Vorsicht, Mikrofon!
„Die Entscheidung des Bundeskanzlers nehme ich zur Kenntnis. Dass er sie – anstelle eines persönlichen Gesprächs mit mir – zuerst in Parteigremien und vor der Presse verkündet hat, bleibt seine eigene Stilfrage.“ (Tino Sorge, CDU, zu seiner Entlassung als Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit)
https://x.com/TinoSorge/status/2081748658769232249
Bundeskanzler Friedrich Merz hat seine Regierungs-Umbildung nun hoffentlich bald abgeschlossen. Genügend Kollateralschäden sind ja inzwischen entstanden:
Da erfährt ein Staatssekretär seine Entlassung als Erstes in der Presse, einem Verkehrsminister wird sie lieber erstmal nicht mitgeteilt, weil der vorgesehene Nachfolger es sich anders überlegt. Und der neue Gesundheitsminister hat noch vor einiger Zeit bekannt, in diesem Ressort nicht der Richtige zu sein, da er von diesem Fachgebiet kaum Ahnung habe:
https://www.youtube.com/watch?v=AX0GYPg8VkM
Die bisherige Sport-Staatsministerin im Kanzleramt, Christiane Schenderlein (CDU), wechselt ins Bundesgesundheitsministerium. Warum auch immer. Mit der Kommunikation hat der Chef es nicht so – Verwirrung allenthalben.
Ich täte mich in der Politik ebenfalls schwer. Meine Sache ist es nicht, auf jeden aufgeschlossen zuzugehen und mir geduldig irgendeinen Schmarrn anzuhören. Dem legendären britischen Premier Winston Churchill wird das Zitat zugeschrieben:
„Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit dem durchschnittlichen Wähler.“
Immerhin aber musste man in meinem Beruf einen Schüler anhören, bevor man eine „Ordnungsmaßnahme“ gegen ihn verhängte. Der Gesprächsfaden durfte also nie ganz abreißen, was grobe Fehlentscheidungen vermied.
Von der CDU-Landtagsfraktion Rheinland-Pfalz fing sich der Kanzler wegen des Rauswurfs des Verkehrsministers (Bruder des dortigen Ministerpräsidenten) die Absage eines vorgesehenen Treffens ein: „Ein persönlicher Austausch [...] setzt aus unserer Sicht ein Mindestmaß an gegenseitigem Vertrauen und Wertschätzung voraus, was durch die aktuelle Situation so leider nicht gegeben ist.“
Harter Tobak! Die Reaktion des Angesprochenen: Bis zum Herbst werde sich das schon wieder geben. Sprich: Die werden sich bald abregen. Echt jetzt? Vielleicht erst, nachdem man die Landtagswahlen im Osten krachend verloren hat?
Ich fürchte, Friedrich Merz kann mit Menschen nicht allzu viel anfangen – Kritik wird gerne damit erklärt, dass die anderen wenig Ahnung haben. Das mag ja öfters stimmen, ist aber keine Basis dafür, vom Volk geliebt zu werden. Der Kanzler ist der Prototyp eines Experten, der sich in seinem Fachgebiet exzellent auskennt, den man aber vor der Kundschaft ins Hinterzimmer wegsperren sollte.
Es ist ja kein Zufall, dass er einst von „Mutti“ entsorgt wurde, erst im dritten Anlauf Parteivorsitzender wurde und bei der ersten Kanzlerwahl durchfiel. Warnsignale gab es also genügend.
Dazu kommt der gruselige Regional-Proporz: Da muss es dann für eine offene Stelle unbedingt eine Frau aus Brandenburg sein – wenn’s geht, lesbisch und im Rollstuhl. Dann hätte man zusätzlich genug Minderheiten bedient. Erfahrung und Sachkunde unerwünscht – sonst passt’s nicht mehr zum Rest…
Ich hätte einen weiteren parteiübergreifenden Vorschlag zur Verbesserung des politischen Klimas: Die Mitarbeitenden von Spitzenpolitikern sollten alles Erdenkliche unternehmen, ihre Chefs von Mikrofonen fernzuhalten und ihnen den Zugang in soziale Medien zu versperren!
Leider ist der Journalismus bei uns zur Geschwätzindustrie verkommen. Kaum schalte ich die Nachrichten ein, kriege ich schon wieder was „eingeordnet“. Wo mich doch ein spannendes Durcheinander viel mehr inspiriert!
Ständig werden die politischen Stars vor die Kamera und in Talkshows gezerrt und von moderierenden Nervtöten gelöchert. In ihrer Not sondern die Armen dort von ihren Pressesprechern erfundene Politphrasen ab. Meine Lieblings-Satzeröffnung: „Wir müssten nun wirklich…“. Leute, ihr seid doch in der Regierung – dann macht es halt einfach!
Heute hält man Politikerinnen und Politikern von früh bis spät Mikrofone vor die Nase. Ständig müssen sie erklären, was sie tun wollen – und kommen vor lauter Interviews und Talkshows kaum dazu, es zu verwirklichen. Zum Nachdenken schon gar nicht.
Auch das Berufsbild hat sich massiv verändert. In den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik wurden (leider fast nur) Männer gewählt, die es im Berufsleben schon zu etwas gebracht hatten: Konrad Adenauer beispielsweise war von 1917 bis 1933 Oberbürgermeister in Köln.
Heute laufen die Karrieren anders: Nach dem Abitur studiert man irgendwas in Richtung Soziologie oder Politik und wird dann Assistent(in) eines Abgeordneten, später dann selber einer. Die Berufserfahrung tendiert gegen Null. Ein schönes Beispiel ist unser Vizekanzler:
https://de.wikipedia.org/wiki/Lars_Klingbeil
Von Konrad Adenauer stammt der Satz, ein Politiker dürfe zwar nicht lügen – er müsse aber nicht alles sagen, was er wisse. Heute kann man hinzufügen: Schon gar nicht sollte er über Dinge reden, von denen er wenig bis nichts weiß.
Die größte Bedrohung unserer Demokratie ist das Mikrofon.
Heute wird verlangt, dass man zu allem eine Meinung hat. Natürlich auf der Basis profunden Fachwissens. Und auch ohne politisches Mandat kann man auf Klugschwätzer-Foren wie Facebook den Ahnungslosen die Welt erklären. Oder zumindest den richtigen Tango vorturnen.
Ich warte sehnlich auf Politiker, welche auf die unglaublich gescheite Frage einer Talkshow-Schnepfe mal mit den Worten reagieren: „Keine Ahnung. Und Sie?“ Oder im Kölner Raum: „Da wissense mehr als isch.“
Schön wäre auch: „Darf ich zunächst meine Tante Klara in … grüßen?“ Das hätte wenigstens einen Sinn!
Da mir schon so oft bescheinigt wurde, vom Tango nichts zu verstehen, gerate ich gar nicht in Gefahr, „Tango-Geheimnisse“ zu verraten. Zumal es dann ja keine mehr wären. Das überlasse ich lieber einem eingeweihten Kollegen:
https://www.youtube.com/watch?v=m6B6C8bWmYQ
Aber Sie müssen das nicht einordnen!
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