Der Weg auf die Palme

Die Politik hat wieder ein neues Skandälchen: Kanzler Merz hat sich von RTL an den „Tisch mit Bürgerinnen und Bürgern“ bitten lassen. Das Personal war so ausgesucht, dass für den Regierungschef kein angenehmer Abend zu erwarten war.

Insbesondere von der Kinderärztin Dr. Bea Merscher, ihres Zeichens auch Netz-Aktivistin, von der man sicherheitshalber schon mal einen Einspieler parat hatte: Sie drehe in ihrer Wohnung Videos und erreiche so Millionen von Menschen. Damit wird die Absicht schon mal klar.

Originalton: „Sehr geehrter Herr Merz, warum brechen Sie Ihren Amtseid, den Nutzen des Volkes zu mehren und Schaden von ihm zu abzuwenden, und erlassen solche menschenverachtenden, zerstörerischen Gesetze wie das GKV-Spargesetz?“

Man hätte darauf sehr sachlich antworten können: In unserer Demokratie „erlässt“ der Kanzler keine Gesetze – die werden in einem ziemlich komplizierten Verfahren von Bundestag und Bundesrat beschlossen. Mithin von Abgeordneten, die laut unserem Grundgesetz an Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen verpflichtet sind. Nix mit „Amtseid“ also…

https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_38.html

Kanzler Merz entschied sich aber zum Erklettern der Palme, unterstützt von der Moderatorin, die der Ärztin Sentenz schon mal als „harten Tobak“ titulierte.

O-Ton Kanzler:

„Ja, ich finde das, ehrlich gesagt, das geht jetzt ein bisschen über das normale Maß der Kritik hinaus. Also, Sie können mir sagen, Sie sind mit dem nicht einverstanden, was wir machen. Aber Sie unterstellen uns ja eine gezielte, vorsätzliche Zerstörung unseres Gesundheitssystems. Da muss ich Ihnen sagen, wenn sie so argumentieren, werden Sie für Ihre Argumente kaum noch Gehör finden. Ich bin bereit, die Kritik anzunehmen, aber uns nun und auch mir persönlich einen vorsätzlichen Bruch meines Amtseids vorzuwerfen, ist schon ziemlich harter Tobak. Dass wir Probleme haben und dass wir die lösen müssen, einverstanden – aber das geht zu weit. Das ist eine persönliche Herabsetzung, die geht zu weit. Sie unterstellen mir, dass ich vorsätzlich – und Sie zeigen dann Kinder – dass ich vorsätzlich die Zukunft dieser Kinder zerstöre. Und ich muss Ihnen ehrlich sagen: Das geht zu weit. Das weise ich mit Entschiedenheit zurück. Sie können kritisieren, was wir tun. Auch mich persönlich kritisieren, aber das geht zu weit.“ 


https://www.youtube.com/watch?v=eGloBG6PAD4&t=2647s
(ab 45.00)

Angeblich soll man sich nach der Sendung weiter gekloppt haben.

Im Internet erscheinen nun haufenweise Videos, die den Bundeskanzler abfieseln. Na prima…

Ich finde es schrecklich, dass der Kanzler als Profi in eine so primitiv aufgestellte Falle tappte: Das Ganze war doch liebevoll mit dem Ziel präpariert, ihn aus der Fassung zu bringen. An seiner Stelle hätte ich entweder gar nichts gesagt außer: Mit einer solch primitiven Argumentation beschäftige er sich nicht. Oder noch besser: Er könne dazu nichts sagen, da er nicht zugehört habe.

Klar, auch dafür hätte er Haue bezogen. Aber wenigstens mit viel weniger Aufwand! Und ohne mal wieder als beleidigter Rechthaber dazustehen.

Und, auch das kenne ich vom Bloggen: Sein Text ist viel zu lang.

Auch in unserer kleinen Tangowelt treffe ich immer wieder auf die Einstellung, man müsse unbedingt antworten, nur weil irgendwer Dünnsinn verzapfe. Man sei ja geradezu gezwungen, Falsches zu korrigieren. Obwohl man sich schon mal darüber beklagt, die Widerlegung von Unzutreffendem koste weitaus mehr Mühe als dessen Verkündung.

https://de.wikipedia.org/wiki/Brandolinis_Gesetz

Ja, warum versucht man es dann?

