Das Urteil der Wertungsrichter

 

Allmählich muss ich diversen Mitgliedern der FB-Gruppe „KoKo Tango“ – allen voran Klaus Wendel – wirklich ein Kompliment machen: Sie werfen eine Reihe von Fragen auf, die ich im Tango für sehr interessant halte – und diskutieren sie sogar ganz manierlich. Natürlich wird man dort die Vermutung von sich weisen, das geschähe schon deshalb, weil man sonst wieder Verrisse auf meinem Blog riskieren würde… Na, wie auch immer! 

Der Essener Tangolehrer sprach gestern ein Problem an, welches ich prinzipiell ebenfalls sehe: Ob es nicht auf diversen Milongas einen zu starken „Leistungsdruck“ gebe, man erst ab einem gewissen Level Zugang zu elitären Gruppen erhalte. Man habe auf dem Parkett den Eindruck, ständig beobachtet und bewertet zu werden, einem „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ ausgesetzt zu sein.

Ja sicher, was denn sonst? In meinem Buch bin ich schon vor mehr als zehn Jahren über die „Tango-VIPs“ hergezogen, habe unseren Tanz als weitgehend vertikal strukturiert beschrieben – und mir dabei eine Flut von Beschimpfungen eingehandelt. Tenor: Ich würde das eigene Nest beschmutzen, agiere mit meinen Minderheiten-Ansichten als „Geisterfahrer“.

Dabei seien in der Szene doch alle so nett miteinander – und wenn ich das anders sähe, sei wohl mit meinem Tango was nicht in Ordnung. Und was lese ich nun in einer FB-Gruppe, in welcher eindeutig die konservative Tango-Klientel den Ton angibt?

Sicherlich werde man bei den Milongas beobachtet und beurteilt – und auf dem Parkett schon gar:

Dass die Leute schauen und sich was denken ist doch normal und ja auch immer dann gewünscht, wenn es ein bewundernder Blick ist, oder?“

„Ich erinnere mich noch an meine Anfänge im Tango vor ca. 15 Jahren. Da gab es diese Bewertungen schon, und auch, dass bestimmte Kreise nur mit ‚Ihresgleichen‘ tanzten.“

„Aber natürlich besteht eine ganze Milonga, sofern man nicht alle Teilnehmer kennt, aus Bewerten und Bewertet werden. Das ist meiner Meinung nach unvermeidlich.“

„Ja, die Milonga kann ein Ort zwischen Himmel und Hölle sein. Dabei spielt nicht selten ‚Konkurrenzkampf‘ eine große Rolle.“

Kein Wunder, dass die männlichen Kommentatoren mehrheitlich meinen, da müsse man halt durch – sich gegebenenfalls „hocharbeiten“. Frauen hingegen sind bei dem Thema oft ziemlich angefressen.

„Ich sehe es als Persönlichkeitsentwicklung, sich emotional frei vom Urteil der Zuschauer zu machen.“

„Am Anfang meiner tänzerischen Karriere war das Nichtvorhandensein meiner tänzerischen Fähigkeiten ein großes Problem für mich. Spätestens nach den ersten Schritten war klar, dass ich nichts drauf hatte. Tango ist da sehr direkt. An manches einfallende Gesicht einer zuvor lächelnden Frau erinnere ich mich noch immer.“ 

„Es geht manchen Menschen sogar sehr schlecht, weil sie ihre menschliche Qualität anhand ihrer tänzerischen Fähigkeiten bemessen sehen." 

