Von verzerrten Realitäten
Klein Mäxchen wird von seiner Mama jeden Sonntag in den Gottesdienst geschickt. Hernach fragt sie ihn, worüber der Pfarren gepredigt hat: „Von der Sünd‘. „Und was hat er gesagt?“ „Er is‘ dagegen.“
Aktuell ist nun der nächste Hetzartikel über mein Blog und meine Person erschienen: „DasRiedl’sche Realitätsverzerrungsfeld“ nennt ihn der Autor – Untertitel: „Vom Tangoblog zur Bloggerschlacht“. Dazu eine dämliche Karikatur von der Qualität religiöser Traktätchen, wie man sie bei Sekten in der Preislage der „Zeugen Jehovas“ findet. Selber würde ich mich schämen, meine Gegner so darzustellen.
Aha, es geht also um Inhalte… echt jetzt? Bei solchen Titelbildern?
Ich würde meine Leserinnen und Leser auch nicht mit einer fetten Unwahrheit bedienen: In meinem letzten Artikel sei es um eine „Buchbesprechung“ gegangen. Gleich danach biegt der Autor um: „Nur handelt es sich bei näherem Hinsehen kaum um eine Buchbesprechung. Eher um eine Besprechung des Werbetextes über das Buch.“
Ja klar, das kann man in meinem Artikel nachlesen: „Ich werde mir das Buch sicherlich nicht kaufen – daher kann ich nicht beurteilen, ob es seine Versprechen hält. Was ich für satirewürdig halte, ist jedenfalls die Werbung dafür.“
https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/07/unplugged-tango.html
Methode Wendel: Man biegt so lange an der Wahrheit herum, bis sie Stoff für ein Skandälchen liefert: „Die Buchbesprechung ohne Buch“.
„Eine gründliche Auseinandersetzung wäre dabei eher hinderlich“, so der Schreiber. Das finde ich auch.
Der Kollege fragt: „Wo ist eigentlich der Tango geblieben?“ Ich weiß es auch nicht – stattdessen bietet man dem Milonga-Publikum möglichst einfältiges Schlager-Gedudel aus den 1930er und 40er Jahren. Die letzten 70 Jahre musikalischer Entwicklung werden ignoriert. So lange das so ist, werde ich darüber schreiben.
Ich halte es für einen schweren Fehler, dass sich die Tangoszene in zwei Lager gespalten hat: Die einen treten auf der historischen Stelle, und die anderen tanzen zu Musik, die mit Tango nichts zu tun hat. Auch bei diesem Thema werde ich hartnäckig bleiben.
Die katholische Kirche arbeitet seit 2000 Jahren damit, immer wieder ähnliche Fragen zu beackern. Und bei ihren Riten zu bleiben. Dieses Konzept scheint also recht erfolgreich zu sein. Meine Behauptungen aber muss man nicht einmal glauben – denken würde reichen: für manche sicherlich eine herbe Zumutung.
Wartet der Tango geduldig darauf, auch einmal „wieder die Hauptrolle spielen zu dürfen“, wie der Kollege meint? Ich frage zurück: Tut er das auf den üblichen Milongas? Oder sind viele längst zu „Szene-Treffs mit Tanzgelegenheit“ verkommen? Oder, um den Meister zu zitieren: Bewegung, während Musik läuft? Noch besser vielleicht: Herumsitzen und gucken, wer gegen die Códigos verstößt.
Zu meinen Themen: Bei fast 2400 Artikeln hat man ja eine gewisse thematische Auswahl – und auch Wendel wird es irgendwann lernen, mit meinem Archiv umzugehen. Und wie ich täglich zu meiner Freude sehe, werden auch alte Texte immer wieder viel gelesen. Dennoch ist natürlich klar: Auch im Tango ist die Menge der Themen begrenzt.
Wendel äußerte öfters den Wunsch, nur von mir „in Ruhe gelassen“ zu werden. Das ist die glatte Unwahrheit. Tatsächlich springt er auch auf Texte an, in denen er mit keinem Wort vorkommt. Beispielsweise auf meinen aktuellen Artikel:
https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/07/unplugged-tango.html
Oder auf den vorletzten:
https://milongafuehrer.blogspot.com/2026/07/tango-im-saustall.html
Selber bin ich auf etliche seiner momentanen Veröffentlichungen mit keinem Wort eingegangen (Texte vom 23., 21. und 19.7.).
Wie wird es mit meinem Blog weitergehen? Ich möchte den Fehler des Kollegen vermeiden, mutige Prognosen zu verkünden, die dann nicht eingehalten werden. Stattdessen will ich ehrlich sein: Ich habe keine Ahnung. Derzeit liefern mir meine Kritiker genügend Material. Es wäre ein Fehler, darauf nicht fallweise einzugehen. Auch im Zirkus gehört zum dummen August zwingend der Weißclown.
Wie es sich zukünftig entwickelt, weiß ich nicht. Das ist nun seit Ende 2013 so. Von Anfang an habe ich stets über das geschrieben, was ich interessant fand, mir Spaß machte. Damals war Tango mein Lebensmittelpunkt. Inzwischen wird die Distanz immer größer. Vielleicht wird mein Blog in Zukunft politischer. Lassen wir uns überraschen!
Ich habe in all den Jahren haufenweise Klugschwätzer erlebt, die ganz genau wussten, wie man ein Blog zu betreiben hat – und mich entsprechend belehrten. Im ungünstigsten Fall versuchten sie es tatsächlich selber – und verschwanden später (oder meist früher) sang- und klanglos von der Bildfläche. Es gäbe meine Seite längst nicht mehr, wenn ich auf all diese Besserwisser gehört hätte.
Momentan schreibe ich noch über Cabeceo, Ronda, Langweiler-Musik und Códigos. Und wenn man näher nachfragt wie die Mutter in der anfänglichen Anekdote, antworte ich gerne in den Worten des kleinen Buben:
Ich bin dagegen.
Quelle: https://www.tangocompas.co/das-riedlsche-realitaetsverzerrungsfeld/
Als Zugabe eine musikalische Satire aus dem Jahr 1928. Uruguayische Studenten hatten mit dem Text Tango-Angeber verblödelt:
„Weil du eine karminrote Krawatte trägst und drüben im ‚Chantecler‘
dich als Tänzer ausgibst und dir Pomade ins Haar schmierst,
meinst du richtig cool zu sein,
aber du bist nur ein armer Depp!“
Den gesamten Text findet man in einem meiner früheren Artikel:
https://milongafuehrer.blogspot.com/2017/01/nino-bien.html
Ob den Autoren damals der „Depp“ eine Abmahnung beschert hat, weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich das muntere Tangostück noch nie auf einer Milonga gehört – außer in Pörnbach. Es sang ja auch eine Frau: die legendäre Tita Merello.
Viel Spaß!
https://www.youtube.com/watch?v=6H7ZboRupbU&list=RD6H7ZboRupbU&start_radio=1

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