Der Platz zwischen den Stilen

Es gibt im Tango Autoren, die selbst mich noch überraschen können. Dazu gehört sicher der aktuell ziemlich herumgereichte Tom Tabachynsky. In einer (nicht eben freundlichen) Diskussion mit den Blogger-Kollegen Wendel und Schütt hat er nun eine ziemlich eindrucksvolle Katze aus dem Sack gelassen: Es gehe ihm ausschließlich um den Tango im „Milonguero-Stil“.

Das sei die einzige „der Diskussion werte Fraktion“. „Der Rest ist ein Haufen Müll, der sich nicht von Street Latin usw. unterscheidet. Das ist kaum noch Tango.“

An allem anderen habe er kein Interesse. Er halte es „nicht einmal für Tanzen“.

https://helgestangoblog.blogspot.com/2026/08/kurznotiz-48-tom-tabaczynsky.html#comments

Puh, „Cassiel Hardcore“

Worum handelt es sich beim „Milonguero-Stil“? Glücklicherweise kennt ihn Wikipedia:

„Bei der Umarmung im Milonguero-Stil führt die Frau ihre linke Hand an der rechten Schulter ihres Partners vorbei (…), um seinen Hals herum und wieder zurück, sodass sie je nach der relativen Körpergröße der Tanzenden in der Nähe seiner linken Schulter landet. Ihr linker Arm liegt oberhalb des rechten Arms des Mannes, ohne dass zwischen ihnen ein Zwischenraum bleibt, doch sie hält in diesem Arm keine Spannung – er sollte das Gewicht ihres Arms kaum spüren. Die beiden Gesichter können sich berühren, sie sind zumindest sehr nahe beieinander. Mit geradem Rücken lehnt sie sich in einem ausgeprägteren Winkel als er an ihren Partner; er neigt sich leicht zu ihr hin, kann aber den Anschein erwecken, aufrecht zu stehen. Rhythmisch lassen sich die beiden bis kurz vor dem nächsten Schlag kleine Verzierungen mit den Füßen zu und verlagern das Gewicht im allerletzten Moment.“

https://en.wikipedia.org/wiki/Milonguero_style

Ah so – „Encuentro-Stil“ halt…

Ich muss gestehen, mit stilistischen Debatten nicht viel anfangen zu können – gerade beim Tango. Im „Milonga-Führer“ habe ich unter der Überschrift „Der Platz zwischen den Stilen“ aus einem Interview mit dem Tanzpaar Ulrike Schladebach und Stephan Wiesner („Stravaganza“) zitiert (Tangodanza Nr. 4/2011, S. 8-11):

„Wir waren in den ersten Jahren von einer unglaublichen Freiheit geprägt. (…) Und dieser Stress, der kam auch, die anderen, die sagten, ‚Was Du da aber machst…’ und die Argentinier, die sagten, das wär’ jetzt aber doch kein Tango (…) Es sind unheimlich viele Philister unterwegs, die sagen, so und so muss der Tango sein und das ist oft sehr kleinkariert.“    

Und die Tanzlehrerin Mary van Elst sagte dazu: „Die Streitereien um den einen, den richtigen Stil sind ein Zeichen von Unsicherheit. Gute Tangotänzer beherrschen mehrere Stile, setzen diese im selben Tanz situationsbedingt spontan ein.“ (Tangodanza Nr. 2/2005, S. 8-10)

Ich überlege auf dem Parkett nie, welchen „Stil“ ich gerade tanze. Es ergibt sich von selber, dass ich bei einer sämigen Fresedo-Schnulze die Tänzerin anders halte als zu einem wirbelnden Walzer, einer fetzigen Milonga oder einer Piazzolla-Ballade. Und eine erfahrene Tänzerin variiert Abstand und Haltung von selber je nach Musik.

Und mir ist klar, wie oft ich das schon geschrieben habe – aber ich werde hartnäckig weiter fragen: Warum müssen heute alle den gleichen Stil tanzen, während die Milongueros früherer Zeiten alles dafür taten, sich von ihrer Konkurrenz zu unterscheiden?

Ich habe schon öfter aus einer „Wutrede“ des bekannten Tänzers Carlos Copello zitiert:

“Und sie starten allen Ernstes mit dem ‘Villa Urquiza-Stil’. Ich möchte mal wissen, ob jemand von Ihnen den ‘Villa Urquiza-Stil’ kennt? Ich bin sicher, keiner weiß, was das ist. Weil Portalea nicht tanzte wie Perita, Perita nicht wie Turco José oder Francisquito oder Milonguita oder Fino. Keiner tanzte wie der andere! Oder Lampazo! Schaut euch eine Reihe von Videos an – worüber redet man da überhaupt? 'Villa Urquiza-Stil'? Ganz ehrlich: Da bin ich persönlich ratlos, glauben Sie mir! (...)

Und deshalb sage ich nicht: ‘Ich bin der König des Tango.’ Nein, ich habe meinen Stil, meine Art. Das ist mein Tango. Ich weiß nicht, ob er ganz toll ist, ganz schlecht oder Mittelmaß. Und mich kümmert es nicht, es herauszufinden. Ich weiß, was ich fühle, wenn ich tanze, und ich weiß, was ich tue. Das war’s dann schon, verstehen Sie? Jeder muss sich in seine eigene Art hineinfühlen – und hört auf mit dem Quatsch wie dem ‘Villa Urquiza-Stil’! Vergesst es!”

https://milongafuehrer.blogspot.com/2015/03/carlos-copello-und-die-schubladen.html

Der berühmte Pianist Gerald Moore, der mit Größen des Liedgesangs wie Elisabeth Schwarzkopf und Dietrich Fischer-Dieskau zusammengearbeitet hat, berichtete einmal von einem jungen Geiger, der ihm vor dem Konzert anvertraute, er wolle heute „im Stil Kreislers“ spielen.

Wer darüber nicht lachen kann, sollte auch meinen Artikel vergessen!

Daher als Musik heute mal keinen Tango:

https://www.youtube.com/watch?v=Jd7ODIGY6Bk&list=RDJd7ODIGY6Bk&start_radio=1

Kommentare

  1. Hinsichtlich des Werks von Tom Tabaczynski kommt Klaus Wendel jetzt zu dem Schluss: „Spart euch dieses Buch!“
    Na, immerhin hat der Verfasser dem Kollegen insgesamt 4 Artikel rausgeleiert – keine schlechte Werbung!
    Da freue ich mich, billiger weggekommen zu sein…
    https://www.tangocompas.co/spart-euch-dieses-buch/

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  2. Ein guter Artikel. Sie können es ja doch! Auch der Kommentar war gut.

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