Schaut auf diese Stadt?
Man sollte nicht behaupten, den Berlinern stehe das Wasser bis zum Hals. Letzten Freitag war im „Volksbad“ (einem theatereigenen Swimming Pool der Volksbühne) sogar Baden verboten.
Stattdessen haben nun die Theaterleute ein großes Transparent aufgestellt; „Fickt euch!“ war da zu lesen – politische Argumentation nach Hauptstadt-Art.
Am letzten Freitag hatte man ein Event der besonderen Delikatesse vor: Einen Schwimmtag nur für farbige (also schwarze) Kinder, veranstaltet in Zusammenarbeit mit dem Verein „Each one teach one“. Weiße hatten draußen zu bleiben.
Völlig unerwartet führte das zu heftigen Angriffen aus dem rechten politischen Spektrum. Daher die kurzfristige Absage: Die „physische und psychische Sicherheit“ der Teilnehmenden sei nicht zu gewährleisten. „Gestern waren vor dem Haus 20 rechte Blogger. Wir hatten schlicht und einfach Angst, dass 14-jährige schwarze Kinder durch ein Spalier von Leuten gehen müssen, die ihnen nicht freundlich gesonnen sind – und das würde Traumatisierungen schaffen, die niemand will." So der Volksbühnen-Intendant Matthias Lilienthal. Man denke inzwischen darüber nach, ob man das nicht besser hätte kommunizieren sollen. Noch besser wäre gewesen, vorher nachzudenken.
Auf linksgrüner Seite war die Empörung groß:
„Dass die Absage wegen Sicherheitsbedenken erfolgen musste und das gemeinsame Schwimmen für schwarze Kinder und Jugendliche im Volksbad nun ausfällt, zeigt, wie sehr Hass und Hetze um sich greifen“, sagte Linke-Spitzenkandidatin Elif Eralp. Und ihr Kollege von den Grünen, Werner Graf, sprach von einem „Skandal“: „Das ist für unsere gesamte Stadt beschämend und das Gegenteil dessen, wofür Berlin als Stadt der Freiheit steht. „Rechtsextremismus und Rassismus die Stirn zu bieten und sich als Politik klar hinter die Menschen und hinter solche Orte zu stellen, ist jetzt dringend notwendig.“
Die anderen Parteien hielten sich eher zurück.
Am Rande sei erwähnt, dass eine solche Regelung verfassungswidrig sein dürfte: Diskriminierung bezieht sich ja im Extremfall auch auf Weiße. Spätestens beim Bundesverfassungsgericht hätte man sich wohl eine Schlappe geholt.
Ich weiß auch nicht, wie man auf die Kateridee kommen kann, Ausgrenzungen aller Art könnten das Miteinander fördern. Manchmal habe ich den Eindruck, in Berlin kämpfe man an Grenzen, die eher der Schwachsinn als die Vernunft zieht. Das scheint Spinner aller Art in die Bundeshauptstadt zu locken.
Der Ex-Grüne Boris Palmer wurde einst viel für seinen Satz gescholten: „Vorsicht, Sie verlassen den funktionierenden Teil Deutschlands“. Inzwischen ist sein Appell nicht nur auf diese Stadt anwendbar.
Man diskutiert über diskriminierungsfreies Schwimmen und „oben ohne“ für alle am Planschbecken. Und der Bürgermeister geht zum Tennis, während der Strom ausfällt.
Wehmütig denkt man da an die Luftbrücke zurück, mit der die Alliierten fast ein Jahr lang (von 1948 bis 1949) die Versorgung der Westberliner Bevölkerung übernahmen.
Legendär ist die Ansprache des Regierenden Bürgermeisters Ernst Reuter:
„Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt!“
https://www.berlin.de/geschichte/8481767-3689745-ernst-reuters-rede-am-9-september-1948-v.html
https://www.youtube.com/watch?v=i2QuGgWSFss
Innerhalb eines knappen halben Jahrs stand die Luftbrücke – der Bau des neuen Flughafens dauerte aktuell rund 14 Jahre.
„Schaut auf diese Stadt“? Nein, muss nicht mehr sein…
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