Die Welt im Video

Immer wieder wird mir vorgehalten, ich bezöge mich in meinen Artikeln nicht auf direkte Erfahrungen, sondern verarbeite lediglich „YouTube-Schnipsel“. Warum ich mir nicht persönlich ein Bild mache?

So schrieb mir gestern ein Kommentator:

„Gehen sie mal zu Tuga Tango nach Lissabon.
Immer wieder verblüffend, wie sie sich trauen, über etwas zu schreiben, von dem sie keine Ahnung haben. Immer und immer wieder beweisen Sie, dass ihr Weltbild, das durch YouTube Schnipsel gebildet wurde, ein pures Hirngespinst ist.“

In meinem vorgerückten Alter habe ich es halt nicht mehr so mit langen Fahrten. Das war früher anders, als wir zu Buchvorstellungen eingeladen wurden und quer durch Deutschland reisten.

Anfangs lernten wir auf diese Weise wirklich interessante und unterschiedliche Tangoszenen kennen. Im Lauf der Jahre mussten wir aber feststellen, dass die Milongas hinsichtlich Musik, Personenkreis und Tanzweise immer ähnlicher wurden. Selbst wenn ich jünger und gesünder wäre, würde ich es mir heute gut überlegen, nach weiten Fahrten an Ereignissen teilzunehmen, die ich auch vor meiner Haustür erleben kann.

Veranstaltungen mit großer Offenheit bezüglich Musik und Verhaltensnormen, Organisatoren, die mit großer Herzlichkeit agieren, sind selten geworden, aber es gibt sie noch. Oft eher auf dem flachen Land und ohne kommerzielle Absichten. Manchmal sogar näher als Portugal. Das idealistische Engagement von Laien kann man gar nicht hoch genug rühmen. Ihr Verdienst ist es, dass Leute wie ich nicht gänzlich aus dem Tango verschwinden.

Von solchen Veranstaltungen gibt es kaum Videos.

Desto mehr natürlich von Personen, die auf kommerziellen Erfolg aus sind. So entstehen Bilddokumente, die den Event in Weichzeichner-Qualität illustrieren: Glückliche junge Menschen bewegen sich Wange an Wange zu unterlegten Klängen, die Füße zeigt man eher weniger. Stattdessen fährt die Kamera übers opulente Büfett: Tango-Disneyland. Und von der C02-Bilanz spricht man in der umweltbewegten Szene lieber nicht…

Immer wieder erhalte ich empörte Reaktionen, wenn ich solche Videos in meinen Artikeln veröffentliche. Wieso eigentlich? Grundsätzlich sorge ich doch für eine Weiterverbreitung des Angebots! Gut – manchmal mit einem ironischen Kommentar. Aber die Grundlage jeder Werbung ist doch: Besser eine kritische Erwähnung als gar keine! Und wenn ich was satirisch beleuchte, ist das für viele sogar eine Empfehlung…

Warum also die Aufregung, wenn ich Filmchen von Veranstaltungen verlinke? Vielleicht, weil man den Event noch viel toller in Erinnerung hat als im Video gezeigt?

Der Mensch neigt zu selektiver Erinnerung: Was von einer Bergsteiger-Tour im Gedächtnis bleibt, ist das schöne Gipfelfoto und nicht die Zeit, die man mit einer Reise-Diarrhö auf dem Klo verbracht hat.

Aber vielleicht sehen die himmlischen Tänze, die man gefühlt erlebt hat, auf dem Video doch eher durchschnittlich aus? Aber dafür kann ich nichts!

Warum soll ich mich stundenlang ins Auto setzen, um ein Event zu erleben, das in Wirklichkeit nicht ganz so schön war wie auf dem Video? Um mich mit ewig grüßenden Murmeltieren zu treffen?

Ich fürchte, in der Tangoszene gibt es den Typ von Urlaubern, die das Exotische suchen und sich dann beschweren, wenn es an fernen Stränden weder Schnitzel noch deutsches Bier gibt. Und progressiv mit 1940er Musikpräferenz denken.

Daher lasse ich mich gerne einen Stubenhocker schimpfen, der in halb Europa nicht immer wieder das Gleiche sucht und findet.

Egal – vielleicht soll ich einfach die Finger von Sachen lassen, die mich nichts angehen. Aber das ist für einen Satiriker keine Option!

Da bleibe ich doch lieber „YouTube-Experte“

P.S. Gerade auf der FB-Seite von Rafael Busch gefunden:

„I don’t dance so that others will love me. I dance to love myself.“

https://www.facebook.com/rafael.tango.berlin/posts/1720820272285720:1720820272285720

O mei‘, wenn ich das wieder geschrieben hätte…

Und nun auf zum „Tuga Tango“ nach Lissabon, wo erstaunlich junge, teils bauchfreie Personen sich massenhaft im Halbdunkel zu einem unterlegten EdO-freien Walzer bewegen. Nicht nur Chirurgen verdienen am Schnitt:

https://www.youtube.com/watch?v=HR7X7RFOJN8&list=RDHR7X7RFOJN8&start_radio=1

Kommentare

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