Identitäts-Egozentrik

 

Zu einer Zeit, als die Sozialdemokratische Partei Deutschlands noch mehr als doppelt so viele Stimmen bekam als heute, waren Persönlichkeiten wie der gelernte Germanist Wolfgang Thierse noch vertrauensbildende Aushängeschilder der Partei: Von 1998 bis 2005 bekleidete er als Präsident des Deutschen Bundestags das zweithöchste Staatsamt, von 2005 bis 2013 war er dessen Vizepräsident. 

Inzwischen ist er nicht mehr sicher, ob ihn die SPD überhaupt noch als Mitglied will. Nach seinem Artikel in der FAZ vom 22.2.21 zeigten sich Parteichefin Saskia Esken und der stellvertretende Vorsitzende Kevin Kühnert in einer parteiinternen Einladung „beschämt“ über Parteivertreter, die ein „rückwärtsgewandtes Bild“ der SPD zeichneten.

Mit gemeint durfte sich auch die Vorsitzende der Grundwertekommission, Gesine Schwan, fühlen, welche die Partei immerhin 2004 und 2009 noch für das Amt des Bundespräsidenten aufgestellt hatte. Mit ihrer Diskussionsleitung eines Gesprächs des SPD-Kulturforums hatte sie den Zorn queerer Funktionär/innen auf sich gezogen. Schwan hatte es auch abgelehnt, die queer-kritische Journalistin Sandra Kegel (Ressortleiterin Feuilleton der FAZ) von vornherein auszuladen.

Thierse bot daraufhin seinen Parteiaustritt für den Fall an, dass seine Mitgliedschaft als „eher schädlich“ betrachtet werde. Inzwischen ist man um Schadensbegrenzung bemüht.

Was hatte nun Thierse in der FAZ so Schändliches behauptet? Wie immer hilft eine Quellen-Recherche. Ich zitiere daher die wichtigsten Passagen:    

Themen kultureller Zugehörigkeit scheinen jedenfalls unsere westlichen Gesellschaften mittlerweile mehr zu erregen und zu spalten als verteilungspolitische Gerechtigkeitsthemen. Fragen ethnischer, geschlechtlicher und sexueller Identität dominieren, Debatten über Rassismus, Postkolonialismus und Gender werden heftiger und aggressiver. (…)

Die Heftigkeit mancher Attacken aufs Hergebrachte, ebenso wie die Heftigkeit der Verteidigung des Hergebrachten, die Radikalität identitärer Forderungen drängen zu der Frage: Wieviel Identitätspolitik stärkt die Pluralität einer Gesellschaft, ab wann schlägt sie in Spaltung um? (…)

Identitätspolitik, wenn sie links sein will, stellt auf radikale Weise die Gleichheitsfrage. Sie verfolgt das berechtigte Interesse, für (bisherige) Minderheiten gleiche soziale, ökonomische und politische Rechte zu erringen. Sie ist eine Antwort auf erfahrene Benachteiligungen. In ihrer Entschiedenheit ist sie in der Gefahr, nicht akzeptieren zu können, dass nicht nur Minderheiten, sondern auch Mehrheiten berechtigte kulturelle Ansprüche haben und diese nicht als bloß konservativ oder reaktionär oder gar als rassistisch denunziert werden sollten. (…)

Linke Identitätspolitik ist in der Gefahr die notwendigen Durchsetzungs- und Verständigungsprozesse zu verkürzen und zu verengen. Aber es wird nicht ohne die Mühsal von Diskussionen gehen. Diese zu verweigern, das ist genau das, was als Cancel Culture sich zu verbreiten beginnt. Menschen, die andere, abweichende Ansichten haben und die eine andere als die verordnete Sprache benutzen, aus dem offenen Diskurs in den Medien oder aus der Universität auszuschließen, das kann ich weder für links noch für demokratische politische Kultur halten. Für die gilt seit der Aufklärung: Es sind Vernunftgründe, die entscheiden sollen und nicht Herkunft und soziale Stellung. (…)

Opfer sind unbedingt zu hören, aber sie haben nicht per se recht und sollten auch nicht selbst Recht sprechen und den Diskurs entscheiden. (…)

Ja, wir Weiße haben zuzuhören, haben Diskriminierungen wahrzunehmen. Aber die Kritik an der Ideologie der weißen Überlegenheit darf nicht zum Mythos der Erbschuld des weißen Mannes werden. Die Rede vom strukturellen, ubiquitären Rassismus in unserer Gesellschaft verleiht diesem etwas Unentrinnbares, nach dem Motto: Wer weiß ist, ist schon schuldig. (…)

