Auf zur musikalischen Toleranz!

„Über Musikgeschmack lässt sich nicht herrschen!“ behauptet Klaus Wendel in seinem neuesten Artikel. Das lässt hoffen.

Schön finde ich, dass der Autor diesmal nicht wieder mich als Titelbild verwende(l)t, sondern das Porträt eines übergewichtigen Paars auf einem Weihnachtsmarkt. Nun, wir haben einen heißen August, da tut ein wenig Abkühlung gut!

Unter Verwendung einer Überdosis Weichspüler verbreitet Wendel derartig viel Toleranz, dass nicht mal André Rieu ihn zu bösen Worten bewegen kann. 

Der Autor belehrt uns über die erhebende Kraft der Musik: Jeder Tyrann könne eine Stadt zerstören, aber nie eine Beethoven-Sinfonie schreiben. Allerdings, so meine ich, kann er langweilig auflegen. Sicher, Musik vermag die Menschen glücklich zu machen – vor allem, wenn man sie ihnen nicht aufzwingt.

In der Vergangenheit hat Wendel immer wieder bekannt, gerade beim Tango nuevo sehe man oft nur „Bewegung, während Musik läuft“ (einer seiner Lieblings-Gags).

Nun plötzlich reibe ich mir die Augen, wenn ich lese:

„Außerordentlich dumm wird es jedoch, wenn aus Musikgeschmack ein Kulturkampf gemacht wird. Dann werden Menschen aufgrund ihrer Vorlieben in Lager einsortiert: hier die angeblich traditionsbewussten und musikalisch gebildeten Tänzer, dort die vermeintlich oberflächlichen, modernen oder ahnungslosen. Aus einer persönlichen Vorliebe wird eine Weltanschauung, aus einer Playlist ein Gesinnungsnachweis. Wer andere Musik hört, hat angeblich nicht nur einen anderen Geschmack, sondern den Tango grundsätzlich nicht verstanden.“

Die Behauptung, der andere habe etwas „nicht verstanden“, ist das Lieblingsargument, wenn Männer streiten. Selber habe ich es nie verwendet, weil es meist nicht mehr als ein törichter Spruch ist. Ich mag nicht mehr zählen, wie oft es mir von anderen draufgedrückt wurde.

Eine kleine Auswahl:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2025/10/wer-was-warum-nicht-versteht.html

Sollen wir hoffen, dass Wendel das böse Wort nie mehr verwendet?

„Musikalische Vorlieben lassen sich nicht von oben herab verordnen.“ Den Satz sollte man Veranstaltern ins Poesiealbum schreiben!

Die Behauptung, die Tangoszene habe sich längst musikalisch „ausdifferenziert“, verursacht bei mir inzwischen Übelkeit. In sicherlich 90 Prozent der Milongas hierzulande wird der ewig ähnliche traditionelle Salat serviert. Erst neulich hörte ich von Gästen aus einer bayerischen Stadt mit zirka 150000 Einwohnern, andere als traditionelle Musik sei dort nicht mehr vermittelbar – so die Information der letzten Veranstalter, die dort früher ein bunteres Programm boten. Auch in der Landeshauptstadt ist das Angebot ähnlich „vielfältig“.

Ein paar Zeilen darunter kommen wir schon zur Einschränkung: „Für den Tanz genügt es nicht, eine Musik lediglich zu mögen. Man muss auch verstehen, was in ihr geschieht.“

Ich finde, man muss gar nix „verstehen“, falls einem der intuitive Zugang zur Musik nicht durch Schritteverkäufer abtrainiert wurde! Und damit landen wir halt erneut beim „bösen Wort“: Wer anders tanzt, hat’s mal wieder „nicht verstanden“

Tango wird als „Gehirngekribbel“ vertickt – die Folgen kann man auf jeder Milonga bestaunen.

