Wenn man stets das Gleiche tanzt

 

„Die Musik wechselt, aber der Tanz bleibt derselbe“ untertitelt Klaus Wendel den 60. Teil seiner „Gedanken über Tango-Unterricht“. Da kann ich schon mal sagen: Recht hat er!

Gemeint ist: Auf Festivals und Marathons ist Dauertanzen üblich. Wobei ich hinzufüge: Gerade Tangoveranstaltungen nach einem gut 40 km-Langlauf zu benennen und dann auf der Stelle rumzutrippeln, ist für mich Ironie der besten Sorte!

Mühelos anschließen kann ich mich vielen Feststellungen des Textes: Ein gut getanzter Tango verlangt eine Menge blitzschneller Entscheidungen und Reaktionen. Bei ausufernder Dauerbewegung fällt man aber bald auf das Abspulen simpler Muster zurück. Man tanzt halt das „Übliche“ – für den Tango wahrlich ein wenig attraktiver Ansatz!

Selten, aber doch immer wieder mal gerate ich an fremde Tänzerinnen, die mich durch ihre kreativen Ideen zu blitzschnellen Reaktionen zwingen, mich an den Rand meiner Konzentrationsfähigkeit bringen, mich mit eigenen Vorschlägen eindecken. Nach drei solchen Tänzen bin ich erstmal – im wahrsten Sinne – fertig. Aber glücklich!

Wendel beklagt, „jedes Orchester“ werde „gleich getanzt“, was er natürlich auf die guten, alten Ensembles aus grauer Vorzeit bezieht. Klar, schon das ist schlimm genug! Wie erst, wenn sich das Interesse auch noch auf zeitgenössische Gruppen richten würde… aber wir wollen nicht übertreiben!

Bei vielen Tanzenden sei nicht zu erkennen, „ob gerade D’Arienzo, Di Sarli, Donato oder Pugliese“ gespielt werde. Ich fürchte: Denen sagen meist nicht mal die Namen was.

Tanzt man „nur noch sich selbst“? Ach, so schlimm wird es nicht werden – da müsste man erstmal wissen, wer man selber ist!

Bei Üben vermisst der Kollege den „Tanz in Zeitlupe“. Na, aber gerade das ist doch heute die Kernkompetenz schlechthin!

Tänzerische Manöver – da bin ich ganz der Meinung Wendels – müssen einzeln abrufbar sein. Wer hierfür erst eine gelernte Einleitungssequenz abtanzen muss, kommt noch später als die Bahn!

Ein Zitat Wendels muss man sich unbedingt im Ganzen geben:

„So wird aus Übung Schrittsalat. Die Tänzer erinnern sich ungefähr an den Anfang, suchen unterwegs das Kreuz, sortieren ihre Füße und hoffen, dass die Partnerin ebenfalls noch weiß, wie es weitergeht. Sobald die Reihenfolge unterbrochen wird, bricht das ganze Gebilde zusammen.“

Schöner kann man’s nicht sagen…

Guter Tango entsteht stets aus dem Moment. Wenn mal beim Tanz etwas wackelte, habe ich früher öfters von der Partnerin die Frage bekommen: „Was hätte ich da tanzen sollen?“ Meine Antwort war regelmäßig: „Das weiß ich doch nicht – mach einfach weiter!“

Ich halte das insgesamt für ein gutes Konzept: Nicht nachdenken oder gar diskutieren – einfach machen. Auch, wenn der Typ an der Seitenlinie sich aufregt. Könnte uns auch im Fußball weiterbringen!

Das Eintrichtern von Schrittsequenzen – sicherlich 90 Prozent des Tangounterrichts hierzulande – führt genau zu solch vorschriftsmäßigem Abtanzen, das der Kollege beklagt, und ist daher weitgehend nutzlos. Wenn schon, sollten einzelne Elemente geübt werden, die aus dem Moment einsetzbar sind.

Einen der dümmsten Sätze über das Tanzen habe ich früher öfters im Standard- und Lateintraining gehört: „Diese Figur bauen wir nun in unsere Silber-Folge ein!“ Ich habe viele Jahre gebraucht, bis ich über solchen Kokolores lachen konnte!

Wendel beschreibt es so: „Dann werden Sequenzen unterrichtet, die vor allem spektakulär aussehen sollen: zusätzliche Verwicklungen, ungewöhnliche Beinkombinationen und allerlei sinnloses Gedöns, das technisch aufwendig ist, aber musikalisch kaum einen vernünftigen Zweck erfüllt.“

Ich darf hinzufügen: Selbst, wenn die Musik einen hätte.

Und ja: „Spektakulär“ ist nie die Figur, sondern die Art, wie sie ausgeführt wird.

Die Orchester wechselten zwar, „der Tanz aber bleibt immer derselbe“ – so das Fazit des Autors. Schlimmer noch: Meist sind es Interpreten derselben Epoche – mit dem Wechsel ist es auch in der Musik nicht weit her.