„Wenn man dann auf die beim Tango häufig vorkommenden Tänzer mit narzisstischer Persönlichkeitsakzentuierung trifft, deren heimliche Furcht, ‚ein Nichts zu sein‘, am umfassendsten durch Abwertung anderer beruhigt wird, dann ist die fatale Konstellation perfekt.“

„Auch ich habe mich lange Zeit sehr bemüht, in dieser elitären Gruppe Fuß zu fassen und wurde lange Zeit ignoriert. Ich hab geübt, gelächelt, bis mir der Kiefer weh tat, und versucht dieses Bussi-Bussi Gehabe mitzumachen. Nix hat geholfen.“ 

Besonders gefiel mir die weibliche Ironie:

„Tango ist etwas für Leute, die im normalen Leben zu wenig Gelegenheiten haben, sich gedisst zu fühlen.“

Wie immer man zu diesen Fragen steht, sollten wir uns doch auf etwas einigen können: Paartanz hat stets auch die Komponente ritualisierten Balzverhaltens. Das erregt bei den Anwesenden Interesse, also schauen sie zu. Man möchte ja auch wissen, mit wem man mal tanzen möchte. Also versucht jeder und jede, dabei eine „gute Figur“ zu machen. Die Behauptung, Salontango müsse stets nur nach „innen“ gerichtet sein, gehört daher in die Rubrik „fataler Irrsinn“! 

Und als Satiriker kann ich es leider nicht ausschließen, dass mir bei dem Kabarett, welches ich gerade in den letzten Jahren auf den Tanzflächen erlebte, die eine oder andere Bemerkung herausrutschte, die hoffentlich nur meine Begleiter hörten. Aber der Mensch neigt halt zu überzogenen Typisierungen – schon, damit er sich Eindrücke merken kann. Das gibt es nicht nur auf Milongas, sondern auch im Lehrerzimmer oder Pfarrgemeinderat.

Als ich mein Tangobuch herausbrachte, war ich verblüfft über die geradezu hasserfüllten Reaktionen, welche meine Beschreibungen von „Tänzertypen“ erzeugten. Gerade Männer verfluchten mich wegen Bezeichnungen wie „Parkett-Pauker“, „Gemeine Figurendreher“ oder „Orientierungslose“. Warum dieser Zorn? Solche überzeichneten Typisierungen sind doch satirischer Standard!

Inzwischen weiß ich: Gerade für männliche Anfänger und Menschen mit geringem Selbstvertrauen ist der Tango Stress pur. Da soll man sich von jetzt auf gleich mit einem vielleicht unbekannten Partner zu einer nicht vorhersagbaren Musik bewegen – und bereits nach einigen Schritten ist der versammelten Tangogemeinde eventuell klar: aha, ein Depp!

Wohl schon deshalb wollen viele Tangueros nur mit ihnen vertrauten Damen zu einer hundertmal gehörten Musik aufs Parkett. Es lebe die „traditionelle Milonga“!

Ich habe diese Zusammenhänge lange nicht verstanden, da es für Karin und mich selbstverständlich war, vor Zuschauern zu tanzen und beurteilt zu werden: Auf Tanzturnieren muss man ja nach einer Runde vor die Wertungsrichter treten und erhält von ihnen auf Täfelchen angezeigt, wie sie die Darbietung fanden. Auch wenn dann die eigenen Copacabana-Hüftaktionen in der Samba einer 70-jährigen Jurorin in Haferlschuhen und Stützstrümpfen nicht korrekt erschienen, darf man sich auch für die schlechteste Bewertung mit Lächeln und Verbeugung bedanken. Das stählt!

Daher sage ich: Öffentlicher Paartanz ist nix für Feiglinge. Es gibt aber kaum Tätigkeiten vor Publikum, bei denen man sich nicht dessen Kritik aussetzt. Wen das Gedisse auf Milongas stört, kann es ja mal als Autor von Büchern oder Blogs versuchen…

Ich finde, wer Werturteile von Dritten nicht aushält, hat es auch im sonstigen Leben ziemlich schwer, weil er sich von der Sichtweise anderer steuern lässt. Sicher, Kritik hat manchmal einen wahren Kern, über den man nachdenken kann. Man sollte jedoch stets Distanz wahren. Niemand zwingt mich, vor den Ansichten anderer in die Knie zu gehen – zumal, wenn sie eher von Blödelei, Neid oder Aggressionen gesteuert sind.

