Freundliche Übernahmen

Der amerikanische Autor Tom Tabaczynski hat die hiesige Tangoblogger-Szene kräftig durcheinandergewirbelt. Nachdem Klaus Wendel zunächst für eine (hoffentlich wohlwollende) Besprechung dessen Tangobuchs vorgesehen war, veröffentlicht er nun einen Negativ-Artikel nach dem anderen über dieses Werk. Parole: „Spart euch dieses Buch!“

https://www.tangocompas.co/spart-euch-dieses-buch/

Es verwundert nicht, dass ich zunächst mal wieder an allem schuld war. Kompagnon Helge Schütt jedenfalls meinte: „Nachdem der bekannte Tango Blogger Gerhard Riedl seit vielen Jahren betont, wie wichtig es für ihn ist, beim Tanzen möglichst viel freien Raum zu haben, hat er nun auf seinem Blog einen Artikel veröffentlicht, in dem das genaue Gegenteil beschrieben wird.“

Wahr ist: Nachdem Tabaczynski mit Wendel nicht einig wurde, wollte er unbedingt eine Rezension aus meiner Feder. Ich habe das abgelehnt, weil es nicht zu meinen Kernkompetenzen gehört, englischsprachige Werke zu besprechen, und bot dem Autor stattdessen einen Gastbeitrag auf meinem Blog an. Den gab es auch (siehe oberer Link). Bei solchen Artikeln mische ich mich inhaltlich nicht ein, was Helge offenbar irritierte.

Na gut, inzwischen gibt es – in vielen Kommentaren – eine eindrucksvolle Klopperei zwischen Wendel, Schütt und Tabaczynski. Interessant, dass Letzterer den Tonfall jetzt drastisch geändert hat und sich nun als der knallharte Ideologe präsentiert, welcher er wohl auch ist:

Wendels Besprechung sei eine „Ladung Müll“. Tabaczynski suche nach „objektiven und intelligenten Rezensenten“, die keinen „völligen Unsinn“ schrieben.

Klaus Wendel kontert: „Eine Theorie gewinnt nicht an Stichhaltigkeit, wenn man Menschen, die ihr widersprechen, als unintelligent, psychisch gestört oder in anderer Weise mangelhaft bezeichnet.“

Das freut mich zu lesen…

Wem sowas Spaß macht, hier die komplette Debatte:

https://helgestangoblog.blogspot.com/2026/08/kurznotiz-48-tom-tabaczynsky.html#comments

Mir geht es um ein Muster freundlicher Übernahmen", das ich aus vielen Jahren Tango bestens kenne: Man gibt sich zunächst nett und harmlos, macht sich beliebt, hilft beim Organisieren und bringt Nudelsalat mit. Hat man sich dann unentbehrlich gemacht, geht man dazu über, seine Linie knallhart durchzusetzen. So kann man ganze lokale Tangoszenen „umdrehen“.

Ich habe diesen Effekt mehrfach an konkreten Beispielen beschrieben.

Eine besonders schöne Geschichte ereignete sich vor vielen Jahren an Silvester: Nach einer weiten Anfahrt zu einer Milonga mussten wir feststellen, dass dort nicht, wie angekündigt, die Veranstalterin und DJane eine eher moderne Mischung auflegte, sondern sie ein knallhart Konservativer vertrat, der sich der Chefin angedient hatte: Sie habe doch so viel um die Ohren – er könne sie gerne von der Last des Auflegens befreien! Folge: Für uns ein vertaner Abend, wir fuhren alsbald wieder nach Hause.

Ich schrieb damals:

„Die gespenstische Wandlung, die sich derzeit im Tango hierzulande vollzieht, wurde uns gestern wieder einmal deutlich vor Augen geführt. Verglichen mit früheren Milongas hat sich die Besucherzahl mehr als verdoppelt, aber auch qualitativ verändert. Es herrschte eine Atmosphäre, die zwischen ‚Silvesterball des Rotary-Clubs‘ und ‚Einquartierung von zwei Rentnerbussen im Pfarrsaal nach Steckenbleiben am Irschenberg‘ lag. Wahrlich, die einstige Szene eigenwilliger, unangepasster ‚Freaks‘ ist erwachsen geworden. Ich aber nicht – o je, was mach‘ ich bloß?“    

https://milongafuehrer.blogspot.com/2015/01/das-hort-ja-gut-auf.html

Ganz aktuell hat man es in einer bayerischen Großstadt offenbar geschafft, die letzte Milonga mit undogmatischem Musikprogramm auf „Kurs“ zu bringen: Der Veranstalter, so hörte ich, musste passen: Modernere Klänge seien dort nicht mehr vermittelbar…

Ich melde starke Zweifel an, ob das stimmt. Ich kenne in unserem Umfeld durchaus gut besuchte Milongas, auf denen man noch vielfältige Musik bietet, wo man die herrschenden „Códigos“ locker sieht. Wahr ist allerdings: Man muss zu seinem Konzept stehen und darf sich weder einschüchtern noch „freundlich vereinnahmen“ lassen.

Die Strategie ist uralt und wurde schon beim „Trojanischen Pferd“ erfolgreich angewandt: Aus dem Geschenk steigen irgendwann die Krieger aus. https://de.wikipedia.org/wiki/Trojanisches_Pferd

Dieses Konzept probiert die AfD übrigens sehr erfolgreich vor allem in den ostdeutschen Ländern: Man zieht in die abgelegenen Dörfer, wohin sich seit langer Zeit kaum ein Politiker der „Altparteien“ verirrt hat, veranstaltet Grillfeste und andere Attraktionen. Auf die Bockwurst gibt es dann rechten Senf. Das Publikum schluckt begeistert alles, ist froh, dass sich mal jemand „kümmert“.

In der Tangoszene organisiert man „Festivals“ mit Büfett und Livemusik. Als Beilage serviert man Museumsmusik, Kurse, Códigos und andere Tango-Ideologie.

Wie ich sehe, debattiert man auf Helges Blog unentwegt weiter – in derzeit 39 Kommentaren. Der liebe Tom wird sich über so viel Publicity freuen!

Jedenfalls bin ich froh, den amerikanischen Tangoprediger mit dem Angebot eines Gastbeitrags ruhiggestellt zu haben. Derzeit fliegen die Kugeln mal in andere Richtungen.

Wie schön!

Dann auf zu Bier und Politik:

https://www.youtube.com/watch?v=kgmBRff8h74

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Kommentare

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