Das war in den ersten 10 oder 15 Jahren meiner Tango-Karriere anders. Da legten viele DJs aus einem ganz weiten Spektrum auf, was natürlich auf dem Parkett Folgen hatte.

Wenn ich damals eine Milonga besuchte, sah man ganz unterschiedliche, teilweise verrückte Bewegungsweisen. Während der ersten Viertelstunde hatte ich eine Liste mit Tänzerinnen fertig, mit denen ich es gerne einmal probieren wollte. Inzwischen besteht meine Aufstellung aus Tangueras, mit denen ich auf keinen Fall tanzen möchte. Und die wird immer länger.

Viele Kreatives verhindert vor allem das vorschriftsmäßige Aneinanderpappen: Die Umarmung wurde von einer technischen Hilfe zur Ideologie – und vernichtet zahlreiche Ideen, wie man auch tanzen könnte. Ansonsten: viel Gleichförmigkeit, wenig Individuelles. Die Tanzenden aus der Gründerzeit, so wird es immer wieder berichtet, wollten sich durch ihre spezielle Tanzweise von der Konkurrenz absetzen. Heute werden alle verbellt, die es wagen, einen eigenen Tanzstil zu entwickeln, der vielleicht sogar mal mehr Platz braucht: Da fallen gleich Begriffe wie „kein Respekt“ oder „rücksichtslos“. Und natürlich die Beurteilungs-Guillotine: kein Tango". Daher tanzen fast alle auf „Fehler-Vermeidung“. Damit wird jede tänzerische Weiterentwicklung erschwert, meist sogar verhindert.

Mein Tangofreund Peter Ripota hat einmal den genialen Satz geprägt: „Das Schlimmste beim Tango argentino ist es, so zu tanzen wie alle anderen.“

Ich fürchte, dieses Ziel hat man annähernd erreicht.

P.S. Noch ein Blick in die „Brave New World“ der Improvisation:

https://www.youtube.com/watch?v=oBqEkthvziI&list=PLH_R-PJrxdeuF2MYnrvirRDrIAFi2a3Mq

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Kommentare

  1. Sie begehen direkt am Anfang ihres Artikels einen Denkfehler. Waren sie mal auf einem Marathon oder Festival? Das sind genau die Veranstaltungen, wo nicht getippelt wird. Gehen sie mal zu Tuga Tango nach Lissabon.
    Immer wieder verblüffend, wie sie sich trauen, über etwas zu schreiben, von dem sie keine Ahnung haben. Immer und immer wieder beweisen Sie, dass ihr Weltbild, das durch YouTube Schnipsel gebildet wurde, ein pures Hirngespinst ist. Immer wieder werden sie von ihrer aufmerksamen Leserschaft darauf hingewiesen und immer wieder blamieren Sie sich aufs Neue. Mensch, gehen Sie doch mal raus gucken Sie sich es in echt an. Ihre verblassten Erinnerungen von vor 20 Jahren sind für ihren Pseudojournalismus nicht hilfreich. Ihre Adhominem Argumente bezüglich irgendwelche Rechtschreibfehler können Sie beruhigt stecken lassen. Wenn sie so lausig recherchieren, bekomme ich nicht das Verlangen, viel Energie in meine Zeilen zu stecken. Dennoch sage ich es Ihnen noch einmal ausdrücklich. Sie verbreiten falsche Tatsachen und machen sich, bei jedem der Realität kennt, dadurch aufs äußerste lächerlich und zu einem Clown. Gehen Sie einfach mal raus und schauen Sie es sich an.
    Per Steinhauser

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    1. Schau’n Sie, mein Lieber,
      Kommentare dieser Bauart kriege ich in dreistelliger Anzahl. Lustig ist, dass Autoren wie Sie tatsächlich meinen, das Rad neu erfunden zu haben…
      Gut, wenn Sie bis Lissabon reisen müssen, um Ihren Tango zu finden, ist das ein schweres (und vor allem teures) Schicksal. Und sich dann noch mit Hunderten Gleichgesinnter zu tangoferner Musik herumdrängen zu müssen… super!
      Da kann ich es nachempfinden, dass Sie ein wenig ausfallend werden müssen. Nur ist das kein Grund, mich ernsthaft mit solchem Geschmiere zu befassen.
      Sie haben nicht mal mitgekriegt, dass ich mich mit meinen Argumenten zum Großteil auf Klaus Wendel beziehe – immerhin einen Experten mit langjähriger Tangoerfahrung. Vielleicht diskutieren Sie mit ihm weiter. Der freut sich bestimmt!
      Stecken Sie einfach gar keine Energie mehr in Texte, die ich rauf und runter kenne. Es bringt genau nix!
      Beste Grüße
      Gerhard Riedl

