Soo spät?

Auf einer Facebook-Seite, auf der man verhökert, was sich im Tango zu Geld machen lässt, ist mir das Klagelied eines 51-jährigen Mannes aufgefallen, der hinsichtlich Tango-Marathons und Ähnlichem über Erschöpfung berichtet: Man möge doch bitte die Dauer von Veranstaltungen überdenken!

Er fände es ja gut, wenn Milongas bis zu 6 Stunden währten. Aber dann bitte mit zirka zwei Stunden Pause zum nächsten Termin!  

Aber Nacht-Milongas, die erst um 22 oder 23 Uhr begännen und bis 4 oder 5 Uhr früh dauerten: Das sei zu spät!

Gut, einmal könne man sowas bewältigen – aber mehrere Nächte… Das bringe einen fast um!

„Ich höre von vielen Leuten, dass ein Marathon sie VOLLKOMMEN ZERSTÖRT...

Es macht Spaß, aber der Preis, den der Körper dafür zahlt, ist (zu) hoch. Es macht zwar alles Spaß und so, aber diese langen Nächte … und dann der Fußweg zum Hotel, wenn es schon hell wird und die Vögel zu singen beginnen – das bringt deinen normalen Tagesrhythmus einfach (zu sehr) durcheinander…“

Möglicherweise auch den der Vögel.

Für die anderen Mitwirkenden wie „Maestros“ und Orchester sei das doch auch sehr spät. Und nicht gesund.

Das „späte Zeug“ sei ein falscher Trend: Eine Abend-Milonga, die erst um 23 Uhr beginne! „Soo spät?“

Das werde für ihn langsam zu einem Grund, solche Veranstaltungen zu meiden. Nebenbei sei das ja auch eine finanzielle Belastung.

„Warum müssen wir die ganze Nacht durch tanzen...?“

Diese Frage hat mich etwas irritiert. Stehen dort an den Ausgängen schwer bewaffnete Sicherheitskräfte, die keinen vor 4 Uhr früh rauslassen? Sind sogar die Klofenster vergittert, so dass man nicht mal via Scheißhaus in musikfreie Regionen des Globus fliehen kann?

Nein, ich weiß schon: Man hat ja schließlich bis zum Morgengrauen bezahlt: Lieber den Magen verrenkt als dem Wirt was g‘schenkt!

Mit großem Amüsement erinnere ich mich an Vorhaltungen werter Gegner, ich hätte ja noch nie einen Tango-Marathon besucht. Da gebe ich zu bedenken: Der oben zitierte Schreiber ist ein Vierteljahrhundert jünger als ich. Mich zu solchem Dauergehuppse zu drängen, halte ich für einen Mordversuch.

Dabei ist die Idee des Langstrecken-Tanzens ja nicht neu: In den USA (wo sonst?) waren solche Wettbewerbe ab den Zwanzigerjahren populär. In der Hoffnung auf erhebliche Preisgelder quälten sich junge Paare bis zum Umfallen:

„Weg, nur weg aus seinem Blickfeld! Nach 206 Stunden und 25 Minuten Dauertanz kollabiert Ollie Goss. Sie kann den Anblick ihres Partners nicht mehr ertragen. Sobald er sie anschaut, schreit sie hysterisch und drückt sein Gesicht zur Seite. Dann bricht sie zusammen, mitten auf der Tanzfläche.“

https://www.spiegel.de/geschichte/tanzmarathons-a-947153.html

Na gut – wegen des Gesichts des Partners zusammenzubrechen erfordert vielleicht keine so lange Tanzzeit. Unangenehm aber bleibt es!

Ein Rekord jagte den nächsten: Ein Texaner tanzte fas 170 Stunden lang, bis ihn die Ärzte vom Parkett zogen.

Nun, da ist ja im Tango noch viel Luft nach oben! Und sicherlich wird es das kreative, fantasievolle Tanzen fördern, wenn man gezwungen ist, stundenlang zu sehr ähnlicher Musik Zuckungen abzuliefern. 

Dauertanzen war auch zu früheren, gesünderen Zeiten nie mein Fall. Manche Partnerinnen kennen von mir nach einer anfänglichen traumhaften Tanda den Satz: „Jetzt könnten wir eigentlich schon wieder heimfahren!“

Inzwischen habe ich erst recht nicht mehr die geringsten Skrupel, eine Milonga nach anderthalb, zwei Stunden wieder zu verlassen – oft die Zeit, ab der ältere DJs gerne damit beginnen, Pop-Hits aus ihrer Jugendzeit aufzulegen.

