Vom Dämonisieren des Gegners
Zum AfD-Parteitag in Erfurt bin ich kürzlich bei Facebook auf einen Text gestoßen, den es in Varianten sicherlich hunderte Male gibt. Konkret geht es um ein Interview, das Dunja Hayali mit Alice Weidel führte. Ich zitiere ausschnittweise:
„Ich weiß nicht, wie es euch ging, aber ich habe mir das Interview mit Alice Weidel im Heute Journal angesehen – und ich könnte immer noch im Strahl kotzen. (…) Ich kriege bei diesem Auftreten einfach nur das kalte Grausen.
Und ja, ich finde dieses Auftreten zum Kotzen. Nicht, weil ich andere politische Ansichten nicht aushalte, sondern weil ich diese Mischung aus Überheblichkeit, Opferrolle und Ausweichmanövern schlicht unerträglich finde.
Sollte Alice Weidel jemals Regierungsverantwortung für dieses Land übernehmen, wäre das für mich ein verdammt schwarzer Tag. Dann würde ich mich ernsthaft fragen, ob Deutschland noch das Land ist, in dem ich leben möchte.“
Ich würde erstmal fragen, wo ich mich sonst niederlassen möchte. Weltweit ist die Auswahl nicht groß.
Zurück zu Erfurt: Von linker Seite hat man ja mit einem Massenaufmarsch versucht, den unliebsamen Parteitag zu verhindern, und so der Polizei eine Menge Überstunden beschert.
Ich will jetzt gar nicht fragen, wie demokratisch es ist, eine Parteiveranstaltung unterbinden zu wollen. Als Satiriker fasziniert mich mehr, dass die Rechten wohl einfach früher aufgestanden sind. Als die progressiven Freiheitskämpfer aus dem Bett krabbelten, waren die bösen Buben schon längst am Ziel.
Die Fähigkeit, dazuzulernen, ist auch auf der linken Seite nur mäßig entwickelt: Seit Jahren versucht man, die AfD nach Kräften zu dämonisieren, sie pauschal als „Nazis“ hinzustellen. Möglichst auch diejenigen, welche sie wählen. Das hört man sicher gerne…
Wer vielleicht vorher schon überlegte, es bei der Wahl einmal mit der AfD zu probieren, wird vermutlich in seiner Absicht bestärkt. Aktionen wie die in Erfurt dienen nur dazu, dass die Partei sich wieder mal in der Opferrolle inszenieren kann.
Die AfD hat sich inzwischen professionalisiert. Ich habe mir gestern ein Interview angesehen, das ein Phoenix-Reporter mit Alice Weidel führte. Dabei ließ die Politikerin ihr Gegenüber wie einen Schulbuben aussehen. Es wäre eine gute Idee, in solchen Fällen Spitzenkräfte einzusetzen.
Auch Dunja Hayali versuchte sich im ZDF an Alice Weidel:
https://www.youtube.com/watch?app=desktop&v=qjc33I8XTGU
Dass Politiker bei Interviews häufig Quatsch erzählen, weil ihr Pressesprecher meint, der käme an, ist nicht auf eine einzelne Partei beschränkt.
Politiker, die ernsthaft fordern, mit dieser zu diskutieren statt sie zu beschimpfen, sind selten. Eine Ausnahme ist der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, der es wagte, den AfD-Spitzenkandidaten seines Bundeslandes, Markus Frohnmaier, zu einem öffentlichen Meinungsaustausch einzuladen. Mit viel Mühe und begleitet von Protesten und Störaktionen gelang das leidlich.
https://milongafuehrer.blogspot.com/2025/09/palmer-vs-frohnmaier.html
Haben die Rechten davon profitiert, wie ihre Gegner behaupteten? In Tübingen siegte bei den Landtagswahlen der grüne Direktkandidat, und die AfD kam nur auf 12,2 Prozent der Zweitstimmen.
https://wahlergebnisse.komm.one/24/produktion/8416000/0/20260308/landtagswahl_kwl_1_wk/index.html
Klar, man könnte auch versuchen, die AfD verbieten zu lassen. Einen entsprechenden Antrag beim Bundesverfassungsgericht können nur Bundestag, Bundesrat oder Bundesregierung stellen. Wenn alle drei damit zögern, wird es seine Gründe haben. Und selbst im Fall eines Gelingens nach mehreren Jahren: Glaubt man im Ernst, der rechtspopulistische Trend würde dadurch verschwinden?
Warum hat man in Erfurt, statt Straßen zu blockieren, nicht Informationsveranstaltungen und Gegenkundgebungen organisiert – mit den stärksten Rednern, welche die demokratische Gesellschaft aufbieten kann? Mit Persönlichkeiten, die ein hohes Ansehen genießen? Das hätte die AfD mehr gestört als das pubertäre Rumgetue auf den Zufahrtswegen!
Keine politische Richtung hat die Wahrheit für sich gepachtet und ist frei von Irrtümern. Darum ist es Quatsch, Gegner samt und sonders zu verteufeln.
Ich erlaube mir eine persönliche Parallele zum Tango: Auch mein werter Gegner Klaus Wendel reist auf diesem Ticket: Was ich schreibe, ist stets verkehrt, ja skandalös. Ständig feuert er Schimpfkanonaden gegen mich ab. Sein neuestes Werk zeigt mich als ekligen Kellerbewohner Marke „Gollum“, der sich über seine gesammelten Werke hermacht:
https://www.tangocompas.co/wenn-der-gegner-im-archiv-wohnt/
Gut, mit Leuten, die keinen Geschmack haben, kann man schwerlich über einen streiten. Ich frage aber: Welche Leserinnen und Leser, die vielleicht noch zwischen Zustimmung und Ablehnung pendeln, will er mit solchen Veröffentlichungen überzeugen?
Aber klar – jeder, wie er kann und mag…
Um noch dem dümmsten Argument entgegenzutreten: Nein, ich setze mich nicht mit der AfD gleich. Bis zum Ende meiner Tage werde ich Sozialdemokrat bleiben, obwohl das derzeit nicht vergnügungssteuerpflichtig ist. Was ich beschrieben habe, sind ganz allgemeine Mechanismen.
Auf jeden Fall sollte man aber nicht kotzen, bloß weil ein anderer dummes Zeug erzählt. Das tut dem eigenen Wohlbefinden nicht gut. Ich empfehle Lachen – ist besser für die Verdauung!

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