Die Forderung nach nicht nur gendersensibler, sondern überhaupt minderheitensensibler Sprache erleichtert gemeinschaftsbildende Kommunikation nicht in jedem Fall. Der unabdingbare Respekt vor Vielfalt und Anderssein ist nicht alles. Er muss vielmehr eingebettet sein in die Anerkennung von Regeln und Verbindlichkeiten, übrigens auch in die Akzeptanz von Mehrheitsentscheidungen."

https://www.thierse.de/startseite-meldungen/22-februar-2021/

In der Neuen Züricher Zeitung schlug sich Chefredakteur Eric Gujer in einer Kolumne auf die Seite Thierses:

„Thierse stellt die Machtfrage, indem er auf zweierlei beharrt. Für ihn ist erstens der Zusammenhalt einer Nation wichtiger als die Befindlichkeit einzelner gesellschaftlicher Gruppen und Minoritäten. Zweitens sollen in einer Diskussion Qualität und Vernunft eines Arguments den Ausschlag geben, nicht Geschlecht, Hautfarbe oder Religion. (…)

In der Moderne befreite sich das Individuum aus den Fesseln des Kollektivs. Inzwischen dreht sich wieder alles um Gender, Hautfarbe oder Abstammung. Das zersetzt die Gesellschaft und ist reaktionär.

Was für ein Akt der Emanzipation, als nicht mehr der «Stand» oder, wie es später hiess, die «Klasse» Menschen am Aufstieg hinderten! Die unsichtbare Schranke des Geschlechts blieb allerdings bestehen. Obwohl nicht perfekt, bedeutete das insgesamt doch die Befreiung des Individuums aus den Fesseln des Kollektivs. Wer Gruppenidentitäten förderte wie die Kirchen, bekämpfte die Entwicklung. Lange war es unvorstellbar, dass eine Katholikin einen Protestanten heiratet.“

Einen „neuen Klassenkampf“ nennt das der Autor.

https://www.nzz.ch/meinung/wolfgang-thierse-hat-recht-identitaetspolitik-ist-gift-ld.1606241

Mich überfallen bei diesem Thema Erinnerungen an meine wilden politischen 68-er Jahre. Obwohl ich damals eher links von der regierenden SPD stand, nervte das akademische Politologen-Kauderwelsch beträchtlich. Ebenso die alternativlose Einteilung: Menschen waren ausschließlich „progressiv“ oder „reaktionär“. Wer das nicht glauben wolle, wurde pausenlos „entlarvt“ (damals ebenso eine Lieblingsvokabel). Linke Ideologen, die noch nie ein Fließband von der Nähe gesehen hatten, schwobelten von der „revolutionären Arbeiterklasse“. Schee war’s…

Ich erinnere mich noch an ein Konzert unserer damaligen Liedermacher-Ikone Franz Josef Degenhardt in München. Klar, dass wir „Väterchen Franz“ hören wollten! Was uns aber im Audimax der TU zunächst geboten wurde, war eine endlose, fremdwortreiche Suada eines SDS-Vertreters. Irgendwann wurde der links-musikalische Underground grantig: Pfiffe und Buhrufe häuften sich – soweit ich mich noch erinnere, unterstützten meine Kumpel und ich dies durch Orgeltöne auf unterschiedlich gefüllten Bierflaschen.

Dies spülte einen vergeistigten AStA-Vertreter ans Mikrofon: Der Referent habe das Recht, uns mit „politischen Perspektiven“ zu versorgen. Daraufhin erhob sich in der zweiten Reihe ein kerniger bayerischer Studiosus: „Und mir ham des Recht, an Degenhardt z’hern und ned eiern Schmarrn!“ Der einsetzende Jubel ließ die Halle erbeben – und Degenhardt durfte unverzüglich konzertieren.

In diesem Sinne finde ich mich gerne damit ab, über 50 Jahre später nun als „alter weißer Mann“ entlarvt zu werden, welcher sich damit abzufinden habe, wegen seines inhärenten Rassismus pausenlos in einer Sprache belehrt zu werden, welche ich ebenfalls nicht für Deutsch halte.

Einzeln ist man eben nichts – bedeutend nur als Mitglied einer Gruppe, welche sich natürlich in der Minderheit befindet und daher unterdrückt wird. Ich hätte dazu allerdings auch einiges anzubieten:

Schließlich wuchs ich schon einmal als Mitglied einer Migranten-Familie auf, die man damals „Heimatvertriebene“ nannte. Dennoch führte mein Weg nicht über eine Landsmannschaft geradewegs in die CSU, sondern zu den Sozialdemokraten: SPD-Mitglied und bayerischer Beamter – mehr Minderheit geht nicht! Zudem auch noch Kriegsdienstverweigerer oder, wie einen damals die Mehrheit nannte: Drückeberger und Vaterlandsverräter. Weiterhin Katholik, aber kirchenkritischer Funktionär im Bund der Deutschen Katholischen Jugend. Und seit vielen Jahren nun Anhänger moderner Tangomusik, der aber ganz gerne mal zu EdO-Schnulzen tanzt.

