Das Problem liegt im Schritt
„Na, Meisterchen, schon fit im Schritt?“ (Dany Wilde in „Die Zwei“)
https://www.bz-berlin.de/archiv-artikel/die-besten-sprueche-aus-die-zwei
Über das Gehen im Tango kann man viel sagen. In seinem neuen Beitrag tut Klaus Wendel es auch – ganze 21 Minuten Lesezeit wird auf seinem Blog für den 61. Teil seiner „Gedanken zum Tango-Unterricht“ angegeben. Untertitel „Der Schritt ist die Entscheidung“.
Dazu fällt mir ein ähnlich schöner Sponti-Spruch aus meiner Jugendzeit ein: „Wer Ford fährt, kehrt nie wieder.“ (Nein, ich weiß natürlich: Unseriöses Geblödel – aber zu jedem Weißclown gehört halt ein August… alte Zirkusregel.)
Reichen wirklich 21 Minuten, um Wendels Darlegungen zu kapieren? Ich würde dazu eher einige Stunden veranschlagen. Ergebnis ungewiss.
Eingangs wird uns schon mal mitgeteilt, jeder kenne den Satz „Wer gut geht, tanzt gut Tango“. Also, ich nicht – ein Beleg für meine Unwissenheit: Ich Depp dachte immer, es gehe ums Tanzen…damit's mir gutgeht!
„Profis gehen wie Profis“ – den Unterschied erkenne man auf dem ersten Blick. Na ja, nach meinen Erfahrungen außerhalb ihrer Shows: von der Tanzfläche weg. Aber das ist natürlich nicht gemeint.
Was macht „einen normalen Schritt überhaupt zu einem Tangoschritt“? Wendel habe selber viele Jahre gebraucht, bis er von einem „kleinen Geistesblitz“ getroffen wurde. Dann sollten wir Laien uns lieber auf Jahrzehnte einstellen, bis es bei uns einschlägt!
In der Folge wird es kompliziert, weshalb der Autor schon mal „um eine etwas gründlichere Lektüre“ ersucht. Nach viel Spaß beim Lesen klingt das eher nicht.
Im Kern geht es dem Kollegen darum, dass „Tangogehen kein Alltagsgehen“ sei. Ziel sei es nicht, von A nach B zu gelangen. Nur fürchte ich: Das ist bei allen Tänzen so. Die meisten lateinamerikanischen Tänze verlaufen stationär. Selbst beim Wiener Walzer ging es nie primär darum, mit seinem Schnucki möglichst schnell ins Separee zu gelangen. Obwohl das durchaus ein Motiv sein konnte.
Ich erinnere mich an den Satz eines befreundeten argentinischen Tangolehrers, der eine totale Anfängerin mit den Worten einlud: „Komm, wir gehen ein bisschen spazieren“. Klar war das nicht das Endziel, nahm aber Spannung aus der Situation.
Wenn man dagegen das Gehen im Tango zu einer hoch komplizierten Geschichte aufbläst, erreicht man genau den Zustand der Paralyse, der für Neulinge so hilfreich ist.
Was mir an Wendels Texten so gefällt, ist das ständige Trudeln um Stilblüten: „Nach jedem gesetzten Schritt ist zunächst offen, ob überhaupt ein weiterer folgen wird.“ Klar, der Partner könnte inzwischen auch verstorben sein.
Anschließend landen wir dann wieder bei den „gefüllten Tanzflächen“ – kein Wendel-Artikel ohne diese!
Tango, so der Verfasser, „könnte im Prinzip sogar auf der Stelle stattfinden“. Klar, wozu gäbe es sonst die Encuentros?
„Der Fuß landet nicht beiläufig irgendwo, sondern wird bewusst gesetzt“ – haben wir uns schon irgendwie gedacht…
Und klar, das Setzen der Füße hängt auch vom Untergrund ab. Leider geht Wendel dabei nicht auf die Kombination „Gummimatte plus Kaffeepulver“ ein. Aber das ist wohl unser lokales Problem.
