Drei Minuten und ein Spruch

Zweifellos haben Karin und ich in unseren frühen Parkett-Jahren Verrücktes angestellt. Öfters wurden wir bei verschiedenen Anlässen ums Vortanzen gebeten.

Gestern kam mir die Erinnerung an einen Auftritt in der Pfaffenhofener Tanzschule, wo wir über zwei Jahre lang unsere monatlichen Milongas veranstalteten.

Der dortige Chef befand, Karin und ich sollten doch bei einem Abschlussball in seinem Institut eine kleine „Tangoshow“ bieten.

Gut – wir waren zwar nicht mehr jung und brauchten das Geld nicht wirklich. Wir kriegten auch keins, sondern irgendwas in der Größenordnung von Blumenstrauß oder Sektflasche. Aber was tut man nicht alles, wenn die Eitelkeit gekitzelt wird?  

An unser genaues Programm erinnere ich mich nicht mehr. Wahrscheinlich boten wir einen klassischen Tango sowie einen Vals. Als letzte Nummer musste es natürlich ein Tango nuevo sein.

Ich war damals schwer beeindruckt von Wolfram Fleischhauers Roman „Drei Minuten mit der Wirklichkeit“ – ein Titel, der sich auf ein Tangostück Piazzollas bezieht. Das Buch handelt von der Ballett-Solistin Giulietta, die sich in einen argentinischen Tänzer verliebt und den Tango entdeckt:

„Tango entsteht aus Verzweiflung und endet darin. Es ist die Vorbereitung all dessen, was nie geschieht, und eine Erinnerung an etwas, das niemals war.“

In der Erstausgabe meines „Milonga-Führers“ habe ich den Roman näher beschrieben (S. 189-192).

Also wagten wir uns damals an Piazzollas „Tres minutos con la realidad“.

Tanzschul-Abschlussbälle haben ja ihren eigenen Charme – auch wenn es manchmal gefühlt nach Mottenkugeln riecht, da Väter wieder in den Beerdigungs-Anzug steigen müssen und die zugehörigen Muttis endlich mal ihr auf Kleidergröße 52 umgepfriemeltes Ballkleid tragen dürfen. Man kann auch interessante Studien zur Erblichkeit tänzerischer Begabung anstellen. Der Stolz auf den Nachwuchs erreicht den Grad von Abiturfeiern.

Wie üblich moderierte ich die einzelnen Vortanzstücke kurz an und betonte wie stets, dass unsere Darbietung auf reiner Improvisation beruhte.

Da geschah es genau in dem stillen Moment zwischen meiner Ansage der „Drei Minuten“ und dem Einsetzen der Musik. Ein Vater bemerkte laut und deutlich:

Da schau’n wir jetzt aber genau auf d‘ Uhr!“

Allgemeines Gelächter. In solchen Momenten ereilt einen etwas zwischen seelischem Absturz und Weltuntergang.

Warum ich den Saukerl nicht sofort abgestochen habe, lag vor allem daran, dass ich kein Messer mitführte – ein weiterer Beweis für meine Missachtung argentinischer Traditionen.

Gut, irgendwie kriegten wir die Nummer aufs Parkett, aber den Satz höre ich heute noch.

Solche Momente gibt es auch in der Zauberei. Irgendwie haben wir sie alle durchgestanden. Wahrscheinlich habe ich dadurch die Qualifikation als Blogger erworben. Auch in diesem Milieu trifft man auf solche Mischungen aus völlig fehlender Empathie und abgrundtiefer Dummheit.

Die Faszination und unglaubliche Ausstrahlung von Piazzollas Musik hat man mir nicht austreiben können. Ich schrieb damals in meinem Buch, man bewege sich beim Tango genau zu einem Musikstück, in einer konkreten Situation und Stimmung, mit einem realen Tanzpartner: „Es gibt somit beim Tango kein Davor und Danach, sondern nur die Gegenwart, diese drei Minuten mit der Wirklichkeit.“

Und für die Zeitmesser: Die Länge beträgt 3:16. Sie brauchen nicht auf die Uhr zu schauen!  

https://www.youtube.com/watch?v=lw3u57W6cf8&list=RDlw3u57W6cf8&start_radio=1

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Kommentare

  1. Klaus Wendel hat nun in Windeseile einen Text zu meinem Artikel veröffentlicht: Klar, er findet auch hier wieder Gründe, sich zu empören. Geschenkt.
    Interessant ist nur, dass er in meinem Beitrag mit keinem Wort vorkommt. Dabei behauptet er doch immer wieder, sich gegen meine Angriffe wehren zu müssen.
    Nö, ihn stört alles, was ich veröffentliche. Das muss die Welt erfahren!
    https://www.tangocompas.co/drei-minuten-wirklichkeit-jahrzehnte-verletztheit/

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  2. Warum weinen Sie? Müssen Sie sich den gegen mich wehren, wenn ich einen Beitrag über ein bestimmtes Thema schreibe?

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    1. Aber nein, gar nicht! Es freut mich ja, wenn ich Ihnen Ideen liefere. Nur sollten Sie nicht behaupten, Sie müssten schreiben, weil Sie immer in meinen Texten vorkommen.

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    2. Es geht um den Kommentar heute um 16.19. Sollte der nicht, wie angegeben, von Ihnen sein, lösche ich den ganzen Kram.

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