Von den Gefahren des kostenlosen Lernens
Tango lernt man in bezahlten Kursen und Workshops. Wer hinter dieses Mantra ein Fragezeichen setzt, gilt in der heutigen Szene als Häretiker und wird scharf angegriffen. Es drohen schließlich Geldverluste.
Kollege Helge Schütt hat sich einen Satz aus einem meiner Artikel herausgepickt, um ihn in einer „Kurznotiz“ („Nicht unbedingt. Aber vielleicht“) mit Hohn und Spott zu garnieren:
„Mein Rat an Beginner ist stets derselbe: Sucht nach Leuten, deren Tanzstil euch gefällt – vielleicht üben die mal mit euch.“
Schütt nennt das ironisch „eine geniale Eingebung“. Versiert Tanzende wollten sich „keinen Klotz ans Bein binden“ und ihre Fähigkeiten nicht gratis bei Hinz und Kunz verpritscheln.
Da ist natürlich Kollege Wendel gleich zur Stelle und vermeldet via Kommentar: „Naja, er könnte auch seinen KFZ-Mechaniker fragen, ob der nicht in Zukunft seine Beiträge schreibt. Wäre vielleicht besser.“
https://helgestangoblog.blogspot.com/2026/08/kurznotiz-47-nicht-unbedingt-aber.html
Na ja, Karin und ich besitzen wenigstens je ein Auto und sind nicht darauf angewiesen, dass uns jemand nach einer Milonga mit nach Hause fährt…
Aber ich nehme zur Kenntnis: Tango kann man nur lernen, wenn man einiges Geld abdrückt – für versierte Lehrkräfte und deren Veranstaltungen. Und gerade die Frauen dürften sich schon ein wenig herausputzen, aber dafür steht ja ein reich sortierter Ausstattungs-Handel zur Verfügung.
Wie sieht die übliche „Karriere“ gerade von nicht mehr ganz jungen Frauen in unserem Tanz wirklich aus?
Ich kenne deren anfangs leuchtenden Augen – verbunden mit der Absicht, nun aber wirklich diesen tollen Tanz zu lernen.
So schwer kann das ja nicht sein – bekanntlich müsse man dazu ja nur „gehen“. Und das sollte man doch hinbekommen, oder?
Nach geraumer Zeit wird solchen Anfängerinnen dann klar, dass ihre Haupttätigkeit beim Tango eher das Sitzen ist. Und selber auffordern dürfen sie ja nicht – nur gucken. Und wenn sie doch mal gnadenhalber aufs Parkett gebeten werden, tanzt die Angst mit, nur ja keinen „Fehler“ zu machen, der wieder zu längerer „Einzelhaft“ führen könnte.
Und klar, versierten Tänzern ist es ja nicht zuzumuten, sich einen „Klotz ans Bein“ zu binden. Vor allem, wenn sie dort schon einen haben.
Ich habe nie geschrieben, dass es nur einen einzigen Weg zum Tango gibt. Ich wehre mich nur dagegen, dass andere dies behaupten.
Daher: Wer mit Kursen und Workshops glücklich wird, soll doch gerne dabeibleiben! Ich frage mich dann nur, wieso die Abbrecher-Quote im Tango derart hoch ist. Ich kenne dazu keine ernsthafte Statistik – allerdings treffe ich höchstens noch 5 Prozent der Leute, die vor einem guten Vierteljahrhundert mit uns angefangen haben.
Das hat natürlich viele Gründe, Krankheiten und Todesfälle eingeschlossen. Dennoch fehlt im Tango heute weitgehend die Gruppe der wirklich Erfahrenen, welche auch frühe Musik und Tanzweisen noch kennengelernt und gepflegt haben. Die „aus dem Bauch" tanzen und nicht nach Vorschrift. Durch diese mangelnde Grundlage kann sich nämlich eine wirkliche „Tradition“ nicht gründen. Stattdessen erfindet man ein „Pseudo-Vermächtnis“ und erzählt den Neuen, wie man vor 80 Jahren angeblich getanzt hat, welche Musik dazu geeignet ist – ob das nun stimmt oder nicht.
