Nicht für die Schule lernen wir

„Non scholae, sed vitae discimus“ (Seneca)

Vor einem Monat habe ich die Buchwerbung des Autors Tom Tabachynski besprochen – mit leicht satirischem Einschlag:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/07/unplugged-tango.html

Inzwischen haben seine Thesen ziemlich hohe Wellen erzeugt. Der Verfasser hatte sich wegen einer Buchrezension (vor mir) an den Kollegen Wendel gewandt, doch offenbar wurden sich die Herren nicht einig, worauf Tabaczynski sein Angebot einer Besprechung durch diesen zurückzog.

Das hat Klaus nicht daran gehindert, mit einem sehr ausführlichen und kritischen Artikel auf die Thesen des Autors zu reagieren. Es kam zwischen beiden zu einer längeren Debatte:

https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-63-teil/

Ich löste das Problem relativ einfach: Da Tabachynski schon einige Kritik von mir ertragen musste, gab ich ihm Gelegenheit, seine Thesen auf meinem Blog als Gastbeitrag vorzustellen  unkommentiert:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/08/ein-gastbeitrag-von-tom-tabaczynski.html

Das wiederum löste nun beim Blogger-Kollegen Helge Schütt große Irritationen aus: Wie ich dazu käme, Ideen zu veröffentlichen, die ich ablehne? Na ja – vielleicht, weil ich Gastautoren stets eine eigene Meinung zubillige, sofern der Tonfall einigermaßen gesittet bleibt?

https://helgestangoblog.blogspot.com/2026/08/kurznotiz-48-tom-tabaczynsky.html

Ich finde, eine Erfahrung des amerikanischen Autors ist auf jeden Fall nachdenkenswert: Tangolehrer in Buenos Aires tanzten auf den Milongas selber nicht so, wie sie es ihren Schülerinnen und Schülern beibrachten.

Tatsächlich sieht man auf den meisten Videos (egal, wo diese spielen) Lehrerpaare, die völlig ohne Bezug zum Raum längere Schrittfolgen vortanzen. Das funktioniert prima, da sie bei der Aufnahme die gesamte Tanzfläche zur Verfügung haben.

Blöd ist nur, dass auf den Milongas andere Paare stören.

Es nervt mich aber genauso, wenn ständig die „überfüllte Tanzfläche“ als Argument für alles und jedes herhalten muss. Man findet durchaus Veranstaltungen, die auf dem Parkett Raum bieten. Und ich glaube auch nicht, dass „kaum Platz zum Tanzen“ ein erstrebenswertes Wesensmerkmal des Tango darstellt.

Dennoch muss der Raumbezug stets ein Thema sein. Es ist weit besser, kurze Bewegungselemente zu lehren statt ellenlanger Sequenzen. Wenn sich wenigstens das in der Lehrbranche herumsprechen würde, wäre schon viel gewonnen!

Tabaczynski urteilt ziemlich radikal, wenn er behauptet, die Lehrenden unterrichteten nicht das, was sie selber auf den Milongas tanzten. Ich kann hierzu nur wenige eigene Erfahrungen beisteuern, da ich auf den Veranstaltungen das Lehrpersonal weitgehend sitzend erlebt habe – bis auf die knappe Viertelstunde, falls man zu einer „Tangoshow“ verpflichtet war. Die Spitzengruppe bildeten da die Argentinier.

Dennoch pflichte ich dem Gastautor völlig bei: Man sollte nur das unterrichten, was man selber auf den Milongas tanzt. Alles andere sind pure Schaufenster-Aktionen.

Tabaczynski spricht von „Sucht nach dem Tangounterrichten“: „Sie stehen in einer ungesunden, symbiotischen Beziehung zu ihren Schülern und wollen sie nicht loslassen.“ Mit Aussagen wie dieser dürfte er sich in der Branche kaum Freunde machen: „Entlasst die Lehrer, dann verschwinden die Probleme, und wir könnten uns alle auf das Tanzen konzentrieren statt auf das endlose Händeringen.”

Leider ist häufig des Gegenteil der Fall: Wenn nach dem Unterricht eine Milonga stattfindet, erlebe ich es immer wieder, dass mindestens die Hälfte der Leute die Schuhe wechselt und verschwindet. Dabei finge genau an diesem Punkt das eigentliche Lernen an!

Meine Tangofreundin Manuela Bößel berichtete mir von ihrer ersten Tangostunde, in welcher der Lehrer die Teilnehmenden ausdrücklich warnte, nicht gleich Milongas zu besuchen: Das sei noch viel zu früh! Damals hielten sich viele nicht an diesen Rat und lernten dadurch deutlich schneller. Heute beobachte ich oft das Gegenteil. Mit der vorhersehbaren Folge.

Die soziale Tanzfläche übernehme das Unterrichten, schreibt Tabaczynski. Recht hat er!

Mir wird ja immer wieder nachgesagt, ich propagiere das Tangolernen durch bloßes Herumprobieren”. Das ist natürlich Unsinn. In Wahrheit gibt es viele Wege zum Tango. Jeder und jede muss letztlich seinen eigenen finden.  

Allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass man Tanzen besonders gut durch Tanzen lernt – und nicht durch das Beobachten toller Vorführungen und das Anhören weiser Reden. Daher kann ich dem Lehrpersonal und anderen Erfahrenen nur raten: Tanzt mit den Leuten! Tango ist eine Körpersprache.

Aber Tango ist keine Naturwissenschaft, daher sind wir alle gut beraten, keine Beweise” zu versuchen. Wir stellen Erfahrungen und Meinungen vor – mehr nicht!

