Machen müssen, was sie wollen

„Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung“ (Friedrich Schiller)

Die Fürther Tangolehrerin und Veranstalterin Steffi Stenzel ist wieder schwer emanzipatorisch unterwegs. Auf Facebook stellt sie „eine Frage an den Paartanz: Ist Folgen genau so viel wert wie Führen?“

Da komme ich schon ins Grübeln: Ich glaube nicht, dass der Paartanz antworten wird. Höchstens Paartänzer. Und: Muss Tanzen – jedenfalls für Laien – überhaupt etwas „wert“ sein? Für mich ist es einfach eine tolle Art, sich ohne einen konkreten Sinn und Zweck zur Musik zu bewegen. Punkt.

Klar, wir wissen schon, was Steffi meint: Im Zentrum der tänzerischen Aktivität steht oft immer noch der Mann. Sie zitiert Sätze wie

·       „Stellt sie auf den rechten Fuß.“

·       „Kontrolliert die Balance im Paar.“

·       „Wie steuere ich ihre Schrittgröße?“

·       „Wie bringe ich sie in den nächsten Schritt?“

Völlig zu Recht meint die Tangolehrerin: „Wenn einer trägt und die andere getragen wird, ist das keine Partnerschaft. Es ist ein Transportmittel. (…) Die folgende Person ist ein eigenständiger Mensch – voll verantwortlich für die eigene Achse, Dynamik und den eigenen Ausdruck. Nicht, weil du sie im Stich lässt, sondern weil sie nie getragen werden musste.“

In den zirka 70 Kommentaren ist der Jubel allumfassend. Tango, so hat man den Eindruck, marschiert an der Spitze emanzipatorischer Befreiung! Auch die Männer schwören es mit einer Hand hinter dem Rücken. Man muss heute aufpassen, was man sagt, um sich keinen „Lysistrata-Boykott“ einzufangen!

Quelle: https://www.facebook.com/stefanie.stenzel.75/posts/pfbid0YibDFJenM6LsHqPsDgkpLVjJuWwvQRh1DjahwKPzteVjxYNPfp6n7jJoh1wtRTYxl

Schade, das man davon auf dem Milonga-Parkett so wenig sieht. Die tänzerische Initiative – falls man das anspruchsvolle Wort überhaupt gebrauchen sollte – geht weiterhin fast ausschließlich vom Männe aus.

Immer wieder lese ich, dass die Frau sich im Tanz ganz „hingeben“ könne:

„Anders im Tango: Hier können Frauen wieder ganz Frau sein, sich führen lassen und genießen.“

https://www.tangomonrose.de/tango-tanzlehrer-in-ulm

Ja, was’n jetzt?

Was ich bei Betrachtung des Parketts jedenfalls immer wieder vermisse, ist die konzentrierte Wachheit beider Partner, die Reaktion auf Originelles und Ungewohntes. Ob bei vertikalen oder horizontalen paarweisen Aktivitäten: Man weiß eh, was kommt, und ist daher wenig begeistert.

Dazu bietet auch die Musik meist nur schon hundertmal Gehörtes. Dann passt alles zusammen!

Ich habe vor über 8 Jahren ein Konzept der Tanzprofis Trevor Copp und Jeff Fox vorgestellt, das sich „Liquid Lead“ nennt. Dazu habe ich den Text eines Vortrags der beiden übersetzt – das Video gibt es heute noch: „Gesellschaftstanz, der die Geschlechterrollen durchbricht“.

Die viertelstündige Demo hat damals meine Sicht auf den Gesellschaftstanz verändert: Wichtig ist nicht, wie die Rollen geschlechtlich verteilt sind, sondern ob die strenge Rollenverteilung überhaupt zeitgemäß ist.

Ich habe damals aus dem Vortrag zitiert:

Man hat nicht nur Tanzen gelernt, man hat den Inbegriff des Mannes und der Frau eingeübt. Es ist ein Relikt. Und Relikte wirft man nicht weg, aber man muss wissen: Das ist Vergangenheit. Es ist nicht die Gegenwart. Es ist wie bei Shakespeare: Respekt, Wiederbelebung – großartig. Aber das ist Geschichte. Das repräsentiert nicht unsere heutige Denkweise.“

„Wir wollen das aus einer ganz anderen Perspektive betrachten. Was, wenn wir das Prinzip von Führen und Folgen beibehalten, aber die Idee von den Geschlechterrollen über Bord werfen? Was, wenn wir zudem die Partner führen und folgen lassen und dann diese Rollen tauschen? Und dann wieder zurücktauschen? Was, wenn es wie ein Gespräch sein könnte, jeder hört abwechselnd zu und spricht, wie im realen Leben? Was, wenn wir so tanzen könnten? Wir nennen es ‚Liquid Lead Dancing‘ (flüssige Führung).“ 

https://www.youtube.com/watch?v=_mq-HqRnngc

Näheres in meiner Besprechung des Videos:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2018/02/liquid-lead-flussige-fuhrung.html

Gerade im Tango orientieren wir uns an längst überholten gesellschaftlichen Vorstellungen. Wir tanzen so, wie man vor 90 Jahren gedacht hat. Und zu einer ebenso alten Musik.

Ich überlege auf dem Parkett nicht mehr, was die Partnerin zu tun hat. Im Gegenteil bin ich froh, wenn ihr etwas einfällt, das mir gar nicht in den Sinn gekommen wäre. Das tanze ich dann gerne mit!

Im Idealfall heben sich die Begriffe „Führen“ und „Folgen“ auf. Beide tanzen und versuchen, ihre Bewegungen aufeinander abzustimmen.

Es ist wie in einem Gespräch: Beide reden mal, fragen und antworten wechselseitig. Das kann quantitativ unterschiedlich ausfallen. Monologe aber sind öde!

Nichts bringt den Stresslevel so schnell herunter als der Satz, den ich gerade Anfängerinnen gegenüber häufig einsetze:

„Mach, was du meinst – ich tanze es dann mit.“

Auf die Dauer gefällt das nicht jeder.

Um einen alten Kinderwitz zu ventilieren: Ich fürchte, bald werden sich beim Tango viele Frauen mit der Frage beschweren: „Müssen wir heute schon wieder tanzen, was wir wollen?“ 

Kommentare

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