Unplugged Tango
„Unplugged“ nennt man es, wenn Musiker ohne elektronische Verstärkung, also auf akustischen Instrumenten spielen. Dass man auch so tanzen kann, lehrt uns ein neues Buch: „Somatic Milonguero: Movement Awareness for Social Tango Dancing“. Also ein Weg zu neuem „Bewegungs-Bewusstsein“.
Der Autor Tom Tabachynsky, immerhin mit einem Doktortitel ausgestattet, räumt darin kräftig mit gewohnten Vorstellungen auf:
„Fast alles, was man Ihnen über den Tango erzählt hat, ist erfunden. Woher er stammt. Welche Bewegungen ‚traditionell‘ sind. Warum man angeblich wochen- oder monatelang Unterricht nehmen muss, bevor man auf die Tanzfläche darf. Wenn man sich die Primärquellen ansieht, zerfällt das meiste davon in sich.“
Die Anfänge des Tango in den Slums seien durch historische Quellen widerlegt – und Schritte wie der Paso básico, das Kreuz und das Tango-Gehen habe man „für Studios und Bühnen“ entwickelt, individuelle Stile der Lehrenden würden als „Authentizität“ verkauft.
Die Folgerung: „Tango als Gesellschaftstanz entsteht spontan und anpassungsfähig. Er entwickelt sich ganz natürlich.“ Man könne ihn niemandem „eintrichtern“.
Wir werden neugierig auf spannende Erkenntnisse:
· Was Tango milonguero wirklich ist
· Wie sich enges Tanzen wirklich entwickelte
· Was die Quellen über die Tango-Entstehung sagen
· Warum Unterricht zum „Schein-Lernen“ führt – und was das echte Lernen auslöst
Darüber erfährt man in der Werbung natürlich noch nichts. Dazu muss man sich erstmal das Buch besorgen – umgerechnet für knapp 40 Euro. Aktuell nur auf Englisch. Ein zehnminütiges Video gibt es obendrauf. Kabellos und unverstärkt.
https://shop.unpluggedtango.com/b/4Acpy
Ich werde mir das Buch sicherlich nicht kaufen – daher kann ich nicht beurteilen, ob es seine Versprechen hält. Was ich für satirewürdig halte, ist jedenfalls die Werbung dafür.
Worin ich die eigentliche Misere sehe:
Es laufen im Tango sehr viele Leute herum, die irgendwie merken, dass es nicht wirklich funktioniert – obwohl sie oft jede Menge Unterricht nehmen, wo ihnen häufig nur irgendwelche Schrittfolgen eingetrichtert werden, die sie nach kurzer Zeit wieder vergessen haben. Aber man hat es ja per Smartphone gefilmt und festgestellt: Das Lehrerpaar kann es.
Statt sich einmal die Sinnfrage zu stellen, pilgert man umgehend zum nächsten Promi-Lehrer, den die Szene gerade herumreicht. Um dann festzustellen: Das angepriesene Patent-Fleckenwasser kriegt die Schmutzflecken im Kleid auch nicht heraus. Höchstens die blauen Tupfen…
Zwischenzeitlich beruhigt man sich mit der Botschaft, Bewegung werde im Tango eh überschätzt – wichtig sei halt die Umarmung. Und die kriegt man ja irgendwie hin. Zumindest zu Musik, die frei von jeglicher Überforderung ist.
So kann man dauerhaft der Tatsache ausweichen, dass es ohne eigenes Üben, ohne Entwicklung eines individuellen Stils, ohne das Einlassen auf schwierigere Musik, auf unterschiedlich tanzende Partner nichts wird. Also lieber selber probieren statt den nächsten Guru aufzusuchen?
Aber das würde an Selbst-Überforderung grenzen.
Daher lieber auf zum nächsten Festival! Die Workshops warten schon. Und außerdem gibt es ja jetzt dieses tolle Buch!
Ob dieses Zitat tatsächlich von Albert Einstein stammt oder nicht – es stimmt:
„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“
Update 23.7.: Laut Blog-Statistik kommen derzeit 26 Prozent der Zugriffe aus Deutschland, 37 Prozent aus den USA. Das wundert mich nicht, da der Tango in den Vereinigten Staaten offenbar noch engstirniger praktiziert wird als in Europa. Da wirkt das Alleinstellungs-Merkmal meines Blogs noch stärker.


Zu meinem obigen Artikel hat Klaus Wendel einen gehässigen Müll veröffentlicht, obwohl er in meinem Text mit keinem Wort vorkommt. Dafür ich nun umso mehr in seinem.
AntwortenLöschenInsbesondere hält er mir vor, das erwähnte Buch nicht besprochen zu haben. Klar, ich habe selber darauf hingewiesen, dass es mir nur um die Buchwerbung ging.
https://www.tangocompas.co/das-riedlsche-realitaetsverzerrungsfeld/
Immerhin hat mein Text den Kollegen zu einem weiteren Artikel animiert. Wendel weist aber darauf hin, dass ihn „eigentlich gar nicht das Buch interessierte“.
https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-59-teil/
Klar, er darf das…
P.S. Das Schaffen von „Tango Voice“ habe ich bereits ab 2016 in mehreren Artikeln besprochen:
https://milongafuehrer.blogspot.com/2016/06/deklaration-der-rechten.html
https://milongafuehrer.blogspot.com/2016/07/tango-voice-ii-das-grauen-kehrt-zuruck.html
https://milongafuehrer.blogspot.com/2016/09/tango-voice-iii-der-widerspruch-wachst.html
Yokoito war damals begeistert von meinen Texten…
Kleine Korrektur zu „Tango Voice“:
LöschenTom Tabaczynski hat das sogenannte „Tango Manifesto“ von 2016 nachweislich nicht verfasst. Der Text erschien am 23. Juni 2016 auf dem anonym geführten Blog Tango Voice. Weder im Manifest noch auf der „About“-Seite wird Tabaczynski als Autor genannt.
Entscheidend ist vielmehr ein Kommentar vom 18. September 2016 auf eben dieser „About“-Seite. Dort schreibt ein Nutzer namens „El Polaco“, dessen Profil ausdrücklich Tom Tabaczynski zugeordnet ist:
„Thank you for putting this together. This is a great resource and I wish I had found this earlier.“
Er erklärt also, er habe die Seite gerade erst entdeckt und wünschte, er hätte sie früher gefunden. Außerdem bittet er die Betreiber um Rat und Unterstützung beim Aufbau einer traditionellen Milonga in China. Er spricht eindeutig als Leser und Unterstützer mit den unbekannten Autoren des Blogs – nicht als dessen Verfasser.
Man kann daher festhalten: Ein Beleg dafür, dass er das Manifest geschrieben oder den Blog betrieben hat, existiert jedoch nicht. Der auffindbare Kommentar spricht vielmehr deutlich dagegen.
Der nachträgliche Hinweis auf „Tango Voice“ stellt also zwar eine thematische Verbindung her, aber keine personelle. Zustimmung zu einem Text ist noch lange keine Autorenschaft.
Was wieder einmal beweist: Wir kämen alle weiter, wenn jeder unter seinem wahren Namen veröffentlichen würde!
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