Was den Kollegen Helge Schütt betrifft, bin ich nun guter Hoffnung, dass er nun einen anderen Hauptfeind ausgemacht hat – Tom Tabaczynski. In Kommentaren zum oben erwähnten Artikel giftet man einander gepflegt an. Ich übersetze mal:

Der Sinn des Tanzens auf einer überfüllten Tanzfläche besteht darin, dass man nur so lernen kann, denn in einer Tanzstunde lässt sich das nicht bewusst erlernen. Was Wendel angeht, so ist seine sogenannte Rezension reiner Unsinn. Ich suche nach objektiven und intelligenten Rezensenten, die keinen völligen Unsinn schreiben.“

„Tut mir leid, Tom, aber ‚der Lernprozess verläuft unbewusst‘ ist völliger Unsinn. Kein Erwachsener lernt eine Fremdsprache oder das Autofahren allein durch Üben.“

„Das Ausmaß an Dummheit und Unwissenheit ist wirklich deprimierend. Das ist völlig sinnlos.“

„Ich nehme an, du sprichst von deiner eigenen Dummheit und Unwissenheit. Ja, das ist in der Tat wirklich deprimierend anzusehen.“

https://helgestangoblog.blogspot.com/2026/08/kurznotiz-48-tom-tabaczynsky.html

Ach, Leute, es geht um einen Gesellschaftstanz – nicht um den Überfall auf die Ukraine!

Der Philosoph Seneca hatte seinen oben zitierten Satz eigentlich umgekehrt formuliert: „Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir (leider).“ Das Phänomen dürfte uralt sein.

Lernen wir für den Kurs oder für die Milonga?

Wir sollten uns schleunigst entscheiden!


Kommentare

  1. In seinem neuen Artikel schreibt Klaus Wendel abschließend:
    „Eine Theorie wird nicht überzeugender, indem man Menschen, die ihr widersprechen, für unintelligent, psychisch auffällig oder anderweitig defizitär erklärt.“
    https://www.tangocompas.co/wenn-wir-beim-tanzen-nicht-denken-muessen-wie-lernen-wir-es-dann/
    Da kann ich nur voll zustimmen!

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  2. Klaus Wendel hat nun einen „Praxistest“ zum Lernmodell Tom Tabaczynskis veröffentlicht, welches es „mit zwei wirklichen Anfängern praktisch durchspiele“.
    https://www.tangocompas.co/lernen-ohne-unterricht/
    Ich war zuerst verblüfft: Donnerwetter, und das innerhalb kürzester Zeit!
    Nein, kein wirklicher Test – es sind lediglich Überlegungen, wie es sein könnte, wenn es denn so wäre. Natürlich mit dem Endergebnis, dass Wendel eine Menge Haken an der Sache findet. Er fragt, wer das alles „organisiere“.
    Ich kann dazu nur über das berichten, was wir in unseren ersten 10 Jahren Tango selber erlebt haben:
    Damals gab es schon mal wenig Tangounterricht – er wurde schlicht viel seltener angeboten als heute. Zu den Milongas erschienen sehr viele Singles, die somit meist ganz von selber mit Leuten tanzten, die zumindest nicht ganz am Anfang standen.
    Passive Interessenten, die auf „Rundumbetreuung“ warteten, waren ganz schnell wieder weg. Wer blieb, kümmerte sich aktiv um sein Fortkommen. Die Erfahrungen, die man machte, rangierten von traumhaft bis gruselig. In der Summe überwog das Positive, sonst wären wir nicht geblieben. Einfach war es aber nicht – man musste sich schon plagen.
    Die Milongas, die es gab, waren in der Mehrheit privat organisiert – von Enthusiasten, nicht von Leuten, die darin ein Geschäftsmodell sahen.
    Beim Tango blieben die „Verrückten“, die einfach ganz wild aufs Tanzen waren. Und die sogen ganz begierig alles auf, was sich ihnen bot. Es wurde jede Menge Mist getanzt, aber auch unfassbar Geniales. Den Rest entschied die Evolution.
    Mit der zunehmenden Kommerzialisierung änderte sich das Publikum. Es kamen Leute, die alles erklärt und gezeigt haben wollten, die konsumierten statt zu experimentieren. Heute rennt die große Mehrheit jahrelang in Kurse. Unser Spielfeld, unser Lernort waren die Milongas.
    Wendel fragt: „Wer organisiert diesen gesamten Ablauf?“ Damals eigentlich keiner – oder alle. Es war Wildwuchs – mit Irrungen, Wirrungen, aber auch großartigen Beispielen.
    Zeigt sich die Praxistauglichkeit einer Methode erst, „wenn sie erklären kann, wie ein realer Anfänger Schritt für Schritt durch den Lernprozess kommt“? Da muss ich passen. Sagen kann ich nur: In meine ersten Tangojahren erlebte ich fast auf jeder Milonga Tanzstile, die ich fasziniert beobachtete. Heute halte ich oft vergeblich Ausschau: Es grüßt das Murmeltier… same procedure as last week…
    Aber wie soll sich eine Szene weiterentwickeln, wenn es sogar regelrecht verpönt ist, „anders“ zu tanzen? Dazu könnte man auch mal einen „Praxistest“ veranstalten!

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  3. Klaus Wendel, Klaus Wendel, Klaus Wendel und immer wieder Klaus Wendel. Wo bleiben die Zugriffszahlen? Die sind mindestens genauso wichtig!

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    1. Immer am Ende der Artikel. Aber stets erst am nächsten Tag. Ist doch logisch, oder?

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