Ich meine, die identitätspolitischen Aktivist*innen übersehen zwei wichtige Punkte: Erstens gehören wir alle in irgendeiner Hinsicht zu Minderheiten, die sich zu wenig beachtet und respektiert fühlen. Zweitens aber: Die Welt hat sich auch bei ihnen nicht ausschließlich um ihren Hintern zu drehen.

Derzeit zieht man in diesen Kreisen in die Schlacht um Hautfarbe und Genitalien. Ich bekenne aber gerne: Was andere Menschen in der Pelle oder gar zwischen den Beinen haben, ist mir grundsätzlich egal. Ich interessiere mich mehr für den Inhalt ihrer Birne. Aber ich bin gerne bereit, sie so anzusprechen, wie sie es sich wegen ihres 43. Geschlechts wünschen – und so lange ich es nicht weiß, würde ich mich auch mit „Depp“ begnügen. Natürlich gleichberechtigt. Dafür kämpft meine Partei seit 150 Jahren.

Neulich fragte mich ein Leser, was ich als Mitglied vom momentanen Kurs der SPD halte. Sie habe ihre Rolle als Arbeiterpartei" doch schon längst aufgegeben! Abgesehen vom antiquierten Begriff: Ja, es wäre schon toll, wenn die Sozialdemokraten sich vorwiegend um die Probleme der „kleinen Leute" kümmerten: Wohnungsnot, prekäre Arbeitsverhältnisse, auseinanderdriftende Vermögensverteilung und vieles mehr. Und nicht um die Spinnereien einer großstädtischen Elfenbeinturm-Intelligenzia. Aber vielleicht muss man hierzu erstmal die Fünf-Prozent-Hürde reißen...     

Die geschmähte Autorin Sandra Kegel hatte sich ja über ein „Manifest“ von 185 Schauspielenden (!) ein wenig lustig gemacht, welche beklagten, dass Schwule, Lesben, Bi, Queer, Nicht-binäre oder Trans in der Kulturwelt nicht sichtbar seien. Wer sich beispielsweise als schwul oute, kriege keine Vaterrollen mehr angeboten.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/wir-sind-schon-da-manifest-der-185-17183459.html

Damit nun endgültig Schnappatmung einsetzt: Ich täte mich leichter, es nicht zu wissen, welche sexuelle Orientierung ein Schauspieler sein eigen nennt. Ein wenig behindert das schon die Illusion. Ich gehe sogar noch weiter: Es würde mein Wohlbefinden zusätzlich steigern, wenn ich überhaupt nicht wüsste, was mir nicht sehr nahestehende Menschen im Bett oder an anderen geeigneten Orten treiben. Klar sollte man sich im persönlichen Umfeld outen – aber muss man es tatsächlich in die Zeitung setzen? Mein Vertrauen in einen renommierten Virologen würde beispielsweise nicht dadurch gestärkt, sollte ich erfahren, dass er in seiner Freizeit gerne die Stiefel einer Domina ableckt. Das Bild brächte ich nie mehr aus dem Kopf...

Unauslöschlich in meiner Erinnerung an die Identitätspolitik der 68-er Jahre bleibt der Satz eines Klassenkameraden, welcher nicht nur wegen seiner Literaturkenntnisse, sondern auch durch Brille, Frisur und Pfeife unschwer als Brecht-Fan erkennbar war. Als einer der wenigen von uns galt er in der Abiturklasse bereits als verlobt. Allerdings war eine „Mischehe“ zu erwarten. Für die Jüngeren: Das hatte damals nichts mit Cis, Trans oder Queer zu tun. Nein, er war Protestant, seine Freundin Katholikin. Auf das brisante Problem angesprochen, teilte er uns mit:

„Mir doch egal, ob ich katholisch oder evangelisch vögle.“

Dazu noch ein wenig Video-Satire vom hochgeschätzten „Browser Ballett“:     

https://www.youtube.com/watch?v=ct6LsA9-5Z4

Kommentare

Hinweis zum Kommentieren:

Bitte geben Sie im Kommentar Ihren vollen (und wahren) Namen an und beziehen Sie sich ausschließlich auf den Inhalt des jeweiligen Artikels. Unterlassen Sie herabsetzende persönliche Angriffe, gegen wen auch immer. Beiträge, welche diesen Vorgaben nicht entsprechen, werden – ohne Löschungsvermerk – nicht hochgeladen.
Sie können mir Ihre Anmerkungen gerne auch per Mail schicken: mamuta-kg(at)web.de – ich stelle sie dann für Sie ein.