Daher sage ich: Die Tanzweise anderer mag einem gefallen oder auch nicht, man darf darüber auch gerne einen flotten Spruch reißen oder eine Satire verfassen. Nur muss eines klar bleiben: Der Wert eines Menschen hängt in keiner Weise davon ab, wie er Tango tanzt! Wer versucht, einen anderen deshalb persönlich herunterzumachen, hat es nicht verdient, eine Milonga zu besuchen.

Dies gilt vor allem für Cliquen, die auf Tangoveranstaltungen eine Vorherrschaft anstreben, indem sie sich Tänzen mit „normalen“ Besuchern verweigern. Die Botschaft ist eindeutig: Erst, wenn du dich unserer Tanzweise anpasst, nicht mit „Abweichlern“ aufs Parkett gehst, uns gegenüber die nötige Verehrung zeigst, einen Level erreicht hast, den wir bestimmen, hast du dir einen Tanz mit uns verdient! Wer möchte, kann hier weiterlesen:

http://milongafuehrer.blogspot.com/2018/05/die-unaufforderbaren.html

Dazu ist heute vor allem Anpassung an einen „Einheitsstil“ vonnöten. Meine Frau und ich haben diesen Wechsel erlebt, da wir schon immer eine ziemlich individuelle Tanzweise hatten: Wenn wir die früher auf einer Milonga aufs Parkett legten, wurden wir hinterher oft lobend darauf angesprochen. Heute üben sich die Besucher eher im Wegsehen. Es scheint die Pflicht zu bestehen, so zu tanzen wie alle anderen.

Dennoch rate ich allen Anfängerinnen und Anfängern: Steht zu eurem Tango! Dieser Tanz sollte ein Ausdruck von Persönlichkeit und nicht von Duckmäusertum sein.

Bevor die Milongas wieder öffnen, könnten sich gerade Veranstalter, die sich gerne als „professionell“ bezeichnen, mal einige Gedanken zum Thema machen. Ob die Atmosphäre eines Tanzabends eher von Aufgeschlossenheit oder Ausgrenzung bestimmt ist, liegt nämlich in erster Linie an ihnen. 

Ich mag hierbei nicht nach neuen „Regeln“ rufen. Für mich steht allerdings fest: Wenn sich auf unserer Dorfmilonga Personen breit machten, die ihre Kulttänze nur untereinander vollführten und Arroganz verbreiteten, würde ich deutlich machen, dass dies unserem Stil widerspricht. Und solche Leute im Zweifel nicht wieder einladen.

Ich kann mir sowas leisten, weil ich ja nichts dran verdienen muss!

Quelle:

https://www.facebook.com/groups/tangoforum/

Illustration: www.tangofish.de

Kommentare

  1. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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    1. Der Kommentar war ersichtlich per Pseudonym eingestellt.

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    2. Gott sei Dank ist Kurt Tucholsky tot - sonst würden Sie ihm verbieten, hier unter Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger oder Ignaz Wrobel zu schreiben. Dieser Tucholsky war wirklich ein ganz Schlimmer: Mit einem Pseudonym konnte er sich nicht zufrieden geben. Sapperlot aber auch!

      Viel Spaß auf der Jagd nach den Pseudonymen - Sie haben noch VIEL zu erlegen :-)

      Weidmannsheil wünscht,
      Thomas Schön

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    3. Vielleicht zur literarischen Bildung: Tucholsky hat seine Pseudonyme selber in einem Artikel offengelegt. Unter dieser Voraussetzung hätte er auf meiner Seite kommentieren dürfen. Sonst nicht.

      Aber ich fürchte, Tucho hätte mir nicht zig bescheuerte Kommentare geschickt. Daher muss ich mich mit Leuten wie Ihnen abgeben.

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    4. Das Lesen Ihrer tollen Antworten macht das halt so richtig Spaß :-)

      Und so lange Sie sich mit mir beschäftigen, bleiben die anderen wenigstens ein wenig verschont.

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    5. Ach, ich nehm mir Zeit für jeden, der ein bisschen Satire verdient. Und das geht hier schneller als beim Impfen!

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