Was den Tango heute attraktiv macht

 

Anscheinend arbeiten sich Blogger-Kollegen immer noch an Tango-Stildebatten ab. 18 Leseminuten erfordert der neue Beitrag des Kollegen Wendel, der sich sehr fleißig mit der Frage beschäftigt, was denn ein „Milonguero“ sei, was ihn kennzeichne – nur weil vor einiger Zeit ein Spinner aus fernen Landen einen endlosen Diskurs darüber losgetreten hat, der inzwischen auf einem Nachbarblog zu über 130 Kommentaren geführt hat:

https://helgestangoblog.blogspot.com/2026/08/kurznotiz-48-tom-tabaczynsky.html

Was Klaus Wendel nun sehr ausführlich bietet, ist dennoch nicht uninteressant:

https://www.tangocompas.co/die-chimaere-tango-milonguero-wie-eine-soziale-erfahrung-zum-tanzstil-wurde/

Solche Abhandlungen transportieren aber die (für mich fragliche) Annahme, beim Tango gehe es heute in erster Linie ums Tanzen.

Altersbedingt werfe ich einen Blick zurück:

Als wir vor über einem Vierteljahrhundert mit diesem Tanz begannen, war die Szene viel kleiner als heute. Man traf sich an Orten, die man ohne das Interesse am Tango nie freiwillig betreten hätte. Eine schmalbrüstige Verstärkeranlage gab Laut, und irgendwo stand ein Kasten Apfelschorle herum. Wem es da nicht um Musik und Tanz ging, blieb meist nicht lange. Selbst ausführliche Gespräche waren schwierig, da die meisten auf der Tanzfläche waren (der Begriff „Parkett“ wäre übertrieben).

Heute dagegen hat sich der Tango, auch in Europa, zu einer ansehnlichen „Freizeit-Industrie“ gemausert. Man wirbt mit einer Unzahl von Verlockungen: Festivals, Tangoreisen, attraktive Begleitprogramme, Seminare aller Art, Urlaub, Speisen und Landschaft. Auch daheim kann man es kaum noch vermeiden, über Lehrer-Zelebritäten, ja Weltmeister (in irgendwas) zu stolpern und deren tänzerische Geheimnisse aufgedrängt zu kriegen – falls man die eher beträchtlichen Summen dafür abzudrücken vermag.

Mit weniger Zaster kann man sich immerhin noch an der einheimischen Unterrichts-Kreisliga bedienen, welche sich gerne zur tänzerischen Resteverwertung anbietet. (Bevor nun der nächste Anwaltsbrief angekündigt wird: Das ist kein Qualitätsurteil, sondern eine Markt-Betrachtung!)

Wen zieht es zum Tango? In unseren Anfangsjahren waren es vorwiegend Leute, die eh schon tanzen konnten. Warum es also nicht – nach den zehn Standard- und Lateinamerikanischen Tänzen, Folklore, Salsa und Wasauchimmer – mal mit Tango probieren? Manche – wie wir – waren dann fasziniert von den kreativen Möglichkeiten, die der neue Tanz bot, der musikalischen Vielfalt, die es zu „vertanzen“ galt. Nicht wenige infizierten sich so mit dem „Tangovirus“.

Exotik und Erotik sind sehr wirksame Verlockungen, die mit der Zeit immer mehr Interessenten anzogen. Die kamen aber eher aus der Abteilung der bisherigen Nichttänzer, die nun plötzlich alle Tango lernen wollten. Glücklicherweise konnte man zu diesem Zweck auf eine historische Form dieses Tanzes zurückgreifen, die in seinen Ursprungsländern bereits in den 1940er Jahren dabei half, mit dem Gedränge auf dem Parkett bei durchschnittlicher Begabung klarzukommen: das platzsparende Ocho cortado-Getrippel.

Haufenweise ließ man Argentinier einfliegen, die auf Wunsch – und gegen entsprechendes Honorar – gerne bestätigten, dies sei nun wirklich der „authentische“ Tango. Exponentiell wuchs die Szene durch die Erfindung eines geradezu sensationellen Begriffs: „traditionell“. Alles wurde nun zurückgeführt auf eine mehr als 70 Jahre alte Epoche, in welcher der Tango (in einer geografisch ziemlich umgrenzen Region) schon mal ein Massenphänomen war. Flugs wurde die Losung ausgegeben, man habe so zu tanzen wie damals – und zur historischen Musik. Alles andere sei sozusagen ein „Verrat“ an den heiligen Traditionen.

Gerne wird verschwiegen, dass der Tango in seinen Ursprungsländern zunächst heftig abgelehnt wurde. Erst, nachdem er – in seiner jeweils aktuellen Form – in anderen Teilen der Welt erfolgreich war, entdeckte man seinen Marktwert und wollte daran profitieren.

Ich glaube daher nicht, dass Musik und Tanz in den letzten zwei, drei Jahrzehnten den neuerlichen Hype des Tango ausgelöst haben. Eher, dass man sich als Teil von etwas Großem, ja Erhabenem fühlt. Dazu mit jenem Schuss Erotik, die in bürgerlichen Kreisen als noch tolerabel gilt.

Ähnlich entsteht ja das Gewese um irgendwelche Popstars wie derzeit Taylor Swift. Ich habe heute meine Frau (die hier anonym bleiben möchte) nach ihrer Einschätzung gefragt, welcher Anteil der Zuschauer solcher Auftritte wirklich die Gesangsqualität beurteilen könnten. Ihre Antwort: höchstens 5 Prozent.

Auch hier beruht der Masseneffekt auf dem Gefühl, an etwas Bedeutendem teilzunehmen. Zigtausende Besucher wollen eine bestimmte Sängerin erleben und löhnen dafür ein Schweinegeld. Diese Masse kann nicht irren!

Beim Tango ist der Zusammenhalt sogar noch größer: Viele eint ein bestimmter Ritus, der Glaube an die heilige Vierfaltigkeit der großen Orchester – und vor allem auch das Gemeinschaftserlebnis, das sich im Beachten der Regeln, dem Zelebrieren der Ronda-Prozession ausdrückt. Und Fingerfood ersetzt das Abendmahl.

Tanzen wird zum Erkennungszeichen, nicht zum Hauptzweck. Der Tango liefert das soziale Futter in einer Gesellschaft, in der die Zahl der Single-Haushalte inzwischen auf gut 40 Prozent gestiegen ist.

Ich glaube daher nicht, dass man dem Phänomen Tango vor allem über das Tänzerische näherkommt. Also sollte man als Tango-Lehrkraft nicht zu viel darüber nachdenken, was man genau unterrichtet. Viel wichtiger ist es, in Kursen eine soziale Wohlfühl-Atmosphäre zu schaffen. Und eine Abgrenzung von den „Ungläubigen“.

Und es kann auch Unfälle verhindern, wenn man Menschen mit Bewegungsproblemen von der Straße kriegt…

Illustration: www.tangofish.de

Kommentare

  1. Lieber Herr Riedl,
    Ihre Grundaussage war hier also : "Vielleicht muss man ihnen gar nicht besonders gut Tanzen beibringen; Hauptsache, sie fühlen sich wohl."
    Das ist eine erstaunliche Aussage für jemanden, der gleichzeitig seit Jahren die Qualität des Tangounterrichts kritisiert.
    Mit freundlichen Grüßen
    Holger Siebert

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    1. Das ist vor allem die Aussage von jemandem, der allmählich resigniert...

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