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  2. Herr Riedl, Sie haben meinen Artikel bereits ausführlich als Material für einen eigenen Beitrag benutzt. Nun berufen Sie sich in Ihrer Antwort auf mich als „Experten mit langjähriger Tangoerfahrung“, um Ihre eigenen Aussagen gegenüber einem kritischen Kommentator abzusichern. Dafür stehe ich nicht zur Verfügung.
    Per Steinhauser kritisiert nicht meinen Artikel, sondern Ihre Behauptungen über Marathons, Festivals, „Herumtrippeln“ und angeblich tangoferne Musik. Diese Zusätze stammen von Ihnen. Sie haben mit meinem Text nichts zu tun. Ich habe weder behauptet, auf Marathons werde nur herumgetrippelt, noch habe ich dort gespielte Musik pauschal als tangofremd bezeichnet.
    Mein Beitrag handelt von Dauerbelastung, nachlassender Konzentration, eingeschliffenen Bewegungsmustern und einem Unterricht, der häufig Figuren vermittelt, ohne sie musikalisch zu bearbeiten. Sie machen daraus erneut Ihre bekannten Themen: enge Umarmung, traditionelle Musik, Platzbedarf, Fehlervermeidung und die angebliche Unterdrückung individueller Tanzstile. Das dürfen Sie selbstverständlich tun. Es ist dann aber Ihre Argumentation und nicht meine.
    Besonders bequem ist es, mich plötzlich als fachliche Autorität aufzurufen, nachdem Sie meine Kompetenz als Tangolehrer in zahlreichen anderen Texten infrage gestellt oder lächerlich gemacht haben. Je nachdem, was Sie gerade benötigen, bin ich offenbar entweder der untaugliche Tangolehrer oder der sachverständige Kronzeuge. Beides gleichzeitig funktioniert nicht.
    Der Kommentator stellt Ihre Kenntnis heutiger Marathons und Festivals infrage. Statt darauf sachlich zu antworten, machen Sie sich über seine Reise nach Lissabon lustig, unterstellen ihm „tangoferne Musik“ und erklären seinen Kommentar zu „Geschmiere“. Der anschließende Hinweis auf meinen Artikel beantwortet seine Kritik nicht.
    Meine Aussagen dürfen Sie selbstverständlich zitieren. Benutzen Sie mich aber bitte nicht als Gewährsmann für Behauptungen, die allein von Ihnen stammen.
    I'm not amused!
    Klaus Wendel

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    1. Lieber Herr Wendel,
      das war auch nicht meine Absicht.
      Fangen wir mal vorn an: Ihnen könnte aufgefallen sein, dass der Kommentator mit keinem Wort auf meinen Artikel eingeht. Im Gegensatz dazu bin ich noch ziemlich nahe am Thema.
      Ansonsten war meine Empfehlung, sich per Kommentar doch an Sie zu wenden, pure Ironie. Und natürlich der Versuch, einen lästigen Schwätzer an Sie loszuwerden.
      Ich habe diesen Rat schon öfters gegeben. In der Regel wird er nicht befolgt – es scheint halt interessanter zu sein, bei mir zu kommentieren. Leider.
      Beste Grüße
      Gerhard Riedl

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  3. Ich weiß nicht, ob Sie die Kommentare und Ihre eigenen Texte gründlich lesen. Der Kommentator geht sehr wohl auf Ihren Artikel ein, nämlich auf folgende Behauptung – ich zitiere:
    „Gemeint ist: Auf Festivals und Marathons ist Dauertanzen üblich. Wobei ich hinzufüge: Gerade Tangoveranstaltungen nach einem gut 40 km-Langlauf zu benennen und dann auf der Stelle rumzutrippeln, ist für mich Ironie der besten Sorte!“
    Genau diese Aussage kritisiert er. Offenbar vergessen Sie gelegentlich, was Sie selbst geschrieben haben.
    Und Ihr nun ausdrücklich eingeräumter Versuch, einen Ihnen lästigen Kritiker an mich weiterzureichen, obwohl er auf Ihrem Blog Ihre Aussagen kommentiert, ist erneut ein Ablenkungsmanöver. Was habe ich mit Ihren Behauptungen und den darauf erfolgenden Kommentaren zu schaffen?
    Der Kommentator wendet sich an Sie. Also antworten Sie ihm bitte selbst.

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    1. Habe ich ja getan. Mehr mag ich dazu nicht sagen. Und Sie hören bitte damit auf, mein Blog wieder mit Dauer-Kommentaren zu füllen!
      Und was „intellektuelle Redlichkeit“ angeht: Ich wäre schon froh, nicht ständig mit falschen Namen belästigt zu werden.

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  4. Ich verweise nochmals auf einen Text, den ich dazu verfasst habe:
    https://www.tangocompas.co/wenn-texte-gekapert-werden-ueber-legitimitaet-moral-und-intellektuelle-redlichkeit/

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