Von den fehlenden Freiheiten
Titel von Artikeln können manchmal viel aussagen: Nach „Tango, Neo-Tango und die Freiheit, die manchmal keine war“ gibt es nun die Fortsetzung: „Tango, Neo-Tango und die Freiheit, die immer noch keine ist“.
Ohne Zweifel: Mit der Freiheit hat es Kollege Wendel nicht so.
Den ersten Teil habe ich bereits besprochen: https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/07/aus-den-fruhen-wendeljahren.html
Auch der zweite reizt mich zu einigen Anmerkungen:
Der Kollege stellt gleich mal fest, manche verwechselten „Freiheit“ mit „Beliebigkeit“. So geht’s natürlich nicht – Freiheit muss schon ihre Ordnung haben! Wo kämen wir sonst hin?
Dankenswert, dass Wendel die vielen Begriffe, die um den Neotango kreisen, auseinanderklamüsert. Nur bringt das halt auf der Tanzfläche nicht viel.
Klar, Piazzolla kommt dabei nur in der Theorie vor. In den Playlists fehlt er fast völlig. Sowohl die konservative als auch die moderne Fraktion im Tango missachten ihn nach Kräften.
Sicher, Naveira, Salas und Frúmboli haben wichtige Beiträge zur modernen Tangoentwicklung geliefert. Aber inzwischen sind sie weitgehend zu den Honigtöpfen der Tradition zurückgekehrt. Frage: Was bringt uns das heute in der Milonga-Wirklichkeit?
Wendel stellt fest: „Je freier die Form wird, desto mehr Wissen braucht sie.“ Sorry: Sie braucht gar keins. Tango tanzt man nicht auf der Basis wissenschaftlicher Abhandlungen, sondern mit Emotionen, die aus der Freude an der Musik kommen!
Der Autor entdeckt überall Gefahren und „Fallen“ in der modernen Tangoentwicklung. Und weil es so riskant ist, bleiben wir doch besser beim Alten?
Ein Beat, so lesen wir, könne „Musikalität verdecken“. Ich dagegen wäre schon froh, wenn ihn einer mal hören und auf der Piste darauf reagieren würde, statt somnolent umherzuirren!
Tatsächlich lobt Wendel moderne Ensembles wie Sexteto Cristal, Sexteto Milonguero, El Arranque oder Orquesta Romántica Milonguera, also zeitgenössische Tangomusik. Nun, die haben wir in Pörnbach jahrelang rauf und runter gespielt und mit Begeisterung dazu getanzt. Und tun es immer noch.
Aber klar, das gilt nicht, da kann der Kollege seine dämlichen Vorurteile nicht überwinden: Musikalische Anregungen, die von mir kommen, müssen schlecht sein!
„Es gibt modernen Tango, der sehr wohl Tango bleibt.“ Genau das war und ist unser Ansatz. Nie haben wir Popmusik-Gedudel favorisiert, das mit Tango nichts zu tun hatte. Das ist vielleicht mal gut für eine kurze Ohrenspülung zwischendurch, aber nie die Basis für eine Milonga!
(Leider haben wir gestern Abend mal wieder das Gegenteil erlebt.)
Ich gebe dem Autor also völlig recht, wenn er schreibt, der Begriff „Neotango“ sei zu einer „Chimäre“ geworden: „Früher habe er eine Tango-Gegenkultur bezeichnet, musikalisch von progressiven Post-EdO-Orchestern über Piazzolla bis zu Tango-Fusion-Bands und jungen Orchestern. Später sei die musikalische Substanz verloren gegangen, weil viele Neo- oder alternative Veranstaltungen Musik spielten, die kaum noch Tango-Wurzeln habe.“ So zitiert Wendel einen Vertreter des Neotango. Bemerkenswert!
Leider muss als Disziplinierungsmittel mal wieder die gute, alte Ronda herhalten, die nicht verschwinde, „nur weil das Licht bunter ist“. Natürlich nicht. Meine Erfahrung ist aber, das fantasievoller Tanzende oft geschickter im Navigieren sind, weil sie durch ihre größeren Bewegungen gezwungen sind, besser aufzupassen. Wer nur daran gewöhnt ist, in Zeitlupe hinter den Vorderleuten her zu tappen, lernt die Raumaufteilung nur sehr begrenzt, beklagt sich aber hinterher umso lauter über das „rücksichtslose Tanzen“.
