Musik ist Trump
Vor über 10 Jahren habe ich ein US-amerikanisches Blog entdeckt, das im Tonfall eine noch reaktionärere Haltung vertrat als ich sie von der deutschen Szene kannte.
Ein Autor namens „Tango Voice“ (er hielt sich für die „Tangostimme Nordamerikas“) veröffentlichte ein Manifest: „Eine Deklaration der Rechte von Tangotänzern der Ersten Welt auf eine Tangoumgebung, welche die kulturellen Traditionen des argentinischen Tango unterstützt“.
Vorschriftsmäßige Milongas müssten folgenden Bedingungen genügen:
„1. Die gesamte Musik, welche auf einer Milonga gespielt wird, ist klassische Tangomusik, die mit Tandas und Cortinas strukturiert ist.
2. Es gibt eine sanft zirkulierende Ronda, die frei von Navigationsgefahren und Exhibitionismus ist.
3. Es erfolgen keine Belehrungen auf dem Parkett. (Höchstens auf Blogs)
4. Man respektiert das Recht, die Tanzpartner per Cabeceo aufzufordern.“
Dazu jeweils ellenlange, redundante Erklärungen.
https://milongafuehrer.blogspot.com/2016/06/deklaration-der-rechten.html
Ich sah damals keine Chance, mit solchen Ideologen sinnvoll zu diskutieren, und stellte daher nur fest: „Musik ist Trump“.
Anders der Bloggerkollege Yokoito, der sich mit „Tango Voice“ auf eine lange, leider aber ergebnislose Debatte einließ. Das übliche Resultat, wenn man sich mit Ideologen anlegt. Ich habe damals über die Vorgänge berichtet:
https://milongafuehrer.blogspot.com/2016/07/tango-voice-ii-das-grauen-kehrt-zuruck.html
https://milongafuehrer.blogspot.com/2016/07/tango-evolution-beendet.html
https://milongafuehrer.blogspot.com/2016/09/tango-voice-iii-der-widerspruch-wachst.html
Klaus Wendel hat nun zu diesem Thema einen längeren Text veröffentlicht:
„TangoVoice – Was von einem Manifest übrig blieb“
Gut – natürlich wird verschwiegen, dass ich die ganze Sache damals publikmachte. Geschenkt.
Wendel fragt: „Wer besitzt das Recht zu bestimmen, was der ‚richtige‘ Tango ist?“
Tja, wenn nicht er – wer dann? Ich habe eine solche Position nie beansprucht.
Mutig hinterfragt der Kollege Begriffe wie „Tradition, Tangokultur, Respekt oder Authentizität“.
„Welche Tradition? Die der 1920er Jahre? Die der Goldenen Ära? Die der Milongas im Buenos Aires der 1980er Jahre? Die der Villa Urquiza? Die des Centro? Oder vielleicht die Tradition einzelner Veranstalter?“
Die Träne quillt – die Erde hat ihn wieder!
Allerdings kann ich mich daran erinnern, dass Wendel die vielen Playlisten, die ich veröffentlicht habe, mit Hohn und Spott überzogen hat. Dass er unsere Tanzvideos mit Schaum vor dem Mund kommentiert hat.
„Auf die Kritik wird gar nicht eingegangen. Stattdessen wird der Kritiker erklärt. Das ist ein entscheidender Unterschied.“
Ach, wirklich?
„Stattdessen richtet sich der Blick auf den Menschen hinter dem Argument.“
Da frage ich den Autor: Welchen Sinn haben dann die ekelhaften Karikaturen, die Sie immer wieder zu meiner Person veröffentlichen? Dienen die der Wahrheitsfindung oder gar dem Gedankenaustausch?
https://www.tangocompas.co/das-riedlsche-realitaetsverzerrungsfeld/
„Ein Tänzer mit anderen Bewegungsformen hat nicht bloß einen anderen Stil. Er missachtet angeblich die Tradition.“ Stimmt, von solchen Gedanken könnte man sich einmal verabschieden!
Verwundert lese ich: „Der nicht-traditionelle Tango bedroht den traditionellen offenbar nicht nur auf derselben Veranstaltung, sondern schon dadurch, dass er existiert und Anhänger findet.“ Genau das wird immer wieder von meinem Blog behauptet.
Der Autor ringt sich zu einer Feststellung durch, die von mir sein könnte:
„Schwierig wird es erst, wenn jemand nicht mehr sagt: ‚So verstehe ich Tango‘, sondern: ‚So ist Tango.‘ Dann beginnt keine Tradition. Dann beginnt die Rechtgläubigkeit.“
Ja, schon öferts habe ich die Tangoszene mit einer Sekte verglichen!
Wendel zieht sogar ein „persönliches Fazit“:
„Auch ich blieb von dieser Dynamik nicht unberührt. Wenn auf Argumente immer wieder mit Deutungen der Person geantwortet wird, entsteht irgendwann die Versuchung, ebenfalls die Person zum Thema zu machen. Man möchte erklären, warum der andere so schreibt, wie er schreibt. Damit gerät man jedoch in dieselbe Logik, die man eigentlich kritisieren wollte.“
Was mich wirklich fuchsig macht: Wendel tut so, als sei er der Angegriffene gewesen, welcher sich wehren musste. Die Wahrheit ist: Er bestellte damals mein Tangobuch, fühlte sich davon „betrogen“, wollte den Kaufpreis zurück und beschimpfte mich persönlich. Als er noch kein eigenes Blog besaß, deckte er mich mit einer dreistelligen Zahl von negativen Kommentaren ein, die stets meine Person im Fokus hatten.
Daher fällt es mir schwer, seinen jetzigen Besinnungsaufsatz nicht für Heuchelei zu halten.
Aber gut – wir werden ja sehen…
P.S. Um auf mein anfängliches Wortspiel zurückzukommen: „Musik ist Trumpf“ – eine Komposition des Multi-Schlagerlieferanten Heinz Gietz und Titelmelodie einer Fernsehreihe. Die fetzige Rhythmik würde viele heutige Tangotanzende überfordern:
https://www.youtube.com/watch?v=N9xTKZNtiho&list=RDN9xTKZNtiho&start_radio=1
Zugriffe 26.7.: 2077

Kommentare
Kommentar veröffentlichen
Kommentare sind derzeit nur per Mail an mich möglich: mamuta-kg@web.de