Dank des Internets geht die Meinungsfreiheit heute so weit, dass jeder Depp irgendeinen Schmarrn veröffentlichen kann. Der wahre Irrsinn beginnt aber dort, wo man zu der Überzeugung gelangt, man habe auf all das zu reagieren.

Die kleine Tangowelt ist hierfür ein gutes Beispiel: Man kann täglich eine Menge dummes Zeug über unseren Tanz lesen. Ins Unglück würde der Weg führen, all das „widerlegen“ zu wollen – schon, weil es oft von tiefernst Gläubigen stammt, die man eh nicht umstimmen kann.

Daher stellt sich für mich nur die Alternative: ignorieren oder veralbern. Und mich so weit wie möglich aus verbissenen Debatten rauszuhalten.

„Man diskutiert nicht mit Leuten, die ihre Meinung ohnehin nicht ändern wollen.“ (Winston Churchill)

Quellen:

https://www.tagesspiegel.de/politik/er-lachte-mich-aus-kinderarztin-legt-nach-tv-streit-mit-merz-nach--rtl-dementiert-aussagen-teils-15994857.html

https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_101410990/kinderaerztin-bea-merscher-nach-merz-konfrontation-bin-keine-wut-aerztin-.html

https://www.bild.de/politik/inland/friedrich-merz-im-tv-kinderaerztin-nennt-kanzler-menschenverachtend-6a9082e1518a586e1855a9d6

https://www.gmx.net/magazine/politik/politische-talkshows/merz-empoert-kinderaerztin-weit-42659968

Kommentare

  1. Hallo Herr Riedl,
    als pensionierter Beamter und Privatversicherter lässt sich über die Gesundheits-„Reform“ natürlich entspannt philosophieren. Sie selbst werden deren Folgen kaum zu spüren bekommen. Wenn gesetzlich Versicherte länger auf Facharzttermine warten, während Privatpatienten weiterhin bevorzugt drankommen, betrifft Sie das ja nicht – Sie profitieren davon.
    Besonders bemerkenswert ist aber Ihre Vorstellung davon, wie Politiker mit Bürgern umgehen sollten. Eine alleinerziehende Kinderärztin hält dem Bundeskanzler die Folgen seiner Politik vor und erinnert ihn daran, wem er verpflichtet ist – und Sie meinen ernsthaft, Merz hätte sich mit einer solch „primitiven Argumentation“ gar nicht beschäftigen sollen?
    Genau diese Arroganz ist doch das Problem.
    Während Ärzte sich seit Tagen dagegen wehren, pauschal als „Nutznießer“ des Systems beschimpft zu werden, bedauern Sie offenbar vor allem, dass sich Merz überhaupt in die Niederungen einer Bürgerdiskussion begeben hat.
    Und dann nennen Sie ausgerechnet die BILD-Zeitung als Quelle für ein neutrales Urteil und erklären gleichzeitig, wie man mit Kritik umgehen sollte: ignorieren oder veralbern.
    So wie in Ihrem Blog?
    Applaus, Herr Riedl. Selten hat sich jemand so knapp selbst erklärt.
    Mit gar nicht so freundlichen Grüßen
    Sabine Heller
    Fachärztin für Innere Medizin, Oberärztin und Tango-Tänzerin

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    1. Liebe Frau Dr. Heller,
      dass man Sie im Internet als Oberärztin der Inneren Medizin nicht findet, kommt mir seltsam vor. Aber vielleicht können Sie mir noch einen entsprechenden Link zukommen lassen.
      Für meine Privilegien als Privatversicherter kann ich nichts – immerhin bin ich seit vielen Jahren Mitglied einer Partei, die das sehr gerne ändern möchte, aber keine Mehrheiten dafür findet.
      Ihre Argumentation zeigt genau das, was ich im Artikel kritisiert habe: Warum sachlich, wenn man auch die Person angehen kann?
      Diskussionen sind prima, wenn man nicht von vornherein dumm angeredet wird. Ich hätte jedenfalls dem Kanzler empfohlen, sich nicht darauf einzulassen.
      Daher verzichte ich auch auf eine Debatte mit Ihnen.
      Beste Grüße
      Gerhard Riedl