Vielleicht sollten wir mal aufhören, jeden Schwachsinn mit dem „fehlenden Platz“ auf der Piste zu rechtfertigen. Ich kenne genug Milongas, wo man räumlich nicht eingeengt ist.
Wendel beklagt, Tango nuevo sei zum Etikett ohne Inhalt verkommen. Ich fürchte, da hat er recht. Vielleicht deshalb, weil man Komponisten wie Piazzolla viele Jahre zum Buhmann erklärt hat, den man möglichst aus der Milonga-Beschallung herauszuhalten habe?
Der Kollege belehrt uns abschließend, Freiheit im Tango werde oft missverstanden: „Wer die Form öffnet, braucht nicht weniger Können, sondern mehr.“ Sollen wir also vorsichtshalber bei der heute üblichen Dummie-Beschallung bleiben, damit nur ja alle mitkommen?
Ich hätte einen anderen Vorschlag: Vielleicht könnten wir damit aufhören, die Menschen aus dem Tango zu vertreiben, welche über ein gutes Gehör und tänzerisches Talent verfügen – auch wenn dann weniger übrigbleiben und die Umsätze eventuell zurückgehen?
Oder konzentrieren wir uns weiterhin auf das Heer der Herumtapper, weil’s halt mehr Kohle bringt, und liefern ihnen die dazu passende Förderschul-Beschallung?
Wir haben die Wahl!
Freiheit, so Wendel, entstehe erst, wenn man genug könne. Da widerspreche ich heftig: Sie steht jedem zur Verfügung, ganz unabhängig von Verdiensten (oder Verdienst).
Sonst bleibe von der großen Freiheit nur Bewegung übrig, so das Resümee des Kollegen. Na, immerhin besser als Stillstand!
P.S. Ich habe schon vor Jahren an einen vergessenen Musiker und Komponisten des Tango nuevo erinnert: Omar Valente.
https://milongafuehrer.blogspot.com/2018/10/die-vergessenen-musiker-omar-valente.html
Wenn ich mal besonders glücklich sein möchte, muss ich zu einem Stück wie diesem tanzen:
https://www.youtube.com/watch?v=_1JGwZGOY8o&list=RD_1JGwZGOY8o&start_radio=1
Zugriffe 8.7.: 1996
Und hier noch eine Szene unserer Wohnzimmer-Milonga (hätte ich fast vergessen):


Lieber Her Riedl,
AntwortenLöschenbitte, tun Sie uns einen Gefallen: Lassen Sie Taten folgen. Schreiben Sie nicht nur, sondern tanzen Sie dazu, filmen sie es und stellen das Video online. Beweisen Sie uns, wie frei man zu diesem – übrigens konzertanten – Stück "Alegria…" (oder wie es heißt) tanzen kann. Besonders neugierig bin ich, wie Sie die Einleitung mit dem Piano-Solo tänzerisch umsetzen. Es würde doch manche anregen, wie frei und kompetenzfrei man sich doch zu äußerst komplexer Musik bewegen kann. Zeigen Sie Mut und Willen mal wirklich etwas zu bewirken. Aber wie ich Sie kenne, haben Sie nicht einmal den Mut, diesen Kommentar zu veröffentlichen, – riecht nach falschem Namen oder sonstigen anrüchigen Verfehlungen, oder?
Mit freundlichen Grüßen
Frauke Heinrich
Liebe Frau Heinrich,
Löschengrundsätzlich steht unser Wohnzimmer für Interessierte offen. Sie können uns also gern mal zu einer Tanzrunde besuchen. Hoffentlich auch mit Ihnen! Dann lege ich das Stück auf.
Meine Kontaktdaten finden Sie im Impressum. Ein Termin wird sich finden.
Beste Grüße
Gerhard Riedl
In ihrer Antwort ist Frau Heinrich leider mit keinem Wort auf meinen Vorschlag eingegangen. Daher keine weitere Veröffentlichung.
LöschenIch fürchte, unser Treffen wäre schon daran gescheitert, dass es diese Frau gar nicht gibt...
Löschen