Ein Gastbeitrag von Tom Tabaczynski

Kürzlich kam ich in Kontakt mit dem Autor, der mir eine Besprechung seiner beiden Bücher anbot. Da Englisch nicht meine Muttersprache ist, schlug ich ihm stattdessen einen Gastbeitrag vor, in dem er seine Ideen zum Tango vorstellen kann.

Ich wünsche eine lehrreiche Lektüre:

Tango Milonguero lässt sich nicht unterrichten. Was ist die Alternative?

Vorwarnung: Tangolehrer und ihre Bewunderer werden das Folgende als höchst provokant empfinden!

Nachdem ich auf den Milonguero-Milongas im Zentrum von Buenos Aires getanzt hatte, etwa auf der Milonga Parakultural im Salón Canning, kam ich zu folgender Überzeugung: Was dort getanzt wird, lässt sich nicht unterrichten, und was unterrichtet wird, ist nicht das, was dort getanzt wird.

Mehrere Erfahrungen haben diese Ansicht bestätigt:

Ein Lehrer in Buenos Aires, der den Tangoschritt und die großen Figuren in offener Umarmung unterrichtet, tanzte im Salón Canning kompakten Tango Milonguero in enger Umarmung. Zwischen seinem Unterricht und seinem eigenen Tanzen bestand kein Zusammenhang, und er unternahm keinen Versuch, den Widerspruch zu erklären. Auf seiner Facebook-Seite war zu sehen, dass er zum Unterrichten nach Europa reist.

Lehrer des Tango Milonguero außerhalb von Buenos Aires tanzen überaktiv, unkontrolliert und raumgreifend, nicht anders als die Vertreter der übrigen Stile.

Frauen, die Kurse in enger Umarmung belegt hatten, hängten mir ihr Gewicht an und tanzten ebenso mechanisch und reaktionslos wie Frauen aus den anderen Stilen, teilweise sogar schlechter.

Videos von Tango-Milonguero-Encuentros in Europa und den USA zeigen nichts von der Bewegungsfreiheit, die man auf den Milongas im Zentrum von Buenos Aires sieht.

Die Analyse von Videos von Pedro Tete" Rusconi, einem der wichtigsten Lehrer des Tango Milonguero, ergab, dass seine Unterrichtsvideos seinem tatsächlichen Tanzen in nichts ähneln.

Meine eigenen Versuche, die enge Umarmung mit verschiedenen Methoden zu unterrichten, führten durchweg zu enttäuschenden Ergebnissen: verspanntes, schwerfälliges Tanzen, das mit dem, was ich in Buenos Aires gesehen und erlebt habe, nichts zu tun hat.

Ich kam zu der Auffassung, dass etwas grundlegend nicht stimmt, wenn Tango Milonguero in enger Umarmung als eine Art Premiumtechnik unterrichtet wird, die aus nur Gehen" und Abrazo" besteht, nachdem die Schüler zuvor die übliche Ausbildung im Tangoschritt, im Paso básico, im Ocho und so weiter durchlaufen haben. Diesen Schülern wurden dysfunktionale Vorstellungen vom Tanzen vermittelt, und diese Vorstellungen tragen sie nun in die enge Umarmung hinein.

Also habe ich nach Alternativen gesucht und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass die somatische Bewegungspädagogik, also Feldenkrais-Methode und Contact Improvisation, die Bewegung, die man auf den Milongas im Zentrum sieht, besser beschreibt, und dass sich diese Bewegung radikal von dem unterscheidet, was im Tanzunterricht gelehrt wird.

Damit stellen sich zwei Fragen. Wie haben die Tanzenden in Buenos Aires diese Bewegung gelernt? Und lässt sie sich im Unterricht lernen?

Sie haben sie nicht im Unterricht gelernt, und sie lässt sich dort auch nicht lernen. Es gab Versuche, die Feldenkrais-Methode für den Tango zu unterrichten. Das ist aber kein Tangounterricht, das ist somatischer Bewegungsunterricht.

Das Problem beginnt mit der Vorstellung, es gebe eine besondere Bewegung, etwa den Tangoschritt, die einzig dem Tango eigen ist und die sich unterrichten lässt. Diese Bewegung gibt es nicht.

Was man auf den Milongas im Zentrum sieht, sind Tänzer, die sich an eine volle Tanzfläche anpassen. Sie drehen auf der Stelle und rücken dann in der Ronda auf den nächsten freiwerdenden Platz vor. Mehr ist es nicht.

Dieser Tango lässt sich also nur erlernen, indem man im natürlichen Kontext der vollen Milonga tanzt. Der Kontext unterrichtet.

Um das systematisch und wissenschaftlich belegt zu begründen, habe ich „Somatic Milonguero“ geschrieben. Naiv, wie ich war, schickte ich Exemplare an Lehrer, die von sich sagen, sie unterrichteten Tango Milonguero. Ich nahm an, sie würden sich auf das Argument einlassen.

Zurück kam durchweg entweder Schweigen oder: „Für wen ist das gedacht?", Wie soll ich das meinen Schülern beibringen?" und Ein bisschen Unterricht braucht man trotzdem."