Ich finde es bezeichnend, welche Nervosität sich ausbreitet, wenn man behauptet, Tango müsse man nicht unbedingt in bezahltem Unterricht lernen. Dabei steht doch fest: In den ersten Jahrzehnten der Tangogeschichte gab es keine gebührenpflichtigen Kurse. Den hätten sich die armen Schlucker, die damals auf Lehmböden herumhüpften, gar nicht leisten können. Und die Musiker, die damals zum Tanz aufspielten, konnten oft nicht mal Noten lesen.
In der „goldenen Ära“ der 1940er Jahre trat eine heftige Kommerzialisierung ein: Das Publikum gierte nach neuen Stücken, die ihnen bekannt vorkamen.
Als Europa in den 1980er Jahren vor allem die Musik Piazzollas eine neue Tangowelle auslöste, kam es zu einer ganz ähnlichen Entwicklung: Amateure schufen eine Grundlage, die später professionell ausgebeutet wurde. Es verwundert nicht, dass man auf „Traditionen“ der 1940er Jahre zurückgriff, wo der Tango ebenso kommerziell verwurstet wurde: Was nix kostet, kann auch kein Tango sein!
Heftige Synergie-Effekte ergeben sich durch die heutige Seminar- und Coaching-Welle: Es gibt eigentlich kaum noch etwas, für das heute keine Lehrgänge zertifizierter Meister angeboten werden: Vom richtigen Küssen bis zur fachgerechten Scheidung gibt es Seminare für alles und jedes. Selbst in Pferdekoppeln durfte man sich schon in das Spannungsverhältnis zwischen Gaul und Gancho begeben:
https://milongafuehrer.blogspot.com/2022/03/zossen-tango.html
Und wenn man mit den eigenen Seminaren nicht weiterkommt, kann man immer noch Lehrgänge für Seminar-Leiter anbieten – beispielsweise eine Tangolehrer- und DJ-Ausbildung.
Der Kurs „Nasenbohren leicht gemacht“ wird sicher nicht ewig auf sich warten lassen!
Wie ich an vielen Kommentaren auf meinem Blog sehe, sind Nasenbohrer im Tango nicht selten…
Aber zurück zum Thema: Helge Schütt hat einmal bekannt, sich mit Anfängern schwerzutun: „Erwischt… Ja, ich unterrichte auch nur Fortgeschrittene, keine Anfänger. Der Grund dafür liegt allerdings nicht an den Punkten, die Du erwähnst, sondern daran, dass ich kein Händchen dafür habe, sie dort abzuholen, wo sie sind.“
https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-52-teil/#comments
Ich finde, dann sollte er sie lieber dort stehenlassen, wo sie sind.
Nicht unbedingt. Aber vielleicht!
P.S. Klaus Wendel hat in vorauseilendem Eifer bereits einen Text zum Thema veröffentlicht, in dem er sich Sorgen um meine Arbeitsbelastung macht. Ich sehe das gelassen. Mein Angebot, einmal nach Pörnbach zu kommen und mit uns zu üben, habe ich öfters gemacht. Meist vergeblich. Wahrscheinlich, weil man schon ahnt: Das würde viel Eigeninitiative erfordern. Und die ist im heutigen Tango Mangelware.
https://www.tangocompas.co/vielleicht-uebt-er-ja-mit-euch/![]() |
| Illustration: www.tangofish.de |



Großes Getöse weckt nun auch Kreaturen der Urzeit: Michael Tausch bezeichnet mein Blog per Kommentar als „geistigen Dünnschiss“. Na, wenigstens ist meiner geistig…
AntwortenLöschenhttps://www.tangocompas.co/was-ist-eigentlich-aus-einem-tango-report-geworden/#comments
Kollege Wendel hat in Windeseile einen neuen Text herausgebracht: „Improvisation im Tango beginnt mit Ordnung“.
