Der hinkende Piazzolla

 

Kürzlich erhielt ich die Nachricht eines Lesers: Er habe meinen Artikel zum 100. Geburtstag von Astor Piazzolla auf der Facebook-Seite „Tango Kiel“ verlinkt und einige spannende Reaktionen erzeugt. Ob ich mal nachsehen wolle?

Na klar! Mir fiel der Kommentar einer Dame auf, die meine Einschätzung zur Tanzbarkeit von Piazzollas Musik überhaupt nicht teilte – und der ich wohl auch insgesamt nicht sympathisch bin: 

„Interessant. Am besten gefällt mir allerdings der Verweis auf verschiedene Links zu Personen (z.B. Jochen Lüders), der sehr gut beschreibt, warum die Musik von Piazzolla ‚untanzbar‘ ist. Ich finde die Arroganz des Schreiberlings Riedl nämlich unerträglich.

Auch ich habe übrigens einen Link zum 100.Geburtstag in meiner timeline gepostet. Trotzdem halte ich die Musik aus Tänzersicht für weitgehend untanzbar. Weil ich erstens das Bedürfnis habe, ob führend oder folgend, zur Musik zu tanzen; alles andere verursacht mir als einigermaßen musikalischem Menschen fast körperliche Schmerzen.

Zweitens sind wir als Paar nicht allein auf der Fläche, und ich mag weder Drängler noch unbeabsichtigte Unfälle, weil die Musik nun mal nicht flüssig ist und jedes Paar unterschiedlich interpretiert.

Und drittens, und das ist wohl der wichtigste Aspekt, hat Piazzolla m.W. nach selber nicht getanzt, weil er gehbehindert war und nicht wirklich daran interessiert, tanzbare Musik zu komponieren!“ 

Was mich immer wieder fasziniert: Ein Autor, der einem nicht passt, wird dann als „Schreiberling“ tituliert – im Unterschied zu männlichen Kritikern, welche in dem Zusammenhang gerne von „Ergüssen“ reden (die tiefenpsychologische Interpretation will ich meinen Lesern ersparen). Aber okay, wer austeilt, muss auch einstecken können: Als unerträglich arroganter Schreiberling muss man sich halt mit zänkischen Weibern abfinden...

Nein, im Ernst: Ich staune immer wieder, welch kreative Begründungen die Konservativen im Tango ausgraben, um die „Untanzbarkeit“ der Musik Piazzollas zu belegen. 

Eine war sogar mir neu: Piazzolla habe wegen einer Gehbehinderung mit Tanzen nix am Hut gehabt. Nun habe ich mich mit Leben und Werk des Meisters jahrelang beschäftigt (was mich von großen Teilen der Tangoszene unterscheidet, welche dies nur zu Jubiläen unternehmen): Über ein solches körperliches Manko schweigen sich die mir bekannten Quellen jedoch aus. Zu „Piazzolla gehbehindert" bieten mir die Suchmaschinen lediglich Konzerte mit seinen Werken an, bei denen ein Zugang für Gehbehinderte besteht (satirisch auch nicht schlecht). Ein aufmerksamer Leser hat nun Klarheit geschaffen: siehe Kommentar unten! 

Und wenn schon: Bin ich arrogant, weil ich zur Musik eines hinkenden Komponisten tanzen möchte? 

Vor allem aber: Ist es von Bedeutung, ob ein Musiker oder Komponist selber gern tanzt? Über meine liebe Frau habe ich eine Menge von Menschen dieses Metiers kennengelernt: Die wenigsten von ihnen können oder wollen gar tanzen. Gerade klassisch ausgebildeten Künstlern ist der „Drive“, den tänzerische Musik braucht, oft nur mühsam klarzumachen.

Leider gibt das Internet zu dieser Frage nur wenig her. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung berichtete der erfolgreiche Songwriter Dr. Michael Kunze über den Besuch einer Disco:

„Wir standen dann immer an der Bar und sahen den Verrückten zu, die getanzt haben. Musiker tanzen ja nicht.“

„Nicht?“
„Ich kenne keinen Studiomusiker, der tanzt. Wir Musiker begreifen nicht, warum man sich zu Musik verrenken sollte.“

https://sz-magazin.sueddeutsche.de/musik/musiker-tanzen-ja-nicht-82121

Und auch der „Walzerkönig“ Johann Strauss konnte dem Vernehmen nach nur schlecht tanzen.

https://www.br.de/kinder/johann-strauss-der-walzerkoenig-komponist-leben-musik-lexikon-doremikro-100.html

Ähnliches las ich von Benny Goodman, der mit seiner Swingmusik eine ganze Generation aufs Parkett holte. Wenn er mal einen Pflichttanz zu absolvieren hatte, spielte er angeblich auf der Wirbelsäule der Partnerin den Klarinettenpart.

