Interview oder Verhör?
Captatio benevolentiae: „Der Autor eines Textes wendet sich hierbei zu Anfang mit schmeichelhaften Worten direkt an seinen Leser und bittet diesen darum, das Folgende freundlich anzunehmen." https://de.wikipedia.org/wiki/Captatio_Benevolentiae
Wahrscheinlich ist das der Preis publizistischen Erfolgs: Mein Blog steht derzeit wie nie zuvor unter negativer „Dauer-Beobachtung“. Mein Kollege Klaus Wendel hat die Rubrik „Neues aus der Blogger-Welt“ eingerichtet, in der jede meiner Zeilen ausführlich „widerlegt“ und das durch „Nachträge“ aktualisiert wird.
https://www.tangocompas.co/category/bloggerwelt/
Sein Kollege Yokoito arbeitet mit einer KI-Zusammenfassung meiner Texte („Riedl-Check“), für deren Lektüre man sich einen halben Tag Zeit nehmen sollte:
Wenn ich dann von sprunghaft gestiegenen Zugriffszahlen meines Blogs berichte, tut man das als technische Artefakte ab. Ich könnte mir eine näherliegende Ursache vorstellen.
Letztlich ist das alles die unbeholfene Kopie dessen, was auch in den „großen“ Medien stattfindet. Man berichtet nicht mehr, um zu informieren, sondern sucht Munition zum Argumentieren.
„Interview“ leitet sich vom französischen „entrevue“ ab (Zusammenkunft, Begegnung). Man wollte einander treffen, miteinander reden. Heute möchte man den Interview-Partner eher hochjubeln oder abschießen.
Bereits nach wenigen Sätzen ist die Marschrichtung klar – wie in einem Interview mit Bettina Böttinger aus Anlass des aktuellen emanzipatorischen Filmwerks „Was haben wir gelacht“. Von der Journalistin erfahren wir, man sei per du, weil man einander schon lange kenne. Der Ton des Gesprächs ist von großer Sympathie getragen, die Journalistin fungiert als Stichwortgeberin. Nach kurzer Zeit merkt man: Zu kritischen Fragen wird es nicht kommen. Langweilig.
https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/neugier-genuegt/redezeit-bettina-boettinger-100.html
„Neugier genügt“ heißt das Format. Ich fürchte, genau die ist verloren gegangen.
Eine gegenteilige Erfahrung machte ich, als man mich für einen Tango-Podcast befragte. Bereits in der ersten Minute wurde deutlich, dass meine beiden Interviewpartner auf Kontroversen aus waren und sich bemühten, mich als Streithansel zu hinzustellen:
https://www.podcast.de/episode/623113494/braucht-der-tango-die-kontroverse-gerhard-riedl
Nun gut, ich habe mich redlich gewehrt und hatte durchaus Spaß. Auch, weil es mir gegen Ende gelang, den Fokus von meiner angeblichen Arbeitsweise auf die der Gastgeber zu lenken. Seit längerer Zeit ruht dieses Format – wie so viele andere im Tango, die mit viel Tamtam gestartet waren.
Derzeit ist es Kollege Wendel, der einen Text nach dem anderen produziert, um mein Blog und dessen Autor in ein schlechtes Licht zu rücken.
Eindrucksvoll war die Sendereihe „Zur Person“ (bzw. „Zu Protokoll“), die der Journalist Günter Gaus in 246 Folgen von 1966 bis 2004 produzierte. Gaus war nur am Anfang kurz zu sehen, ansonsten ruhte die Kamera auf dem Gast. Der Journalist ließ kaum die eigene Meinung durchblicken, sondern stellte Fragen, die von Distanz, Präzision und Interesse geprägt waren. Triebfeder war stets allein die Neugier, Schlusssatz von Gaus „Erlauben Sie eine letzte Frage“.
Eine versunkene Zeit, als man Fragen noch „erlauben“ konnte… Derzeit muss man zur Fernseh-Domina (oder dem Domino).
Eine schöne Zusammenfassung der Reihe kann man sich hier ansehen:
https://www.youtube.com/watch?v=AeNe3fcKpAA
Heute gleichen Interviews oft eher Verhören, in denen der ehrgeizige Frager (oder die Fragerin) versucht, den Gast unter Druck zu setzen – obwohl sie wissen könnten, dass dabei – im Wortsinn – genau nichts herauskommt. Vor allem Spitzenpolitiker sind rhetorisch derartig abgezockt, dass sie dann nur noch nach allen Seiten abgesicherte Sprechblasen liefern. Genau das wird allseits bedauert, ist aber nur Folge dessen, was heutige Journalisten als „kritisch“ verstehen. Wer möchte, dass ein Gesprächspartner sich öffnet, muss auf Entspannung statt auf Konflikt setzen.
Meine werten Kritiker liefern immer wieder eine ambivalente Position: Einerseits betont man, ich gehe dem Schreiber zwar „weitgehend am Gesäß vorbei“, man wolle sich nicht mehr mit mir befassen, liefert dann aber haufenweise Besprechungen meiner Texte.
Der andere Irrtum besteht darin, nur dann überzeugend wirken zu können, wenn man den Gegner wirklich flächendeckend niedermacht: An dessen Arbeit sei alles abgrundtief falsch – nichts, was man zumindest prinzipiell anerkennen könne. Schlimmer noch: Man versucht, jeden Furz zu einem „Skandal“ aufzublasen. Als Autor fungiert nicht das Hirn, sondern die Keimdrüsen.
Wirklich alles völlig daneben? Selbst die Eigentümer mäßigen Verstands werden dabei misstrauisch. Die Lebenserfahrung lehrt, dass selbst das blinde Huhn oder die Schwiegermutter mal auf Richtiges kommt.
Die Kehrseite einer solchen Haltung ist die Einstellung, dass auch absolut Richtiges existiert – das Mantra jeder Religion und Ideologie. Auf dieser Basis werden Menschen verfolgt, eingesperrt und Kriege geführt.
Ich habe einmal geschrieben, das Leitmotiv meines Blogs sei die Frage „Ist das wirklich so?“.
Daher diskutiere ich am liebsten mit blinden Hühnern. Die finden wenigstens manchmal ein Korn.

Kollege Wendel hat in Windeseile einen Text zu meinem Artikel fabriziert: Er möchte bei seiner Machart bleiben. Prima – das wird die Bekanntheit meiner Texte weiter erhöhen!
AntwortenLöschenhttps://www.tangocompas.co/mimimimi/
Ich "beklage" mich in meinem Text über gar nichts. In keiner Zeile. Vielmehr beobachte und analysiere ich. "Aufgaben" aber lasse ich mir keine stellen.
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