Meine Begründung ist dann: „Ich glaube, wir haben das Schönste nun hinter uns!“

Aber das soll die dauerbewegte reifere Jugend nicht abhalten. Daher auf zum nächsten Dauerzappeln im Kulturhaus Neustadt an der Nitze!

Es wird nicht nur dem Morgen grauen.

Quelle: https://www.facebook.com/groups/argentinetangoevents/permalink/1367008222239643

Let’s dance:

https://www.youtube.com/watch?v=iw1afR4mLvw

Zugriffe 7.8. 2419 

Kommentare

  1. Klaus Wendel zieht nun in einem weiteren Artikel über mich her:
    „Was ist eigentlich aus einem „Tango-Report“ geworden? “
    https://www.tangocompas.co/was-ist-eigentlich-aus-einem-tango-report-geworden/
    Zu dem Zweck hat er sogar das Emblem meines Blogs geklaut – mit der „neuen“ Unterzeile: „Gerhard Riedls garantiert ideenfreies Blog über immer die selben Themen“. Pech ist nur: „dieselben“ schreibt man zusammen. Er wird’s nie lernen…
    Der Kollege fragt im Titel: „Oder war er überhaupt jemals besser?“
    Da kann ich zustimmen: So gut wie jetzt war mein Blog wohl nie…
    Wendel behauptet, ich mache mich im obigen Text „über dumme Facebook-Kommentare“ lustig. Nein, wirklich nicht: Ich habe in diesem Artikel keinen einzigen Facebook-Kommentar erwähnt oder gar zitiert.
    Aber mit dem Lesen hat er es halt nicht so.
    Sicher, in fast 2400 Posts überschneiden sich die Themen. Falls er noch 20 Jahre bloggen sollte, wird auch Wendel diese Erfahrung machen.
    Nett finde ich, dass der Kollege nun über die Leserschaft herzieht.
    Man sei halt nur scharf auf Krawall – siehe BILD-Zeitung.
    Gut, der Vergleich der Publikationszahlen ehrt mich. Ich versichere aber meinen Leserinnen und Lesern: Zur Meinungsfreiheit gehört auch die der Information. Niemand muss sich seiner Lektüre-Auswahl schämen.
    Daher bleibe ich dabei: „BILD dir deine eigene Meinung!“

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Klaus Wendel hat mir einen Kommentar geschickt, den ich veröffentliche würde, wenn er ohne Beleidigungen auskäme.
      Interessant, dass er nun meint, es sei egal, ob man einen Text nun „Kommentar, Posting oder Beitrag“ nenne. „Kommentar“ sei eine „völlig nebensächliche Bezeichnung“, eine „Wortklauberei“, um einen noch schlimmeren Ausdruck von ihm zu vermeiden. Ah so.
      Wahr bleibt aber: Ich habe in meinem Artikel die Wortmeldung eines Schreibers veröffentlicht und besprochen, nicht aber die inzwischen 264 Kommentare dazu. Keinen einzigen!

      Löschen
  2. Und zack – der nächste Wendel-Artikel über mich!
    Irgendwie scheint es darum zu gehen, ob man sich weiter mit mir beschäftigen solle – oder doch.
    Ganz verstanden habe ich den Text nicht, und bevor ich nun etwas schreibe, das mir den nächsten Anwaltsbrief einbringt, sag ich lieber nix:
    Eh ich’s vergesse: Vor vielen Jahren hat (nicht namentlich genannten) Gästen bei meiner Buchlesung der Autor nicht gefallen. Das allerdings bringt mein Weltbild ins Wanken…
    https://www.tangocompas.co/der-gerhard-blog-bewohner-eine-reflexion/

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Kommentare sind derzeit nur per Mail an mich möglich: mamuta-kg@web.de

Hinweis zum Kommentieren:

Bitte geben Sie im Kommentar Ihren vollen (und wahren) Namen an und beziehen Sie sich ausschließlich auf den Inhalt des jeweiligen Artikels. Unterlassen Sie herabsetzende persönliche Angriffe, gegen wen auch immer. Beiträge, welche diesen Vorgaben nicht entsprechen, werden – ohne Löschungsvermerk – nicht hochgeladen.
Sie können mir Ihre Anmerkungen gerne auch per Mail schicken: mamuta-kg(at)web.de – ich stelle sie dann für Sie ein.