Aber muss ein Komponist nicht die Tanzenden im Blick haben, wenn er ein Stück fürs Parkett schreibt? Sicherlich tun das viele, was den Rhythmus solcher Stücke meist deutlich und eingängig macht. Ob es den Einzelnen dann zu körperlichen Aktionen motiviert, ist eine andere Frage. Moderne Ballettmusik spricht mich selten an – und schon gar nicht irgendwelches Rave- oder Hiphop-Gedöns. Obwohl junge Menschen dazu massenweise herumhüpfen.

Oder: Was ist mit Filmmusik? Die wurde oft primär nicht fürs Tanzen geschrieben, dennoch möchte ich mich fallweise zu ihr bewegen – ob es sich nun um das „Love Theme“ aus „Cinema Paradiso“ oder Peter Alexanders „Kriminal Tango“ handelt:


https://www.youtube.com/watch?v=-zs4H4TqNaQ

Es ist also nicht der Musiker oder Komponist, sondern stets der Einzelne, der darüber entscheidet, welche Klänge ihn – gar noch zu Zweit – auf die Piste ziehen. Daher hat meine Kritikerin auch Recht, wenn sie das Bedürfnis hat, zur Musik zu tanzen, und ihr alles andere „fast körperliche Schmerzen“ bereitet. Die plagen mich doch auch, wenn ich jemanden beobachte, der zu einem Musikstück auf der Piste grandios scheitert.

Also, wenn man nicht will oder kann: Einfach sitzen bleiben. Dann aber bitte die „Untanzbarkeit“ ausschließlich als persönliches Schicksal begreifen statt eine Musik pauschal zu verdammen! 

In dem Kommentar wird für mich auch das wahre Elend des heutigen Tango beschrieben:

"Zweitens sind wir als Paar nicht allein auf der Fläche, und ich mag weder Drängler noch unbeabsichtigte Unfälle, weil die Musik nun mal nicht flüssig ist und jedes Paar unterschiedlich interpretiert."

Ah so: Bei Piazzollas Musik besteht somit die Gefahr, dass jedes Paar anders tanzt und so den Zug der Lemminge stört. Es scheint also heute die größte Sünde im Tango argentino zu sein, nicht so zu tanzen wie alle anderen. Ich habe in etlichen Artikeln alte Milongueros zitiert, die als Ziel das genaue Gegenteil beschrieben: Einen individuellen Tanzstil zu entwickeln, jede Musik anders zu interpretieren. 

Den Vorwurf meiner Kritikerin nehme ich daher sehr gelassen entgegen:

„EdO Tänzer/innen Empfinden für die Musik von Piazzolla abzusprechen finde ich reichlich frech.“

Mag sein. Vielleicht schon deshalb, weil ich mich nicht als „EdO-Tänzer“ sehe. Auch nicht als „Piazzolla-Tänzer“. Nicht mal als „Tangotänzer“. „Tänzer“ reicht mir völlig. 

Und es stimmt wohl, dass der Schöpfer des Tango nuevo nicht speziell für Tänzer komponiert hat. Vielleicht auch selber nicht tanzte. Eventuell sogar hinkte. Seine Musik jedenfalls tut es nicht.

Bei dem folgenden Video fällt mir ein Zitat ein, das von einem alten Milonguero, Eckart Haerter, stammt:

„Zum Tango muss man aus eigenem Antrieb kommen, nicht durch Überredung. Wer nicht schon bei den Namen Buenos Aires und Montevideo ein magisches Kribbeln verspürt, wem nicht bei der Musik des Libertango oder beim Klang eines einzelnen Bandoneons, vielleicht mit der Musik zu ‚Fueye‘, irgendetwas im Innern in Bewegung gerät, sollte nicht mit irgendwelchem Geschwafel gedrängt werden, etwas zu empfinden, was derjenige nicht von sich aus zu empfinden im Stande ist.“

http://milongafuehrer.blogspot.com/2017/06/doppelblindstudie.html


https://www.youtube.com/watch?v=VVTZ8sbeGRk

Quelle: https://www.facebook.com/groups/Tango.Kiel

Kommentare


  1. Man könnte auch weniger wortreich auf die Sache und die wenig belangreichrn Äußerungen einer unbekannten Tänzerin eingehen.
    Aber trotzdem gut, die Stilübungen zu lesen und vor allem Peter Alexanders Kriminaltango. Wenn ich sehe dass alle gut drauf sind, lege ich den Kriminaltango auch schon mal als Cortina auf. Die meisten amüsiert es, dir EdO Puristen kommen erst garnicht.

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    1. Na ja, diese Alibi-Argumente kommen halt immer wieder - und ich bemühe mich, sie differenziert zu widerlegen.