Der Autor hat natürlich recht mit seiner Unterscheidung des normalen Gehens und des tänzerischen Setzens der Füße. Hätte er 90 Prozent des Textes weggelassen, würde das nicht weniger klar.
Was sein Vergleich mit Ballettschülern soll, weiß ich nicht. Nicht mal ein Prozent aller Tangotanzenden gerät auch nur in die Nähe solcher Anforderungen.
Ich gebe ihm aber völlig recht, wenn er feststellt:
„Wer einen Schritt kontrollieren kann, kann ihn modellieren. Wer ihn modellieren kann, kann ihn musikalisch einsetzen. Wer nach einem Schritt wieder ruhig und entscheidungsfähig ist, kann pausieren, die Richtung verändern oder auf etwas reagieren, das vorher nicht geplant war.“
Dann müsste nur noch eine „nicht planbare“ Musik her. Aber der fehlt es ja an der „Voraushörbarkeit“ – oder besser: der hundertmaligen Wiederholung bekannter EdO-Schnulzen. Genau die lösen nämlich das vom Autor beklagte „durch die Gegend Latschen“ aus!
Empfehlenswert sei die Frage: „Warum setze ich genau jetzt diesen Fuß?“
Ach Mensch, und während ich darüber nachdenke, ist die Musik schon etliche Takte weiter!
Klaus Wendel hat sich mit seinem Artikel wirklich eine riesige Mühe gegeben, seine Gedanken zum Gehen im Tango zu formulieren. Das ist sicher anerkennenswert. Ich fürchte nur, er hat es so kompliziert gemacht, dass wenige es lesen oder gar verstehen werden. Vor allem, weil seine Botschaft mal wieder lautet, Tango sei so kompliziert, dass selbst er manches lange kaum verstanden habe. „Tango-Normalverbraucher“ dürfte das entmutigen.
Mein Ansatz ist eher, „Tango für Dummies“ zu erklären. Ich vermute, das könnte die Kundschaft mehr ansprechen.
Daher ist mein Rat sehr kurz: Versucht doch bitte, beim Tango „schöne Beine und Füße“ zu zeigen – und keine lustlos baumelnden Rumpf-Anhänge. Dann wäre schon viel erreicht!
P.S. Meinem Vater verdanke ich wohl mein „Zum Tanzen-Gen“. Seine Favoriten waren „English Waltz“ und Tango. Leider fand sein „Gehen“ bald bei der Wehrmacht statt und hatte einen geradlinigen, voraushörbaren Rhythmus. Seine Figur (lang und dünn) war aber zur Zackigkeit ziemlich ungeeignet.
Bei einer Exerzierübung brüllte ihn ein Ausbilder an: „Mensch, Sie marschieren ja wie ein Storch im Salat!“ Mein Papa, der mir wohl auch das Satire-Gen vererbt hat, rief zurück: „Herr Hauptmann, melde gehorsamst, das hat mir meine Mutter auch schon gesagt!“
Damals war der Preis für Gags keine Unterlassungserklärung, sondern der „Bau“, wie man damals den militärischen Arrest nannte. Alsbald ein hochnotpeinliches Verhör, bei dem mein Vater behauptete: Nein er habe niemanden provozieren wollen, sondern nur die Wahrheit berichtet! Seine Mutter habe ihm immer wieder gesagt: „Junge, du marschierst wie ein Storch im Salat. Was wird das werden, wenn du mal zum Militär kommst?“
Tatsächlich trug er das so überzeugend vor, dass man ihn wieder aus dem Bau ließ. Wahrscheinlich verdanke ich meinem Erzeuger auch mein Schauspieltalent!
Sollte mir also nochmal jemand bestätigen, dass ich nicht tanzen könne: Das hat mir der Wendel auch schon gesagt!
Quelle: https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-61-teil/| Illustration: www.tangofish.de |


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