Nebeneinander tanzen – oder miteinander?

Ich lobe gerne und tue das hiermit wieder einmal: Nach einer längeren Schaffenspause, in der Klaus Wendel seine Zeit mit kindischem „Radio Eriwan-Humor“ vertan hat, liefert er nun mit dem 38. Teil seiner „Gedanken über Tango-Unterricht“, seinen bislang wohl wichtigsten Text – angeregt durch den Beitrag eines argentinischen Tangolehrers.

Es gehe um den „alten Irrtum“, Tango sei eine Figurensammlung. Das beschreibe den „Zustand mancher Paare erschreckend gut“: Sie bewegten sich zwar gemeinsam, tanzten aber nicht miteinander. Sie folgten „inneren Drehbüchern, die ihnen jemand mal verkauft hat“, statt „den Menschen vor sich wahrzunehmen“.

Eine härtere Kritik am derzeitigen Tangounterricht könnte selbst ich nicht formulieren!

Viele Führende erlebten, oft nach Jahren, den Moment, in dem der Mann aufhöre, „über seine eigene Bewegung nachzudenken“. Ich bin da skeptisch: Viele werden das nicht sein – und wenn, dann eher Frauen. Aber mit denen hat‘s der Klaus ja nicht so…

Jedenfalls sei dies „ein Erdbeben“. Aber seien wir getrost: Im deutschen Tango wackelt es selten!

Solange Führende gedanklich „bei sich selbst“ seien, führten sie niemanden. Sie bewegten sich nur selber und hofften, dass auf der anderen Seite jemand „mitmache“. Volltreffer!

Führen entstehe, wenn man „im Körper“ der Partnerin ankomme. Na ja, werter Kollege, so intim muss es gar nicht werden! Aber wir verstehen, was er meint.

Folgen heiße nicht, „eine Art Bewegungsbefehl zu befolgen und umzusetzen“. Tango sei „keine Ampelschaltung“.

Nix mit „interpretieren, analysieren, abgleichen“. Tango sei ein „verschmolzenes System“. Ja, klar.

Wenn der Mann vorgebe und die Frau auszuführen habe, sei das kein Tango, sondern „Verwaltung“. Genauso sieht es oft aus!

Die meisten Schwierigkeiten im Tango stammten nicht aus fehlender Technik, sondern fehlender Aufmerksamkeit füreinander.

In aller Bescheidenheit darf ich anmerken, dass ich genau solche Gedanken in meinem Blog seit über zehn Jahren verbreite.

https://milongafuehrer.blogspot.com/2015/08/warum-ich-wenig-fuhre.html

https://milongafuehrer.blogspot.com/2022/12/mein-tunix-tango.html

Ein Blogger-Kollege hat mich dafür heftig kritisiert und als Vertreter der „Tunix-Fraktion“ entlarvt.

https://jochenlueders.de/?p=15907

Wendels Fazit: „Tango beginnt dort, wo das Ego endet“

Na, dann toi, toi, toi, Herr Kollege!

Als ersten Schritt würde ich schon mal empfehlen, Frauen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen – und sie dann sogar mit richtigem Namen anzusprechen. Oder vielleicht meiner Gattin eine eigenständige Meinung zuzugestehen, statt zu vermuten, sie schreibe nur aus „Loyalität“ zu mir.

https://www.tangocompas.co/in-eigener-sache-und-sonstiges/#comments

Aber gut, jeder nach seinen Möglichkeiten…

Insgesamt aber ein glänzender Artikel, den ich sehr gerne besprochen habe. Ob er dem Autor in der heutigen Tangowelt Sympathien einbringen wird, bezweifle ich. Aber das sollte niemanden davon abhalten, Zutreffendes zu bekennen!

Wirklich miteinander zu tanzen, aufeinander in jeder Sekunde zu achten – und nicht auf den Klugscheißer, der danebensteht und Anweisungen gibt, wird man in Kursen nicht erlernen. Viel wichtiger wäre es, das Gegenüber als vollwertigen Partner zu betrachten, der sich völlig gleichberechtigt einbringt. Und dann miteinander zu probieren, zu experimentieren, zu viel unterschiedlicher Musik. Nicht führen, sondern fühlen – so habe ich es in meinem Tangobuch schon vor über 15 Jahren ausgedrückt.

Das zu lernen ist schwierig und langwierig. Der Trost: Es geht auch im Wohnzimmer, ganz ohne teure Kursgebühren! Nein: Es gelingt dort sogar besser! Schon, weil man sich Musik auflegen kann, die einen wirklich inspiriert.

Mein Publikum wäre sicher enttäuscht, wenn ich zum Schluss nicht eine eigene Geschichte erzählen würde, die ich sehr oft – zum letzten Mal Ende Dezember auf einer Miloga – erlebt habe:

Wenn ich eine unbekannte Dame auffordere, gibt es nach ein, zwei Minuten einen Schlüsselmoment, wenn ich ihr erstmals eine vom „Tango-Katechismus“ abweichende Bewegung vorschlage: vielleicht eine Solodrehung, eine Schattenposition – egal.

Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder meine Partnerin erstarrt und wird nervös – oder bei ihr geht plötzlich das Licht an: Sie merkt, dass sie „anders“ tanzen darf und soll. Ich spüre dann ihre Erleichterung, sich eigenständig bewegen, das enge Korsett der üblichen Schritte verlassen zu können. Öfters werde ich von ihr anschließend sogar mit einer Flut ihrer Ideen eingedeckt: nicht einfach, aber total spannend!

Ich fürchte, es wäre uns beiden völlig egal, wenn uns hinterher ein Sauertopf mit der langen Liste unserer „Fehler“ versorgen würde.

Denn wir hatten etwas, das im Tango nicht in Kursen zu lernen, nicht mit viel Geld zu bezahlen ist: Spaß.

So wie die beiden: Ángel Coria macht hier Anna Yarigo den Kuckuck:

https://www.youtube.com/watch?v=r3bTkoYSx-I&list=RDr3bTkoYSx-I&start_radio=1

Kommentare

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