Der Kollege hat natürlich recht, wenn er schreibt: „Ein Tanz, der zu sehr unterschiedlichen Stücken nahezu gleich aussieht, der Bewegungsfolgen unabhängig von Rhythmus und Phrasierung abspult oder die musikalische Dynamik weitgehend ignoriert, darf als unmusikalisch bezeichnet werden.“

Insofern haben heute viele Veranstaltungen eine geniale Lösung parat: Man spielt vorwiegend sehr ähnliche Musik, dann kann man auch immer wieder fast gleich dazu tanzen!

„Unterschiedliche Interpretationen sind möglich, aber irgendeine erkennbare Beziehung zur Musik muss vorhanden sein.“ Halten zu Gnaden, aber so schlimm ist es doch wirklich nicht, dass viele fast völlig an der Musik vorbeitanzen! Das trifft noch am ehesten auf Tango-Lehrkräfte zu, die den ganzen Abend ihren Hintern nicht vom Stuhl wegbewegen.

Wie bei Wendel üblich, kommen wir nun noch zum Nachtrag:

Ich finde es gruselig, dass darin wieder mal Begriffe wie „mein gutes Recht“ auftauchen – juristische Prosa aus der „überhängende Kirschbaumzweige-Fraktion“.

„Wer Piazzolla nicht als Tanzmusik mag, ist deshalb kein musikalischer Hinterwäldler. Wer zu Piazzolla tanzt, ist umgekehrt kein Verräter an der Tradition.“ Prima, auf diese Sätze hätte man sich schon vor 15 Jahren einigen können. Stattdessen wurde in der Szene  nicht von Wendel  lange Jahre die Behauptung verbreitet, Piazzollas Musik sei „untanzbar“. Inzwischen lese ich solche Behauptungen kaum noch.

Und klar: Menschen, die andere Musik mögen, sind weder minderwertig noch dumm oder falsch. Ich habe mich nur immer wieder dagegen gewehrt, wenn sie eine Vorbildfunktion beanspruchten, erklärten, warum nur ihre Tanzweise die richtige, ja einzig erlaubte sei.

Alles in allem also ein Artikel, dem ich in vieler Hinsicht zustimmen kann. Ob Wendel bei dieser toleranten Linie bleibt, wird sich zeigen. Irgendwie habe ich beim Lesen den Eindruck: Andere Geschmäcker sind schon erlaubt, wenn sie den Vorgaben entsprechen…

Von Kurt Tucholsky stammt die Einsicht:

„Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht hat.“

Na, da ist der Kollege doch über jeden Verdacht erhaben!

P.S. Lassen wir nun noch den legendären Gerhard Polt erklären, was er unter „Toleranz“ versteht! Jenseits des Mains sollte man die Untertitel beachten:

 

https://www.youtube.com/watch?v=-pJA5mbtkUo

P.S. Auf die Beschwerde von Klaus Wendel hin habe ich einige Formulierungen geändert. Insbesondere hat er nie behauptet, Piazzollas Musik sei „untanzbar". Allerdings war diese Behauptung bis vor einigen Jahren in der konservativen Tangoszene weit verbreitet. In einem früheren Artikel schreibt Wendel: „Diese Voraushörbarkeit fehlt bei vielen Stücken von Piazzolla – was sie für viele Tänzer:innen ungeeignet macht. Kommt dann noch der schwierige 3-3-2-Rhythmus dazu, reißt die Verbindung zur Musik schnell ab. Und das sorgt – vorsichtig ausgedrückt – für keine guten Tanzgefühle."

https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-10-teil-3/

Und auch André Rieu sieht er nicht unkritisch, bleibt in seinem Urteil aber erstaunlich mild.

Eingangs schreibt Wendel: „Mir ist in letzter Zeit aufgefallen, wie viel Energie man damit vergeuden kann, sich mit Menschen, Texten und Debatten zu beschäftigen, die einen ärgern.“ Da ist er gerade wieder voll dabei… 

Kommentare

  1. Der Autor hat nun einen Kommentar zu meinem Artikel verfasst, in dem er mich heftig kritisiert. Was ihn genau stört, lässt er offen. Zitate jedenfalls bringt er keine. Im Gegensatz zu mir…
    https://www.tangocompas.co/ueber-musikgeschmack-laesst-sich-nicht-herrschen/

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