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    2. Ich habe mal ein wenig recherchiert: Die Kommentatorin ist mit Sicherheit keine Ärztin. In einem weiteren Beitrag spricht sie (oder er) vom „Hippokratischen Eid“. Hätte man tatsächlich ein abgeschlossenes Medizinstudium, müsste man wissen, dass der heute gar nicht mehr abgelegt wird. Wenn schon, bezieht man sich auf das „Genfer Gelöbnis“ (aus dem Jahr 1948) des Weltärztebundes:
      https://flexikon.doccheck.com/de/Genfer_%C3%84rztegel%C3%B6bnis
      Wenn man schon schwindelt, sollte man es intelligenter anfangen…

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  2. Hallo Herr Riedl,
    mit einigem Amüsement habe ich Ihren jüngsten Exkurs in die Untiefen der medialen Befindlichkeiten gelesen. Es ist immer wieder faszinierend zu beobachten, mit welcher kinetischen Energie Sie versuchen, sich als unbeteiligter Beobachter über das allgemeine „Rauschen“ zu erheben, nur um im nächsten Atemzug selbst im zirkulären Leerlauf der Meta-Kritik zu rotieren.Ihre Analyse leidet leider an einer eklatanten, inneren Dissonanz: Sie werfen dem Bundeskanzler vor, emotional auf die Palme zu klettern und Brandolinis Gesetz zu missachten – tun jedoch im Kommentarbereich exakt dasselbe. Anstatt die gesundheitspolitische Debatte an der ökonomischen Basis sachlich zu führen, verlegen Sie sich auf die rein ad-hominem geführte Demaskierung einer Kommentatorin. Warum eigentlich, wenn Ihnen die Sache angeblich so fernliegt? Zudem wirkt die intellektuelle Staffage Ihres Textes etwas spröde: Wer mit Begriffen wie „Brandolinis Gesetz“ hantiert, sollte sie nicht als bloßes Feigenblatt nutzen, um legitime Bürgerkritik vorab als „Dünnsinn“ abzubügeln. Das vermeintliche Churchill-Zitat ist überdies eine im Internet populäre Apokryphe – historische Evidenz besitzt es nicht. Wenn man schon den Bildungsbürger inszeniert, sollte man bei den Quellen sauberer sezieren.Nichts für ungut, aber Ihr Beitrag demaskiert sich am Ende als genau das, was er anprangert: Ein rhetorischer Scheingefechtsplatz ohne jeden therapeutischen Nutzen für die Realität.
    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. med. Rainer Lux
    Chefarzt der Inneren Medizin & Gastroenterologie

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    1. O Gott – kommen jetzt die ganzen falschen Doktoren?
      Das Problem ist nur: Ein wirklicher Chefarzt hätte Besseres zu tun als nach Mitternacht in Tangoblogs gescheit daherzureden.
      Trotzdem: netter Versuch…

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    2. Interessante Methode: Wenn einem die Argumente eines Kommentators nicht gefallen, erklärt man einfach den Kommentator für erfunden.
      Erst beweist die Formulierung „Hippokratischer Eid“ angeblich, dass jemand keine Ärztin sein könne. Nun beweist ein Kommentar um 00:37 Uhr, dass jemand kein Chefarzt sein könne.
      Das hat mit Recherche nichts zu tun. Es ist lediglich der Versuch, eine Person zu diskreditieren, damit man sich mit ihren Argumenten nicht beschäftigen muss.

      Michaela Deriu
      PS: Warum haben Sie eigentlich eine Kommentarspalte? Sammeln Sie vorgetäuschte Existenzen?

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    3. Manchmal könnte ich den Eindruck haben.
      Ich betreibe nun das Bloggen schon lange genug, um meistens ganz gut zwischen wahren und Fake-Namen unterscheiden zu können.
      Was die Identität negativer Kommentatoren angeht, werde ich angelogen, dass sich die Balken biegen.
      Praktisch niemand von denen benutzt die angebotene Möglichkeit, per Mail zu kommentieren. Klar, da müsste man sich einen Fake-Account anlegen – zu mühsam. Spuren im Internet sind bei solchen Existenzen nie zu finden. Einen Google-Account hat auch niemand.
      Lügner und Betrüger sollten dann nicht auch noch die Moral-Attitüde bemühen. Das ist wirklich lächerlich.

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