Tennis und Besenstiel

In Berlin ist der Strom nun wieder da – beim Regierenden Bürgermeister Kai Wegner dagegen flackern die Lichter. „Tennis Gate“ lautet inzwischen die Bezeichnung für eine Affäre, die der CDU bei der nächsten Wahl zum Abgeordnetenhaus im September die Regierungsverantwortung kosten könnte.

Wegner hatte zunächst offiziell den Eindruck vermittelt, er habe sich am ersten Tag des Stromausfalls die ganze Zeit im häuslichen Arbeitszimmer „eingeschlossen“, um telefonisch den Stromausfall und seine Folgen zu managen.

Blöd nur, dass ihn jemand beobachtete, als er mit seiner Freundin, der Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch, eine Stunde Tennis spielte. Natürlich sei er via auf laut gestelltes Handy weiterhin erreichbar gewesen. Aber er habe durch den Sport „den Kopf freikriegen“ müssen. Jetzt bemüht er sich um Schadensbegrenzung – nicht, was den Stromausfall, sondern seine Karriere betrifft.

https://www.bild.de/regional/berlin/auf-dem-tennisplatz-das-war-kai-wegners-groesster-fehler-695f5c9f482dcf8831fcd4e7

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen:

Martin Sonneborn („Die Partei“) schreibt auf Facebook: „Sie mussten in der Krise beim Tennis „den Kopf freikriegen‘, Kollege Wegner? Aber Ihr Kopf ist doch schon recht äh... frei. (Innen übrigens auch, wenn man Sie so reden hört.)“

https://www.facebook.com/martin.sonneborn/posts/sie-mussten-in-der-krise-beim-tennis-den-kopf-freikriegen-kollege-wegner-aber-ih/10240319040024071/

Den Spruch des Tages brachte die frühere Grünen-Chefin Ricard Lang: „Immerhin Wegner hatte Netz.“

https://www.welt.de/politik/deutschland/article695f48f44d1d5f581eeaf4e1/merz-verteidigt-buergermeister-immerhin-wegner-hatte-netz-spottet-ricarda-lang.html

Um nun ernster zu werden: Wie realitätsfern muss man als Politiker sein, die Außenwirkung solcher Aktionen nicht zu ahnen? Und den Fehler erstmal zu verschweigen und anschließend wie ein ertappter Schulbub nach Entschuldigungen zu suchen?

De facto habe doch seine Tennisstunde nichts geändert, meint Wegner. Technokratisch gesehen ja – aber ein „Landesvater“ muss halt auch zeigen, dass er sich von der Lage ganz schnell einen persönlichen Eindruck verschafft. Und das bedeutet auch, mit Betroffenen zu reden, vor Ort Hilfsbereitschaft und Zuversicht zu verbreiten.

Es hat Edmund Stoiber die Kanzlerschaft gekostet, sich 2002 nicht schnell genug in den östlichen Flutgebieten sehen zu lassen – und Armin Laschet hat möglicherweise dieses Amt wegen eines dummen Fehlers verpasst – durch sein dämlichen Gelache bei einem Besuch im verwüsteten Ahrtal.

 

https://www.youtube.com/watch?v=BWEqCBk0Ubc 

Ganz schlimm wird es, wenn man dann noch versucht, den Skandal kleinzureden, statt den Blödsinn offen zuzugeben!

Vielleicht sollten sich Spitzenpolitiker einen „Reality-Berater“ leisten, der sie über die Situation des einfachen Volks auf dem Laufenden hält.

Dazu einen meiner Lieblingswitze: Helmut Kohl wird durch die Stadt kutschiert. Er meint zu seinem Fahrer: „Da regen sich die Leute auf, dass alles teurer wird – aber im Geschäft da drüben gibt es Hosen für zehn Mark!“ Dessen Antwort: „Herr Bundeskanzler, das ist eine chemische Reinigung!“

Das Ganze erinnert mich an ein Erlebnis in meiner Bonsai-Tangowelt:

Wir besuchten vor vielen Jahren öfter eine Regensburger Milonga, die in einer ehemaligen Mälzerei stattfand. Der Treff war seinerzeit sehr angesagt und entsprechend überlaufen. Luxus war in dem alten Gemäuer nicht direkt vorhanden – na gut, waren wir im früheren Tango auch nicht unbedingt gewöhnt!

Die „Garderobe“ befand sich in einem kleinen Kellerverließ, wo man die Mäntel und Jacken an Kleiderbügeln auf einen Besenstiel hängen konnte, der mit den Enden mit einigen krummen Nägeln an den gegenüberliegenden Wänden befestigt war. Als wir eintrafen, hing das Gebilde ob der schweren Last schon ziemlich durch, und die ersten Gäste hatten begonnen, ihre Sachen auf dem dreckigen Kellerboden zu deponieren.

„Erschwerend“ kam hinzu, dass es an dem Abend ebenso kalt war wie heute – es dominierte also dicke Bekleidung.

Als wir heimfahren wollten, war der Besenstiel wegen der schweren Last zusammengebrochen – vor uns türmte sich ein Berg meist dunkler Kleidungsstücke, wegen der Funzel-Beleuchtung im Keller kaum unterscheidbar. Smartphones mit Beleuchtung gab es damals noch keine.

Wir brauchten mindestens eine Viertelstunde, um zusammen mit anderen Besuchern in diesem Gewirr unsere Siebensachen zu finden. Nachher gaben wir die Kleidung zur Reinigung.

Gut – kann alles mal passieren! Allerdings führen gute Baumärkte Halterungen für solche Aufhängungen. Es gäbe sogar preiswerte Kleiderständer zum Zusammenschrauben…

Was mich aber fuchtig machte: Die ganze Zeit stand draußen im Flur in kurzer Entfernung einer der Veranstalter, der rauchend (lang ist’s her) mit einigen gackernden Tangoschönheiten parlierte. Vom nahen Chaos nahm er lieber keine Notiz.

Warum soll man sich auch mit den Problemen des niederen Tangovolks befassen? Gut, wäre ich ein argentinischer Tangolehrer gewesen, hätte er wohl sogar vor mir den Boden saubergeleckt!

Klar, der Organisator hätte unsere Klamotten auch nicht schneller gefunden. Aber in solchen Situationen täte bereits eine mitfühlende Aufmerksamkeit gut. Oder das Besorgen einer starken Lampe. 

Wir haben die Milonga nach diesem Erlebnis nie wieder besucht. (Dafür gabe es es einige Gründe mehr - aber das war der Auslöser.) Dadurch sind den Herrschaften wohl einige hundert Euro entgangen. Das freut mich!

Leider müssen sich Tangoveranstalter – anders als Regierungschefs – keiner Wahl stellen.

Sehr schade! 

Kommentare

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