Marcel Reich-Ranicki und das Entertainment
„Die Wahrheit ist, dass Schriftsteller egozentrisch sein müssen – einem Schriftsteller zu verübeln, dass er egozentrisch ist, ist in höchstem Maße töricht.“ (Marcel Reich-Ranicki)
Durch puren Zufall entdeckte ich heute ein Gespräch zwischen zwei Meistern der Sprache: Das Kritiker-Urgestein Marcel Reich-Ranicki war 1996 zu Gast in der Harald Schmidt-Show: zwei Provokateure vor einer Kamera.
Ich wunderte mich schon einmal, dass die Literatur-Ikone die Einladung zu einer Late Night-Show angenommen hatte, die bekanntlich nicht gerade der geistigen Hochkultur gewidmet war.
Natürlich kriegte Schmidt von seinem Gast einige Spitzen zu den „ungebildeten“ Fernsehleuten ab – er wird es verschmerzt haben.
Überraschender fand ich, dass der Kritiker sich als Fan von Harald Juhnke entpuppte: Die einen Schauspieler, so seine Unterscheidung, müssten auf der Bühne erstmal viel reden und tun – Könnern hingegen glaube man sofort das, was sie darstellten.
Auf die Frage nach Günter Grass meinte der Kritiker, er habe schon so viele Feinde, da spiele ein weiterer keine Rolle mehr. Wem sagt er das…
Nur die schlechten Kritiker hätten keine Feinde, die sagten ja nichts Böses, seien immer freundlich.
Reich-Ranicki war ein Autodidakt. Außer dem Abitur, das er – als Jude erstaunlicherweise – noch 1938 am Berliner Fichte-Gymnasium ablegen durfte, besitzt er keinen Universitätsabschluss. Die Immatrikulation im Fach Germanistik wurde von der Friedrich-Wilhelms-Universität abgelehnt. Das erste Mal, dass er einen Hörsaal von innen sah, war anlässlich einer Vorlesung, die er viel später selber hielt.
Von den Studierenden spricht er mit Respekt – die bewegten sich nicht „auf dem Niveau der Fernsehangestellten“.
Bei seinen nächsten Sätzen könnte ich niederknien:
„Man hat mir viele Jahre lang vorgeworfen, ich sei ein Schulmeister. Dann kam ein neuer Zeitabschnitt, da hat man mir vorgeworfen, ich sei ein Entertainer. Und wissen Sie, was stimmt? Beides!“
Er verfolge tatsächlich zwei Ziele: pädagogisch zu wirken und unterhaltsam zu sein.
Reich-Ranicki findet lobende Worte für seinen Kollegen Hellmuth Karasek: Der schreibe nicht für Kollegen, sondern für Leser. Er erzählt die Geschichte von einem Germanisten, der ihm eine sehr gute Rezension vorlegte – aber sehr schwierig geschrieben. Reich-Ranickis Einwand: „Das verstehen in Deutschland fünf Leute“. Ja, so der Verfasser, das könne sein, aber auf die fünf komme es ihm an. „Der Mann hat seinen Beruf verfehlt.“ Man müsse versuchen, eine möglichst große Zahl von Lesern zu erreichen.
Ich meine, davon könnten wir auch in der „Bonsai-Tangowelt“ profitieren: So zu schreiben, dass unsere Kundschaft Belehrendes, aber auch Spaß erlebt. Dann liest es sich nämlich leichter!
Wenn ich Überschriften betrachte wie „Was sind Bezugssysteme – und warum sie beim Lernen manchmal sehr hilfreich sind“ oder gar „Die Rumsfeld-Matrix und der hedonistische Imperativ“, knacke ich schon beim ersten Absatz weg. Schade um den vielleicht gut gemeinten Inhalt – den man leider mit einer solchen Verpackung unwiderruflich beerdigt!
Wir Blogger müssen wahrhaftig das sein, was uns manche vorwerfen, die vom Schreiben keine Ahnung haben: Oberlehrer und Entertainer – manchmal gerne auch Spaßmacher!
Mit der Schule, so der Professor Crey in der „Feuerzangenbowle“, sei es wie mit einer Medizin: Sie müsse bitter schmecken, sonst nütze sie nichts. Konsequenterweise scheitert er, und das nicht nur in Heinrich Spoerls Erzählung.
Daher werde ich weiterhin großen Wert auf den Zuckerguss um die manchmal bittere Pille legen. Er muss ja nicht so fad schmecken wie der hundertste „Radio Eriwan-Witz“…
P.S. Zur Schonung meines intellektuellen Wohlbefindens bitte ich auf Kommentierungen zu verzichten, ich würde mich mit Reich-Ranicki „vergleichen“. Obwohl es genau genommen sogar stimmt, weil ein Vergleich ja keine Gleichsetzung bedeutet. Aber damit würden wir uns in Höhenflüge für fünf Leser begeben…
Und nun viel Vergnügen mit dem Video aus der „Harald Schmidt-Show“:

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