Was wir auch schon mal gemacht haben

Bekanntlich bin ich beim Tango kein Freund von „kasernierten Lehrveranstaltungen“. Auch Kollege Wendel sieht solche Events eher skeptisch.

Den Titel meines Artikels habe ich mir vom Kollegen ausgeliehen, der ihn als „gefährlichsten Satz“ nach einem Workshop bezeichnet: „Das haben wir auch schon mal gemacht.“ Er schreibt: „Gemacht vielleicht. Aber gelernt?“

Untertitel: „Tango-Workshops und das große Vergessen“.

Ich habe solche Lehrgänge bereits in meinem „Milonga-Führer“ veralbert:

„Internationales Tango-Weekend St. Dödel hinterm Holz: Hier gibt es vorwiegend Workshops (Pasos speciales por los ignorantes Alemanes), exklusive Milongas (Encuentro: Wir schlafen im Stehen), Tanzshows (Elvira y Roberto mit ihrem unvergleichlichen Milonguero-Salon-Fusion-Stil), Cabeceo-Seminare (Blinzel-Workshop), Kulinarisches (Tango-Schlemmer-Buffett), Seminare (Die traditionelle Tangomusik aus Schweizer Sicht) sowie kulturelles Rahmenprogramm (Vernissage von Dörthe Kraushaar-Krawuttke: Tangoskulpturen in Vollmilch-Trauben-Nuss).“

Der Kollege schreibt mit Recht: „Zeit ohne Übung verändert im Tango fast nichts. Man kann am Sonntag etwas verstanden haben und am Donnerstag schon wieder im alten Muster hängen.“ Sogar schon am Montag.

„Der Kopf sagt: Habe ich verstanden. Der Körper sagt: Schön für dich. Ich warte auf Wiederholung.“ Wie wahr!

Häufig verpuffen die schönen Lerneffekte in kurzer Zeit – so sie denn überhaupt eintraten.

Gastlehrer, so der Autor, verzweifelten oft daran, dass sie nach einem Jahr Abwesenheit bei ihren Leuten wieder genau die alten Probleme vorfänden. Dazu muss man aber gar keinen Unterricht geben. Ich habe das zu Szenen, die ich seit Jahren kenne, oft genug beschrieben.

Der Unterricht werde zum „Verbrauchsartikel“. Ich darf hinzufügen: Für den es immerhin Knete gibt. Tango-Lehrkräfte werden glücklicherweise nicht nach Erfolg vergütet.

Ich kann Klaus Wendel aber nur beipflichten, wenn er meint, man lerne so keinen Tango – man besuche ihn.

Und die Illusion, dass man weitergekommen ist, beweist dann das schöne Gruppenfoto auf Facebook. Nur leider, so Wendel, tanze es nicht. Ach, darüber bin ich eigentlich ganz froh…

Ich kann den Text des Kollegen nur wärmstens zu Lektüre empfehlen. Er schreddert darin genüsslich Illusionen. Begeisterung in der Veranstaltungs-Szene wird er daher nicht auslösen. Aber das macht ja nichts.

https://www.tangocompas.co/gedanken-ueber-tango-unterricht-58-teil/

Man sollte sich dazu die einfache Frage stellen: Wieviel Prozent der Zeit, die man für ein „Workshop-Wochenende“ investiert, bleibt eigentlich für das Lernen?

Man muss ja alle möglichen Reisevorbereitungen treffen, Verkehrsstaus überwinden, sich vor Ort einrichten, Organisatorisches bewältigen, sich ums Essen kümmern, vielleicht auch noch putzen, die Betten selber beziehen, Dutzende von Bussis verteilen sowie längelang Unsinn anhören sowie selber verkünden. Wenn man Pech hat, gibt es noch Frühgymnastik, einen Yoga-Kurs und einem Psycho-Seminar zur Familienaufstellung. Und dann hat noch jemand Geburtstag – es ist das nackte Grauen!

Also, Hand aufs Herz: Wieviel Zeit fürs Tangolernen? Fünf Prozent oder weniger? Und für wieviel Geld?

Wenn ich vom Pörnbacher Wohnzimmer schreibe, sind irgendwelche doofe Sprüche von Lesenden bereits eingepreist. Öde und provinziell...

Warum eigentlich?

Wenn wir Tango üben möchten, brauche ich höchstens zehn Minuten, um den Teppich wegzurollen, die Schuhe zu wechseln und ein paar CDs herauszusuchen. Manchmal sind wir zu zweit, öfters haben wir wenige Gäste, die mitmachen.

Der Kollege erwähnt in seinem Artikel mit keinem Wort die Musik. Für uns steht sie im Mittelpunkt. Ich suche oft sehr herausfordernde moderne Aufnahmen heraus – wir wollen uns ja nicht langweilen, sondern an die Grenzen gehen. Zur Entspannung gibt es auch mal wunderbare Schnulzen – es soll ja nicht nur das Hirn, sondern auch das Herz mittun. Zu dem Zweck darf es auch mal eine emanzipatorisch unkorrekte EdO-Kamelle wie diese sein. Mit meinem Lieblings-Tangotenor, den kaum einer auflegt:

https://www.youtube.com/watch?v=mzVtycFbx_0&list=RDmzVtycFbx_0&start_radio=1

https://www.todotango.com/musica/tema/3350/Munequita-de-Paris/ 

Wir müssen ja nix „lernen“. Wir probieren halt herum, und wer was dazu sagen will, darf das natürlich. Aber die meiste Zeit verständigen wir uns ohne Worte.

Wenn wir Glück haben, kocht uns Karin zur Pause sogar noch einen Kaffee, den wir auf der Terrasse mit Blick in den großen Garten genießen. Und ich freue mich jedes Mal, dass ich auf kein Workshop-Wochenende fahren muss! Manche Gäste auch.

„Fortbildung“ muss keine räumliche Angabe sein.

P.S. Klaus Wendel beklagt sich zu Recht über Kursteilnehmende, die „mit fast bewundernswerter Zuverlässigkeit zu spät kommen“: „Wer in einen laufenden Unterricht platzt, erzeugt Unruhe. Die Konzentration ist weg, Paare sortieren sich neu, Erklärungen werden verpasst, und der eigene Körper hat noch nicht begriffen, dass jetzt Tango ist.“

Ich glaube, solche Leute haben vor allem nicht kapiert, dass Pünktlichkeit Wertschätzung bedeutet. Leider reißt diese Unsitte immer mehr ein.

Bei meinen Zauberkursen hatte ich anfangs auch dieses Problem – bis ich eine Lösung fand: Ich begann auf die Minute pünktlich – egal, ob schon alle da waren. Aber nicht mit irgendwelchen Vorreden oder dem Abhaken der Teilnehmerliste. Stattdessen führte ich sofort ein Kunststück vor, das im Kurs gelernt werden sollte. Aber nur einmal – und begann dann mit den Übungssequenzen. Mehrfach erwähnte ich beiläufig, es sei natürlich schade, dass manche die Gesamtwirkung nicht mitbekommen hätten…

Erst zum Schluss zeigte ich den Ablauf nochmal im Ganzen.

Nach der Mittagspause erschienen alle pünktlich – manche schon 20 Minuten früher.

Man nennt das: Lernen am Erfolg!

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