Angesichts der Gleichförmigkeit dieser Reaktionen halte ich es für ausgeschlossen, dass wir es hier mit Menschen zu tun haben, denen es um das Tanzen geht und die lieber tanzen als unterrichten würden. Diesen Leuten geht es in erster Linie um das Unterrichten.

Wir haben es mit einer Sucht zu tun. Nicht mit einer Sucht nach dem Tangotanzen, sondern mit einer Sucht nach dem Tangounterrichten.

Wenn diese Leute damit viel Geld verdienen würden, wäre es nachvollziehbar. Stattdessen scheinen sie süchtig nach der Beziehung zu sein, die sie zu ihren Schülern haben. Sie stehen in einer ungesunden, symbiotischen Beziehung zu ihren Schülern und wollen sie nicht loslassen.

Bei den jüngsten Diskussionen in den Tango-Gruppen auf Facebook sehe ich, dass ich nicht der Einzige bin, dem auffällt, dass Milongas und Milonguero-Encuentros von den Lehrern faktisch stranguliert werden. Das wäre kein Problem, wären diese Leute nicht die Torwächter, die den Milongas ihr Publikum liefern. Die Online-Diskussionen umkreisen die Sache und deuten auf das Problem, vermeiden aber die klare Aussage, dass die Lehrer das Problem sind.

Vor Kurzem las ich eine Meldung über Ryan Breslow, den Vorstandschef eines Fintech-Unternehmens. Er sagte: Wir hatten eine Personalabteilung, und diese Personalabteilung schuf Probleme, die es gar nicht gab. Diese Probleme verschwanden, als ich sie entlassen habe."

Das ist im Kern mein Argument. Entlasst die Lehrer, dann verschwinden die Probleme, und wir könnten uns alle auf das Tanzen konzentrieren statt auf das endlose Händeringen.

Wenn man die Lehrer entlässt: Woher kommen dann die Tänzer für die Milongas?

Um genau das zu beantworten, habe ich ein zweites Buch geschrieben, Tango Unplugged. Es erklärt das Problem des Unterrichtssystems ohne Rücksicht und ohne Beschönigung. Ich zeige darin, dass das gesamte System aus Schritten, Figuren, Techniken und Stilen ausschließlich von und für das Unterrichtssystem entworfen wurde. Danach untersuche ich die Ökonomie und das Marketing des Tango und stelle die grundlegende Frage, vor der wir stehen: Verkaufen wir den Tangounterricht, oder verkaufen wir die Milonga?

Worin besteht das eigentliche Wertversprechen des Tango?

Ökonomisch gilt: Man bekommt mehr von dem, wofür man Anreize setzt. Wer im Geschäft mit Tangostunden ist, hat also einen Anreiz, mehr zu unterrichten als das notwendige Minimum. Schulen im Allgemeinen und Tangolehrer im Besonderen unterrichten routinemäßig zu viel. Sie vermitteln Dinge, die nicht nur überflüssig, sondern dysfunktional und kontraproduktiv sind. Und sie verschieben das eigentliche Lernen, das nur auf der sozialen Tanzfläche stattfinden kann.

Ein wenig Unterricht kann nützlich sein, eine Handvoll Bewegungen in einer Handvoll Stunden. Alles, was danach kommt, macht die Sache schlechter.

Sola dosis facit venenum: Allein die Dosis macht das Gift.

Als ich das einem unterrichtskritischen Lehrer des Tango Milonguero sagte, bekam ich säckeweise Text zur Antwort, die im Kern lautete: Woher willst du wissen, wann es genug ist und wann zu viel?

Genau darum geht es.

Das kann man nur wissen, wenn man den Unterricht direkt an die Milonga koppelt und die Milonga monetarisiert statt des Unterrichts. Man muss die Anreize ändern.

Damit das funktioniert, müssen sich die Milongas vom Unterricht als Eintrittstor lösen. Sie brauchen eine eigene Anwerbung und einen eigenen Einstieg in den Tango, außerhalb des Systems lehrergeführter Kurse. Das heißt: Wir bringen die Leute so schnell wie möglich auf eine volle soziale Tanzfläche, und die übernimmt das Unterrichten.

Genau das haben die Milongas im Zentrum von Buenos Aires, was die Milongas anderswo nicht haben. Ein Anwerbe- und Einstiegssystem, das von den Lehrern unabhängig ist. Und sie haben die vollen Tanzflächen, die das eigentliche Unterrichten übernehmen.

Notwendig ist ein Vermarktungssystem für die Milonga, das ohne Lehrer als Torwächter auskommt. Genau das schlage ich in „Tango Unplugged“ vor.

Beide Bücher sind auf Englisch und in meinem Onlineshop shop.unpluggedtango.com erhältlich. Meine Artikel finden sich auf unpluggedtango.com. Eine erweiterte Neuausgabe von Tango Unplugged erscheint in den kommenden Wochen.

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Ich bedanke mich ganz herzlich beim Autor für diesen Gastbeitrag! Er dürfte zu heftigen Diskussionen führen. Aber das war wohl beabsichtigt...

"Tango Farm" * www.tangofish.de

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