Auf neuem Kurs

Die Tangolehrerin und Veranstalterin Steffi Stenzel aus Fürth liegt voll auf Emanzipationskurs. Nicht erst jetzt engagiert sie sich für das Tanzen in beiden Rollen und fördert speziell auch führende Frauen (und folgende Männer).

In einem Facebook-Beitrag lässt sie es ziemlich krachen:

Zerstört die weibliche Emanzipation den traditionellen Tango? Stenzel bezeichnet das als „Narrativ einer patriarchal geprägten Tanzwelt“. Wenn Tänzerinnen nicht mehr auf männliche Partner angewiesen sind, seien die Kerle nun eingeschüchtert und blieben weg. Die Autorin nennt das „Täter-Opfer-Umkehr“ und „Ego-Problem“ des Mannes.

Echt jetzt? Der Tango, ja die Tanzwelt insgesamt, ist „patriarchal geprägt“? Das behaupte ich nun seit vielen Jahren, ohne auf große Zustimmung zu stoßen. Aber vielleicht muss es mal eine Frau sagen!  

Wenn auf „klassischen“ Milongas 30 Prozent Herren auf 70 Prozent Damen träfen, so die Autorin, werde das als normal angesehen. Wenn viele davon aber auch führen könnten und sich so das Verhältnis deutlich ändere, sei das bei den Herren Grund zur Panik. In ihrer Schule würden jedenfalls „keine Geschlechterklischees“ trainiert. „It takes two to Tango!“ 

Na ja, an der reinen Zahl wird es nicht liegen…

In den Kommentaren sind sich alle entsetzlich einig.

Na gut – ich will nun lieber nicht über das erweiterte Geschäftsmodell von Tangoschulen nachdenken, welches solche Optionen natürlich auch ermöglichen. Meine Satire-Muse, die mir diesen Satz soeben eingeblendet hat, habe ich streng verwarnt!

Ich verstehe nur nicht, wieso man dann im Tango immer noch die hochheiligen „Traditionen“ beschwört. Dass Frauen führen, Männer folgen oder gar gleichgeschlechtliche Paare tanzen, gilt in der argentinischen Kultstätte des Tango oft noch als verworfene Praxis, die in Veranstaltungen gelegentlich auch den Rausschmiss zur Folge hat. Dennoch wirbt man landauf, landab mit argentinischen Tangolehrern und DJs.

In einer Vielzahl von Artikeln habe ich den männlichen Dominanzanspruch bestritten und emanzipatorische Ansätze unterstützt – mit mäßigem Erfolg.

Na, wollen wir hoffen, dass Initiativen wie die oben beschriebene nicht nur zu neuen Workshops und Kursen, sondern auch zu einem inhaltlichen Umdenken führen!

Warum lockt der Tango gerade ein Geschlecht an, das mit Tanzen sonst gar nix am Hut hat? Öfters habe ich dazu den Grund vernommen: „Weil da der Mann noch Mann sein kann“.

Warum zieht der Tango einen Typus aufs Parkett, das sonst – wenn überhaupt – nur  in besoffenem Zustand tanzt?

Weil man sich auf eine männliche Domäne stützen kann – statt der schwangeren Gefährtin selber schwer atmend beim Hechelkurs assistieren zu sollen.

Und wieso müssen sich Damen jeden Alters auf traditionellen Milongas immer noch mit schwingenden Kleidchen und High Heels kostümieren? Klar, weil sie sonst sitzen bleiben oder Führen lernen müssen.

Vor Jahren habe ich einen Passauer DJ zitiert, dessen eindrucksvollen Worte sogar per Video verewigt sind:

Aber: Ich gebe es keiner Dame, die… diesen Raum gebe ich keiner Dame, die nicht im Großen und Ganzen alle meine Führungssignale richtig versteht – und wo ich auch merke, dass sie die Musik… das mag jetzt arrogant klingen, aber ich bin auch Disc Jockey geworden … Tango DJ geworden, weil ich natürlich tief in der Musik bin und die Musik sehr gut kenne und die Instrumente höre und auch die Musiker meistens auch kenne – die großen Solisten beispielsweise, die großen Virtuosen – und wenn ich merke, die Dame, die kann jetzt mit den Sachen… die meint vielleicht, sie kann damit was anfangen, aber dem ist nicht so, in meinen Augen, dann kann ich ihr den Raum nicht geben, es ist für mich kein interessanter Tanz dann.“


https://www.youtube.com/watch?v=wUJURLr4Z4k
(ab 5:05)

(Offenbar wurde das Video inzwischen gekürzt, so dass noch schlimmere Passagen fehlen.)

Ich kommentierte damals: „Mag das nun arrogant klingen? Aber nein, nur völlig bescheuert. Aber eventuell kann man so tief in den Tango eintauchen, dass die Sauerstoff-Versorgung…“

https://milongafuehrer.blogspot.com/2019/10/gleichberechtigung-von-berlin-bis-passau.html

Ich fürchte, solche antiquierte Sichtweisen sind auch heute noch im Tango weit verbreitet. Und selber Tanzen gehört nicht gerade zu den männlichen Traumvorstellungen. Öfters habe ich die Frage geäußert: Welchen Männertyp lockt ein Tanz an, bei dem die Frauen nur dann gute Aufforderungschancen haben, wenn sie halbwegs jugendlich und sexy aufgebrezelt sind? Und auf begehrliche Blicke warten müssen, um tanzen zu dürfen? Wobei selbstredend der Mann führt?

Natürlich begrüße ich jede emanzipatorische Initiative. Die Botschaft höre ich wohl, und um den Glauben werde ich mich bemühen. Mein Wunsch ist daher:

Hoffentlich führt der neue Kurs nicht nur zu neuen Kursen! 

Quelle:

https://www.facebook.com/stefanie.stenzel.75/posts/pfbid02fqASpmX2Uf98yryc3DJxRs1kBXVBxhXyX3XcHAvyWc6nRNeZUHiZBxQ1tqPCpLKtl

Kommentare

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