sucht (und die Lizenzgebühren löhnt):
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| Illustration: www.tangofish.de |



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