Wendels Blogdown

 

Was ich dem Essener Tangolehrer Klaus Wendel schon vor einiger Zeit empfohlen habe, hat er nun in die Tat umgesetzt: Er ist unter die Blog-Autoren gegangen.

Kürzlich leitete er in der Facebook-Gruppe „KoKo Tango“ eine Diskussion über die Umarmung im Tango, den berühmten „Abrazo“. Ich habe davon berichtet:

https://milongafuehrer.blogspot.com/2021/02/ruhe-jetzt-diskutiere-ich.html

Seine dort verwendeten Texte durfte er nun ergänzt und neu zusammengestellt auf dem Blog von Thomas Kröter als Gastbeitrag veröffentlichen. Und man fasst es nicht: Sogar den lange verschollen geglaubten Cassiel hat er zu einem längeren Kommentar angeregt! Und auf „KoKo“ hat er den Artikel auch schon verlinkt. Dann kann ja nichts mehr schiefgehen!

Beim Tango muss man nicht nur auf dem Parkett Unerwartetem ins Auge sehen: Bekanntlich war Kröter ja aus dem (wie er es nun nennt) elisabethanischen Kommunikationskollegium über Tango“ geflogen, weil er in Richtung Wendel die Empfehlung „Klappe halten“ geäußert hatte. Nun lässt er ihn ein Referat halten und bekennt: „Aber wir schätzen einander.“ Na, dann passt das Thema „Umarmung“ ja wie die Faust aufs Auge!

Wendel betitelt seinen Artikel etwas sperriger: „Die Umarmung im Tango – Attitüde oder Wunsch nach Nähe? Warum wir uns öfter fragen sollten, welche Umarmung wir möchten (zu Zeiten von Corona vielleicht etwas fehl am Platz, aber für die Zukunft sicherlich interessant)”

Hier der gesamte Text:

http://kroestango.de/aktuelles/seid-umschlungen-milongueres/

Um es gleich zu sagen: Was Wendel da abliefert, ist – nicht nur für einen Anfänger-Autor – durchaus beachtlich. Er holt den beschworenen „Abrazo“ aus dem tangomäßigen Ideologie-Ghetto und beurteilt nüchtern dessen Funktion. Die Umarmung drohe sonst zur bloßen Attitüde zu werden, „die nicht mehr den Wunsch der jeweiligen Partner nach wirklicher Nähe, der Bewegungsdynamik oder der Musik entspricht. Die Form folgt hier nicht der Funktion oder dem Bedürfnis, sondern wird zum Selbstzweck.“

Nach seiner Erfahrung ergäben sich viele Paare einer Unbequemlichkeit, welche sie Spitzen-Tanzpaaren abschauten: „Oft beobachte ich in Milongas, dass sich Paare nicht adäquat zu ihrer persönlichen Motivation oder Intention – also zu ihrem Bedürfnis nach Nähe, zu ihrer Bewegungsvorstellung und dem musikalischem Background – bewegen. Stattdessen stehen die Bewegungen im Tanz oft sogar im Widerspruch zur gewählten Umarmung, die Bewegungsdynamik entspricht nicht der gewählten Umarmung. Insgesamt wird die Umarmung nicht gewählt, sondern wird als verpflichtend vorausgesetzt.“ 

Auch Wendels Ausführungen zur historischen Entwicklung der Umarmung in den verschiedenen Tänzen fand ich interessant. Insbesondere die asymmetrische Haltung mit zwei erhobenen Armen auf einer Seite macht eigentlich nur Sinn, wenn der Mann die Partnerin unter dem linken Arm eine Soloaktion (v.a. Drehung) ausführen lässt. Daher ist sie in der traditionellen Tango-Tanzweise keine unbedingte Voraussetzung.

Bekanntlich sind die Menschen anatomisch sehr verschieden: Köpergröße, Leibesumfang, Arm- und Beinlänge, Rundrücken oder Hohlkreuz, X- respektive O-Beine. Schon von daher ist es irrsinnig, eine bestimmte Tanzhaltung als für alle verpflichtend anzusehen. Jedes Paar, so finde ich, muss im Detail seine eigene finden. 

Und ja: Wange an Wange zu tanzen ist etwas anderes als Kopfdrücken. Erstaunlicherweise verlinkt Wendel hierzu ein Video mit Non-Tango-Musik: Irving Berlins Swing-Evergreen „Cheek to cheek“ aus dem Filmmusical „Top Hat“ von 1935. Die Tanz-Legende Fred Astaire singt die Melodie und interpretiert sie in einer unglaublichen Tanznummer mit seiner Partnerin Ginger Rogers:

https://www.youtube.com/watch?v=ILxo-TUkzOQ

Falls mir gleich wieder irgendeine Geistesgröße vorhält, das sei „nur“ Showtanz: Ja, weiß ich. Dennoch finde ich es auch für Hobbytänzer interessant, dass Astaire und Rogers ihre höchst unterschiedlichen Tanzhaltungen stets der choreografischen Funktion unterordnen. Die Verständigung klappt auch, wenn sie sich nur an einer Hand halten oder überhaupt keinen Körperkontakt mehr haben.