AntwortenLöschenEr bezieht sich dabei auf einen Blog, der „freies Lernen durch bloßes unangeleitetes Ausprobieren“ propagiere.
Mir ist nicht so ganz klar, welchen Blog er meint. Meiner kann es nicht sein.
Was ich in Wahrheit immer wieder vorschlage: Liebe Tangolehrer(innen) und andere Erfahrene: Übt halt bitte mit Anfängern! Tango ist eine Bewegungssprache, die man kaum durch Vormachen und Volllabern vermitteln kann. Ich weiß nicht, woher die Angst kommt, Anfänger(innen) anzufassen – es tut bestimmt nicht weh, sondern würde denen mehr helfen, als wenn man sie mit einem Partner (oder einer Partnerin) zusammenspannt, der (oder die) es auch nicht kann.
Mag ja sein, dass Wendel hinsichtlich Autofahrens die Erfahrungen fehlen – aber auch da sitzt rechts neben dem Lernenden jemand, der es kann. Dennoch fährt der Führerscheinbewerber von der ersten Stunde an selber – aber begleitet von einem Profi, der notfalls die Pedale drückt oder sogar ins Lenkrad greift.
Säße auf der rechten Seite ebenfalls jemand, der vom Fahren keine Ahnung hat, würde die Polizei eingreifen. Genau dieses Prinzip verfolgt man aber ungestraft in den meisten Tangokursen.
Der Grund liegt natürlich nahe: Wenn man in einem Gruppenkurs zehn und mehr Paare herumtorkeln lässt, bringt das mehr Kohle als eine Einzelstunde.
Ich habe nie behauptet, eine allein selig machende Methode des Tangolernens entwickelt zu haben. Und ein langer Weg, bis man sich einigermaßen sicher bewegen kann, bleibt niemandem erspart.
Ich habe nur immer wieder erlebt, wie schnell Anfängerinnen sich steigern können, wenn man zunächst im Zweifel das mittanzt, was sie machen – sie merken, wie sich ein Miteinander ohne Druck und Krampf anfühlen kann. Und meine Tanzpartnerinnen berichten mir immer wieder, dass sie von Männern hören, sie hätten plötzlich Sachen getanzt, die sie noch gar nicht kannten.
Man kann solche Ansätze natürlich mit Hohn und Spott belegen, als Fantasterei abtun. Mit der Folge, dass auf den Tanzböden alles so bleibt, wie es war.
Quelle: https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-62-teil/
Klaus Wendel hat nun auf seinem Blog einen „sehr persönlichen Brief“ an mich gerichtet. Mir ist nicht klar, was er damit bezweckt. Nach einigen halbwegs gesitteten Sätzen verfällt er wieder in wüstes Geschimpfe auf mich. Meint er, so einer Verständigung näherzukommen?
AntwortenLöschenEin Problem ist auch, dass er äußerst schlampig recherchiert. Es gibt mehr als ein Video aus dem Pörnbacher Wohnzimmer, auf dem man mich tanzend sieht. Hier könnte man nachschauen:
https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/07/nun-mach-doch-mal.html
„Belege“ liefere ich deutlich mehr als er. „Beweise“ sind schwierig: Tango gehört nicht zu den Naturwissenschaften.
Wendel wird niemals Belege von Leuten akzeptieren, die ihm nicht passen. Das erwartet er auch gar nicht.
Daher bleibe ich ziemlich ratlos, was der Brief überhaupt soll. Außer, dass er Dampf ablassen wollte.
Quelle: https://www.tangocompas.co/ein-sehr-persoenlicher-brief-an-gerhard-riedl/
Ich kann jedenfalls mit dieser Dialektik gut leben und wünsche ihm das Gleiche. Wenn es geht, mit etwas weniger Gepolter.
Klaus Wendel hat inzwischen in einem „P.S.“ mitgeteilt, dass er einer Verständigung gar nicht näherkommen wolle. Der Sinn seines Briefes sei die Erklärung, warum diese scheitere.
LöschenNa eben.