      Wenn die EdO-Puristen nicht da sind, könnte man den Kriminaltango ja auch mal ganz spielen. Haben wir in Pörnbach schon öfters gemacht - zum großen Vergnügen der Gäste!

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  2. Es ist zumindest eine häufig erwähnte Tatsache, dass Piazzolla an einem (manche sagen durch Polio) verursachten Geburtsfehler litt, weshalb er als Kind mehrfach am Bein operiert werden musste. Und als Folge davon ein Bein dünner und kürzer war.
    Exemplarisch sei diese Seite hier genannt, die im Abschnitt "¿Cómo transcurrió su infancia?" ("Wie war sein Kindheit") darauf eingeht:
    https://www.cultura.gob.ar/piazzolla-fue-un-ciudadano-del-mundo-maria-susana-azzi-biografa_7236/

    Ob er nun deshalb wirklich gehbehindert im Sinne einer echten körperlichen Einschränkung war bzw. ob sich dies tatsächlich bewusst oder unbewusst auf seine Kompositionen und sein eigenes Tanzverlangen ausgewirkt hat, entzieht sich meiner Kenntnis.
    Beste Grüße, Stefan Schelling

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    1. Lieber Stefan Schelling,

      herzlichen Dank für die Information! Ich habe diesen Hinweis im obigen Text vermerkt.

      Beste Grüße
      Gerhard Riedl

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  3. Auf die Argumente hinsichtlich der Gehbehinderung mag ich gar nicht kommentieren, das richtet sich von selbst. Zu den anderen beiden Fragen: Wer sich als "einigermaßen musikalisch" hält und dann zu Ps Musik nicht tanzen kann und fast körperliche Schmerzen erleidet, der sollte seine eigene Musikalität einmal hinterfragen. Meine Tangopartnerin (einstige Ballettänzerin) und ich (Musiker im Amateurbereich) schätzten gerade diese Musikalität Ps und schafften es in einem relativ "konservativem" Tangolokal die Liebe zu P. zu entfachen.

    Zum Argument, dass jedes Paar die Musik unterschiedlich interpretiert: Ja macht man das nicht bei jeder Tangomusik so??? Unterschiedliche Paare bedingen eben unterschiedliche Interpretationen, eigentlich relativ klar, oder?

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    1. Lieber Ernst,

      vielen Dank für Deine klare Stellungnahme. Da kann ich gar nichts mehr hinzufügen.

      Was mich aber beeindruckt: Ihr habt es wirklich geschafft, auf einer konservativen Milonga das Musikprogramm Richtung Piazzolla zu verschieben? Kompliment! Wäre bei uns undenkbar.

      Herzliche Grüße nach Wien
      Gerhard

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  4. Ausgezeichnetes Teamwork!

    Ein Leser verlinkt einen tollen Blogartikel von hier, damit er in einer privaten Gruppe kommentiert werden kann. Flugs werden diese Kommentare hier an den Pranger gestellt. Ist doch toll!?

    Ich habe mir nun erlaubt, in eine private Gruppe zu erstellen, wo man sich in Ruhe über die Blogbeiträge von Herrn Riedl unterhalten kann, ohne von ihm gestört zu werden bzw. keine Sorge haben muss, dass diese Texte in seinem Blog landen. Würde er das machen, muss er mit einer Klage rechnen. Und im Gegensatz zu Herrn Riedl, meine ich diese Ankündigung ernst.

    Ich wünsche noch einen schönen Sonntag!

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    1. Lieber Herr Schön,

      ich nehme erfreut zur Kenntnis, dass Sie nun ein privates Forum gegründet haben, um in Ruhe über mein Blog zu diskutieren. Leider sagen Sie nicht, wo und wie man es findet - aber gut, die Werbung ist Ihre Sache.

      Dadurch besteht nun nicht mehr die Notwendigkeit, dass Sie meinen Kommentarbereich dazu nutzen. Ich werde mir daher erlauben, eventuelle weitere Abmerkungen von Ihnen auf diesem Blog ausnahmslos zu löschen.

      Ebenfalls einen schönen Sonntag!

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  5. Noch zur Sache:
    Dass der Leser meinen Artikel in der FB-Gruppe "Tango Kiel" verlinkt hat, habe ich erst hinterher von ihm erfahren. Ich habe mich dann um die Aufnahme in die Gruppe beworben und musste dabei keine "Verzichtserklärungen" (wie bei der "KoKo-Truppe") unterschreiben. Weiterhin habe ich dann dort Kommentare im Sinne meines obigen Artikels hinterlassen.
    Man weiß in der Gruppe also, wer ich bin und welche Ansichten ich vertrete. Kritik an diesem Verfahren oder gar Auschlusswüsche habe ich von dort bislang nicht erhalten.

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