Ich finde, man kann da viel auf den Tango übertragen: Gerade die beiden erhobenen Arme in der klassischen Tanzhaltung sind mehr „Deko“ als wichtiges Kontaktmittel. Und vor allem der Körperabstand ist nur abhängig davon, was die Beine halt gerade machen wollen, wieviel Platz sie benötigen. Leider schweigt sich Wendel im Artikel über solche Variationsmöglichkeiten aus. Er meint nur, die Tangolehrer sollten dem Thema mehr Zeit widmen.

Immerhin bezweifelt er das, was Cassiel in seinen Anmerkungen wieder einmal als Primat des Abrazo formuliert: Niemals die Umarmung wegen eines Schrittes opfern! Für ihn „entsteht der Tango zunächst in den Köpfen, daraus resultiert eine Umarmung und erst zum Schluss kommt die Bewegung“. Nein, mein Lieber: Er beginnt im Herzen und geht dann in die Beine. Die Birne formuliert anschließend Blog-Kommentare.

Ideologen versuchen uns stets einzureden, dass die Welt nur funktioniert, wenn es nach ihrem Kopf geht. Glücklicherweise ist das der Welt egal.

Mein Bild des Paartanzes ist eben, dass zwei Personen selbstständig agieren, dies aber so aufeinander abstimmen, dass gemeinsame Bewegungen entstehen. Und nicht, dass zwei nach dem Finden der perfekten Umarmung noch ein bisschen miteinander herumtappen. Und klar: Mit einer engen Haltung müssen beide einverstanden sein. 

Da hier aber die Theorie besonders grau ist, wollen wir nun noch sehen, wie unser „Ruhrpott-Astaire“ die Sache in der Praxis löst:


https://www.youtube.com/watch?v=5MVMRdkBet4

Ich gebe es ja zu: Der Vergleich ist unfair, zumal von Astaire nicht bekannt ist, dass er Tänzerkollegen mit cholerischen Wutausbrüchen zugesetzt hat.

Nein, im Ernst: Natürlich können die beiden Tango tanzen – wobei hier Esther Nur ein Extra-Lob für ihre eleganten Bewegungen verdient. Und die Haltung sieht ganz entspannt und bequem aus. Deren Variationen allerdings sucht man vergeblich. Aber woher sollen die auch beim kreuzlangweiligen „Invierno“ (noch dazu von Canaro und Maida) kommen? Viel mehr als runtertraben kann man solche Musik nicht.

Natürlich tanzen Astaire und Rogers in einer ganz eigenen Liga – was man ihnen aber schon abschauen könnte, ist dieser wunderbare Flow, der halt auch einem Musikgenie wie Irving Berlin zu verdanken ist. Aber Stücke, welche „in die Füße gehen“ gibt es auch im Tango, sogar bei historischen Aufnahmen. Man müsste sich nur trauen!

Aber Wendels Blog-Premiere macht ja Hoffnung. Immerhin unternimmt er es, an einer „heiligen Kuh“ des konservativen Tango zu zweifeln. Das ist mehr, als viele seiner Kollegen wagen. Und hoffentlich erkennt er, dass kluge Texte allemal besser sind als wüste Beschimpfungen. Dann hätte sich Thomas Kröter um seine Resozialisierung verdient gemacht!

Kommentare

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  2. Robert Wachinger24. März 2021 um 18:45

    Dem Text "I'm in Heaven ... dancing cheek-to-cheek" kann man doch nur zustimmen (ich jedenfalls ;-) ).
    Aber gehts nur mir so? Ginger Rodgers wirkt auf mich doch ziemlich reserviert in den Szenen wo sie tatsächlich mit Fred "cheek-to-cheek" tanzt (ich seh da hochgezogene Schultern, Abwenden Ihres Gesichts, ein bisschen Abwehrhaltung ...).
    (Vielleicht "seh" ich aber auch nur das Gras wachsen ;-) )

    Respekt für Julie und Jeremy zu ihrem Hochzeitstanz.

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    1. Dein Eindruck täuscht dich nicht. Rogers wurde von Astaire nicht gerade gut behandelt. Sie musste die Tanzszenen mit einem Trainer proben - erst zur Filmaufnahme durfte sie dann mit Astaire tanzen.

      Und ja - die Hochzeitstänzer haben sich doch wirklich sehr bemüht und auch sicher lange trainiert. Trotz allem sieht man aber auch, wie schwer das ist, was bei Astaire und Rogers so leicht wirkt!

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